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Archiv für September 2011

Pyjama Party! Im Bett mit Malediva

30. September 2011 1 Kommentar

Ein Abend gelungener Selbstzweifel

Malediva Pyjama Party © Robert ReckerBERLIN (gc) – Nicht immer kann man so viele gut gekleidete Herren im Tipi am Kanzleramt treffen. Wenn aber Malediva zur Uraufführung eines neuen Programms lädt, putzt man(n) sich natürlich gerne heraus! Florian Ludewig, Tetta Müller und Lo Malinke veranstalten eine Pyjama-Party. Dabei tragen sie gar keine Pyjamas, sondern baumwollene Kapuzenpullis in Farben, die eine modebewusste Frau nicht im Kleiderschrank ihres Partners dulden würde. Eine ganze Nacht kann man mit den beiden Darstellern verbringen und dabei Alltag erleben: Einschlafprobleme, kleine Sticheleien und ein wenig Melancholie prägen den Abend, der zum Ende doch noch den Dreh ins Optimistische schafft.

Es sind Reibereien zwischen einem Organisationstalent und einem Spontaneitätstalent. Das sehr gut eingespielte Paar ist sich nicht sicher, „ob Du es verboten hast oder wir uns darauf geeinigt haben“, und streitet über die richtige Bezeichnung „To-do-Liste oder Tu-Du-es-Liste?“ Beide sind schon lange zusammen und erleben nun den Alltagsfrust der Beziehung, beklagen das fehlende Feuer und wünschen sich den Anfang ihres Zusammenseins mit den vielen neuen Entdeckungen zurück.

Wunderschön dabei gleich zu Beginn das Lied „Du machst es schon wieder“ mit der Zeile „Es gibt noch Plätze in mir, in denen Du noch nicht warst.“ Malediva beschreibt musikalisch alltägliche Fehlentscheidungen und wünscht sich zurück in die siebziger Jahre. Nachzulesen sind die Liedtexte übrigens auf der Homepage der Gruppe.

Sehr sympathisch, wie Malediva mit kleinen Fehlern auf der Bühne umgeht. Mit großen übrigens auch! Besonders ruhig und gelassen kommt dabei Pianist Florian Ludewig herüber. Diesen Mann mit dem stets richtigen Griff und einer Engelsgeduld scheint einfach nichts erschüttern zu können. „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“, hat Loriot einmal gesagt. Und Malediva zeigt, dass es bei Männern und Männern auch nicht immer klappt.

Gilles Chevalier © 2011 BonMot-Berlin

weitere Termine:
29.9. – 16.10.2011: Berlin, Tipi am Kanzleramt
Di – Sa 20 , So 19 Uhr, Tickets: 12,30 € – 29,50 €
Tel. 030.39 06 65 50

www.malediva.de

Florian Schroeder: Offen für alles und nicht ganz dicht

27. September 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Aufschieben …

Florian Schroeder - Foto © Frank EidelBERLIN (gc) – Florian Schroeder bekennt, ein Aufschieber zu sein. Um 11 Uhr will er mit dem Arbeiten beginnen, aber er wird dauernd abgelenkt – oder lässt sich ablenken. Anders gesagt: Er nimmt sich fest vor, das Publikum gut zu unterhalten und dann kommt ihm ständig etwas dazwischen. Die Folge: Der angenehme Abend muss auf das nächste Mal verschoben werden. Denn das neue Stück von Florian Schroeder „Offen für alles und nicht ganz dicht“ ist so tiefgreifend anders als frühere, dass man den neuen Florian Schroeder erst mal sacken lassen muss. Wo früher ein hintergründiger, frecher und unkorrekter politischer Kabarettist und Parodist war, ist heute ein mitleidheischender und an der Seele verletzter Vertreter der so furchtbar gebeutelten Generation um die 30! Autobiographische Selbstbespiegelungen mit einigen wenigen politischen Einsprengseln prägen das Programm.

Schroeder erzählt von seinen Erinnerungen an die Schulzeit. Als seine Klasse im Wirtschaftsgymnasium die einzige war, die bei der Abschlussparty rote Zahlen geschrieben hat. Die meisten seiner Klassenkameraden hätten sich dann nicht entscheiden können und studierten deshalb BWL. Ein prima Ansatz, um die Wirtschaftskrise zu erklären! Auf das Problem, sich nicht entscheiden zu können, kommt er immer wieder zurück: Ob beim Bestellen eines Kaffees bei Starbucks oder bei den Entscheidungen für die weitere Lebensplanung. Immer ist da diese Angst, sich festzulegen. Schließlich kehrt er zu Starbucks zurück und führt mit der Verkäuferin einen philosophischen Diskurs. Dann legt er „die Karnevalsmaske der Toleranz ab“ und will ganz entschieden NICHTS bestellen. Hier wird es sehr dicht und angenehm anspruchsvoll.

Die Lebenssituation der Generation um die 30 ist ein weiterer Schwerpunkt: iPhone, iPod, Eierkopp – also das digitale Leben, der Umgang mit elektronischen Geräten und sozialen Netzwerken. Weil es Mode ist, hat sich Schroeder eine Personal Trainerin engagiert, die ihm einen individuellen Sportplan zusammengestellt hat. Zusammen mit dem Publikum führt er diese Übungen durch. So kommt dann ein wenig Bewegung in den Abend…

Unklar bleibt, warum Schroeder nicht stärker auf das Bewährte setzt. Wenn er parodiert, ist er kaum zu schlagen. Wie er die Künast ohne Worte, den Kretschmann gepresst und den Westerwelle gequakt karikiert, hat Klasse. Wenn er gallig wird und sich die Fähigkeiten und Erfahrungen solcher Politiker wie Bahr, Rösler und Lindner anschaut und resümiert: „Parteien sind die Kleingartenvereine des 21. Jahrhunderts“, ist die Publikumsresonanz am größten. Wenn er sagt: „Neben einer Auto fahrenden Frau zu sitzen und nichts besser zu wissen, ist gelebte Emanzipation“, hat er das Zelt auf seiner Seite. Er zitiert aus Popsongs, um die Zuschauer raten zu lassen, ob es sich um den Auszug eines „Silbermond“-Titels handelt. Am Ende gebremster Applaus im Tipi am Kanzleramt. Schroeders Top-Thema, die Unentschlossenheit, hatte sich wohl bereits auf das Publikum übertragen.

Gilles Chevalier © 2011 BonMot-Berlin Ltd.

weitere Vorstellungen:
27.9.2011: Berlin, Tipi am Kanzleramt
29.9.2011: Münster, Stadthalle Hiltrup
30.9.2011: Korschenbroich, Gymnasium Korschenbroich
1.10.2011: Neukirchen-Vluyn, Kulturhalle

www.florian-schroeder.com

Kategorien:Kabarett, Kritik

Lisa Politt: “Wie geht’s uns denn..?”

23. September 2011 1 Kommentar
Heute Uraufführung im Hamburger Polittbüro

Lisa Politt-Kohl - Foto © www.polittbuero.deHAMBURG (bm) – Der pluralis majestatis im Titel macht es schon deutlich. Die politische Kabarettistin Lisa Politt setzt sich in ihrem neuen Solo mit der autoritären Haltung der Macht auseinander. Üblicherweise steht diese Frage vor der Diagnose. Sieht ganz danach aus, als wolle sie in die Rolle von Hannelore Kohl schlüpfen … Wir (sic!) dürfen gespannt sein!

Schuldenkrise, Griechenland und schlechtes Wetter – und was macht der Deutsche? Liest Bücher über Kohl. Warum? Er will sich Tipps holen vom Siegertypen. Das Buch von Sohn Walter, das über (Ex-) Ehefrau Hannelore: Beide verdrängen sich gegenseitig von den ersten Plätzen der Bestsellerlisten, und beide handeln im Grunde nur von ihm. Helmut. Dem Dicken. Der Birne. Sowohl das meckernde Söhnchen als auch die (Ex-) Gattin der Finsternis verweist die Lichtgestalt auch in Abwesenheit locker auf die Plätze.

„Brauchen wir Frauen vielleicht alle unseren eisenhart an der Einsamkeit gestählten Humor, um in der heutigen Zeit als Erfolgsmodell durch’s Leben zu gehen?“ – fragt Lisa Politt. Hannelore Kohl hat einmal geantwortet, als ein Journalist wissen wollte, wie sie die lange Zeit des Wartens auf den Gatten ertrage: „Wir haben einen Hund. Wann immer mein Mann nach Hause kommt – der Hund freut sich. Ich habe in dieser Beziehung sehr viel von unserem Hund gelernt.“

Klar ist: Wer so lange und breite Schatten wirft, der steht in der Sonne. Und auch wenn die Familie des Einheitskanzlers sich jetzt entzweit, auch wenn das Ganze aussieht wie seine späte Rache: Er, der schon immer sowohl seine Partei als auch seine Familie in “Kohlianer” und “Nicht-Kohlianer” zu unterscheiden wusste, steht nach allem als Gewinner da. Respekt. Wie schafft er das? – Was ist sein Erfolgs-Geheimnis?

Mit Lisa Politt können Sie die hohe Kunst des Aussitzens üben und die des Aufsetzens der Perücke. Und: Lernen Sie siegen! Hören Sie dabei tief in sich hinein und lassen Sie sich fragen: Wie geht’s uns denn? – Vermutlich ziemlich gut, nach diesem Programm. Wäre doch gelacht.

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

Premiere:
Fr., 23. September 2011, Hamburg, Polittbüro,
Tel. 040 – 280 55 467

weitere Termine im Polittbüro:
Sa., 24. Sept., Di., 27. Sept. bis Sa., 1. Okt., Di., 4. bis Sa., 8. Oktober 2011,
Eintritt: 15,- /erm. 10,- Euro

Mia Pitroff gewinnt den 6. Kabarettpreis in Vohenstrauß 2011

18. September 2011 1 Kommentar
Die Fränkin punktet mit staubtrockenem Humor in der Oberpfalz

VOHENSTRAUSS (bm) – Der Wettbewerb um den kleinen, aber feinen Preis wurde in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal ausgetragen. Er hat seinen eigenen familiären Charakter – kombiniert mit dem rauen Charme der Oberpfalz: In der für Kleinkunst viel zu großen Friedrichsburg hat sich am Freitag jeder der vier Teilnehmer mit einem 40 Minuten langen Beitrag vorgestellt. Gestern hat das Publikum dann nach einer Mixed Show mit kürzeren Beiträgen den Gewinner des Preises gewählt, der satte 1000 Euro wert ist.

Mia Pitroff - Foto © Kultus KölnDie Vohenstraußer haben sich für Mia Pitroff entschieden. Schon mit ihrem Auftritt „Darf ich Euch Euchzen?“ hatte sie das Publikum für sich eingenommen. Die 31-jährige Künstlerin aus dem oberfränkischen Bayreuth hat ihren eigenen Stil im Kabarett gefunden, und der ist überzeugend. Gerne wird zitiert, dass sie irgendwie an den jungen Gerhard Polt erinnere. Da ist was dran. Sie reißt ein Thema an, gibt auf halber Strecke auf und wischt es mit so einer mürrischen Ach-das-hat-ja-sowieso-keinen-Zweck-Geste wieder weg. Den Rest muss man sich einfach selbst denken.

Wer wie sie aus Bayreuth stammt, kommt um die Beantwortung urheberrechtlicher Fragen nicht herum. Mia Pitroff gesteht es gleich zu Anfang: Das Programm „Mein Laminat, die Sabine und ich“ hat ihre Mutter geschrieben. Nur das hier, heute Abend, das hat sie sich mal schnell selbst ausgedacht. „Wir leben in einer Umso-Desto-Zeit“, sagt sie und nach ein paar Beispielen dafür, dass alles in der falschen Reihenfolge passiert, wendet sie ihre Behauptung auf die Theatersituation an: „Ihr könnt ja erst mal klatschen, ich überleg mir dann vielleicht, was ich dazu sag“.

Wie schwer es sein kann, ein Paket bei der Post aufzugeben oder ein Paar Ringelsocken zu kaufen. Was als Banalität aus dem Alltag beginnt, treibt Mia Pitroff gekonnt ins Groteske. Ganz wunderbar: Das Buddhismus-Wochenendseminar. Diese Religion kommt ja eigentlich aus dem Fränkischen. Die zwei Ds in der Mitte und überhaupt, diese gelassene Einstellung gegenüber den Wechselfällen des Lebens „Paßt scho“.

Keine Frage, Mia Pitroff kann ihre Sache. Sie kommt auch mal von hinten ganz leise um die Ecke. Ganz egal, ob sie sich über Milchkaffee-Marotten erschöpft oder begeistert davon singt, wie gern sie ihre persönlichen Daten hergibt, in der Hoffnung eine Traumreise und Megapreise zu gewinnen. Intelligentes Kabarett, das in jedem Moment Spaß macht!

Volk & Knecht - Foto © Otto LayherDie einzige Konkurrenz für Mia Pitroff beim Vohenstraußer Wettbewerb kam aus Köln. Das Duo Volk & Knecht haut mit rheinländischem Klamauk und Slapstick ganz mächtig auf die Pauke. Zwei schrille Damen in schwarzen Pailetten-Abendkleidern und auf schicken Stöckelschuhen. Das ist schon mal was für’s Auge. Nina Knecht, die außerordentliche Sängerin, und Andrea Volk, die freche Autorin.

Das ungleiche Paar piesakt sich gegenseitig, missversteht sich und macht jede Menge Rabatz. Ulkig, dass beim frivolen Schleiertanz mit der Gardine der Ventilator aussetzt und Frau Volk den Wind aus den Segeln nimmt. Frau hat es nicht leicht in so einer schwulen Stadt wie Köln den letzten unvergebenen Hetero ausfindig zu machen. Kölsches Entertainment. Man muss es mögen.

Manuel Wolff war nicht so gut drauf. Irgendwie kommt er nicht so richtig in Schwung. Mit seinen Musikparodien am E-Piano kann er beim Publikum kaum landen. Und auch die Mitmachnummer gerät zum Desaster. Ein Paar aus dem Publikum soll auf der Bühne vorspielen, wie es sich kennengelernt hat. Im Fall von Verena und Andi war das im Fitness-Studio. Deshalb muss Andi beweisen, wie viele Liegestützen er schafft, während Manuel Wolff ein sogenanntes Musical um die Geschichte improvisiert.

Manuel Wolff - Foto © Manuel WolffDie Internetnummer über sonderbare StudiVZ-Diskussionsgruppen verfehlt ihre Wirkung. Vermutlich, weil im Publikum nun mal eine andere Altersgruppe saß. „Mein Name ist Hans. Das L steht für Gefahr.“ – Darüber kann lachen, wer’s kennt. Und auch noch dann die Geschichte mit dem Lebkuchenherz von O2 aus Pappe.

Maria Vollmer - Foto © Patric FouadMaria Vollmer, Mutter zweier Kinder aus Köln-Nippes, spielt Maria Vollmer, Mutter zweier Kinder aus Köln-Nippes. „Sex & Drugs im Reihenhaus“ heißt das Programm, in dem sie von den unendlichen Weiten des hinlänglich bekannten Hausfrauen-Universums berichtet. Das Leben in der Reihenhaussiedlung ist „Käfighaltung für denkresistente Spießer“. Da werden die Mülltonnen von innen sauber gemacht. Auch der Ehemann – „Mein Gott, Rainer!“ – ist da weniger eine Hilfe, denn eine Behinderung. Allein Prosecco und Eierlikör machen dieses elende Dasein halbwegs erträglich.

Mit ihren Späßen bleibt Maria Vollmer an der Oberfläche, arbeitet artig ein Klischee nach dem anderen ab, wirklich überraschend ist nichts. Auch die hübschen Gesangseinlagen nicht. Trotzdem oder gerade deswegen erntet sie immer wieder Zustimmung. Manch eine Hausfrau hat sich da wohl wieder erkannt. Highlight dieses Wettbewerbsbeitrags: Das Märchen von dem großen Wäscheberg und der bösen Schwiegermutter. Zum Vollplayback stellt Maria Vollmer das Drama mit einem weißen Spannbetttuch pantomimisch dar, spannt und zerrt es, schneidet Grimassen und läuft zu komischer Hochform auf.

SchrägschraubenDas Ehepaar Monika und Bernhard Helmstreit aus Vohenstrauß hat diesen Wettbewerb ins Leben gerufen und die Sponsoren gewonnen, die diese feine Veranstaltung in der Oberpfalz erst möglich machen. Monika Helmstreit und ihre Schwester Regina Diegel führen als Die Schrägschrauben durch’s Programm.
Liebe Vohenstrausser, bitte macht so weiter!

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

Mia Pitroff gewinnt den Kabarettpreis in Vohenstrauß 2011

18. September 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Die Fränkin punktet mit staubtrockenem Humor in der Oberpfalz

Mia Pitroff - Foto © Kultus KölnVOHENSTRAUSS (bm) – Der Wettbewerb um den kleinen, aber feinen Preis wurde in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal ausgetragen. Er hat seinen eigenen familiären Charakter – kombiniert mit dem rauen Charme der Oberpfalz: In der für Kleinkunst viel zu großen Friedrichsburg stellt sich jeder der vier Teilnehmer am Freitag mit einem 40 Minuten langen Beitrag vor.
Am nächsten Tag wählt das Publikum nach einer Mixed Show mit kürzeren Beiträgen den Gewinner des Preises, der satte 1000 Euro wert ist.

Das Publikum hat soeben Mia Pitroff zur Gewinnerin gewählt.

Ausführliche Kritik folgt morgen hier.

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

6. Vohenstraußer KabarettTage

16. September 2011 Hinterlasse einen Kommentar
16. und 17. September in Schloss Friedrichsburg in Vohenstrauß

SchrägschraubenVOHENSTRAUSS (bm) – Heute und morgen kämpfen sie um den 6. Vohenstraußer Kabarettpreis:
Volk & Knecht, Maria Vollmer, Manuel Wolff und Mia Pitroff.
Alle nominierten KünstlerInnen spielen Ausschnitte aus ihren Programmen. Die Schrägschrauben, die diesen Wettbewerb ins Leben gerufen haben, moderieren ihn auch – wie in den Jahren zuvor. Das Publikum wählt nach der Vorstellung am Samstag den Gewinner.

www.kabaretttage.dewww.friedrichsburg.de

Sven Ratzke: „NachtSpiele“ – Uraufführung in der Bar jeder Vernunft

14. September 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Ein wahrer Bühnenberserker

Sven Ratzke 01 - Foto © Hanneke KuijpersBERLIN (as) – Wenn es um’s Bühnenkostüm geht, haben Chansonniers in der Regel ein leichtes Spiel. Während ihre Kolleginnen sich zwischen dem kleinen Schwarzen, ausladender Abendgarderobe oder farbenfrohem Schlampenlook entscheiden müssen und dann auch noch Frisuren und Schuhwerk abstimmen müssen, bleiben die Herren zumeist klassisch. Ob Kreisler, Brecht oder Brel: Mann gibt sich seriös und schwarz-weiß und greift zu Frack oder Jackett. Auch Sven Ratzke steht nach der Pause schwarz gewandet auf der Bühne – klassisch würde man sein Outfit jedoch nicht nennen. Das tief ausgeschnittene Pailletten-Shirt glitzert im Scheinwerferlicht und auf den breiten Schulterpolstern stecken kleine Federboabüschel.

Das kleine Accessoire wirkt wie ein Zitat, in dem all das kumuliert, was in Chansonprogrammen zumeist nicht zu finden ist: Glamour, Revue, Verruchtheit und Sexyness, auch mal der schmutzigen Art. Tatsächlich erfüllt sein neues Bühnenprogramm „NachtSpiele“, das er in der Berliner Bar jeder Vernunft zur Uraufführung brachte, diese Verheißungen des Federbüschels auf‘s Beste.

Sven Ratzke 05 - Foto © Jan WirdeierSven Ratzke, der seit vielen Jahren in Amsterdam lebt, mag zwar zu einem festen Bestandteil der dortigen Szene geworden sein, im Innersten aber bleibt er doch seinen deutschen kulturellen Wurzeln verbunden. Oder besser: Er nimmt sich aus allem, was ihm für die eigene Bühnenkunst am besten passt: Deutsche Perfektion und Chansontradition, die flapsige Direktheit der Niederländer, den Glamour von Las Vegas und den erotischen Esprit des Vaudeville-Theaters.

Noch keine drei Minuten steht er auf der Bühne, da hat er – ehe sie sich’s versahen – zwei Männer in der erste Reihe geküsst und sie damit für den Rest des Abends zu seinen Anspielpartnern gemacht. „Das ist meine holländische Art“ entschuldigt sich Ratzke mit einer lässigen Geste. Er wird sich im Laufe der zweieinshalbstündigen Show noch ein paar Mal für seine Direktheit entschuldigen. Aber Sven Ratzke ist nicht Kay Ray. Seine Späße und Witze, auch wenn sie unter die Gürtellinie gehen, wollen kein Schenkelklopfen provozieren.

Man muss sich für Ratzke nicht fremdschämen, dafür ist er zu sehr Charmeur. Dass er auf Tuchfühlung mit dem Publikum geht, erlebt man nicht als Anbiederung, sondern als Teil seines Wesens: Der kann einfach nicht anders. Vor allem aber zeigt er schon in diesen ersten Warm-up-Minuten, was für eine gnadenlose, auch gnadenlos perfektionierte Rampensau er ist. Ein wahrer, manchmal beängstigender Bühnenberserker. Der Schweiß, den er sich allenthalben mit einem Handtuch von der Stirn wischen muss, ist redlich erarbeitet.

Sven Ratzke 03 - Foto © Hanneke WetzerRatzke scheint die Welt des Cabarets und Chansons in sich aufgesogen zu haben. Wandelbar wie ein Chamäleon wechselt er die Genres, beeindruckt mit einer röhrenden Rockerstimme in Machoposen und säuselt lasziv als androgyne Diva. Singt David Bowies „Life on Mars“ mit kräftigen Glamrock-Timbre, macht uns in „Eine Nacht in Amsterdam“ den Brel mit rauchiger Stimme. Das Lied – wie viele an diesem Abend – von Ratzke selbst getextet und von seinem Pianisten Charly Zastrau vertont, zelebriert in dunklen poetischen Bildern die Welt der Huren, Nachtwandler und rostiger Fische in den Grachten. Wer mag, kann es als Kondensat eines halben Jahrhunderts Chansongeschichte entschlüsseln.

Wie lässig und klug er mit der Tradition des Genres umzugehen weiß, zeigt er auch in seiner locker dahingeplauderten Geschichte, mit der er den „Salomonsong“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill einleitet, zugleich aber in wenigen bösen Sätzen dem Frauenausbeuter Brecht auf die Mütze gibt und sich nebenbei einen Spaß mit Gisela May erlaubt.

Vor allem aber liefert sich Ratzke mit solchen Songs die Vorlagen, um als Entertainer das Äußerste zu geben. Bei seinem „Berlin Charité-Blues“ steigert er sich in ein geradezu furchteinflößendes Irresein. Sein etwas kalauerndes Duett zwischen Sarkozy und Merkel klingt wie Serge Gainsburg vs. Miss Piggy. Tom Jones’ „Sex Bomb“ lässt Ratzke ruckeln und zuckeln, als stünde er unter Strom. Er wienert, berlinert und macht uns den Falco.

Sven Ratzke 06 - Foto © Jan WirdeierManchmal wünscht man sich, dass Ratzke für die Länge eines Songs einfach mal ganz bei sich und diesem Moment bliebe, dass er die vielfältigen Stimmungen, die er so scheinbar lässig herzustellen weiß, auch bis zum letzten Akkord auskosten würde.

Aber Ratzke hat etwas vom Duracell-Häschen. Dieser Mann platzt vor Energie. Unablässig muss er wild und exzentrisch zappeln und gestikulieren, oder er tanzt wie ein Michael Jackson-Imitator beim epileptischen Anfall.

Ratzke sprüht vor Ideen, guten und besseren, und vor allem sehr spontanen Scherzen. In seinen mäandernden Moderationen, bei denen er ein wenig an die frühe Georgette Dee erinnert, verrennt er sich immer wieder in absurdeste Geschichten. Da lässt er dann auch mal Rudi Carrell in ein Zeltdorf alternder ZDF-Fernsehballetteusen stürmen. Manchmal findet er aus diesen Nummern kaum mehr heraus und muss selbst darüber lachen. Aus dem Stegreif textet er auf Niederländisch eine zweifelhafte Berlinhymne, bis er mittendrin plötzlich abbricht. „Das ist nun wirklich unter Niveau“. Aber auch hier weiß er sich artig zu entschuldigen: „Das ist mir eben nur so eingefallen, als ich meine Erektion bezwingen musste.“

Axel Schock © 2011 BonMoT-Berlin

weitere Termine:
Mi, 14.9. – So, 18.9.2011: Berlin, Bar jeder Vernunft, Tel. 883 15 82, Mi bis Sa 20 Uhr, So 19 Uhr, 19-24,50 Euro

www.sven-ratzke.com

Bernhard Lentsch gewinnt die Wuchtel 2011

10. September 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Der Große Kabarett- und Comedy-Preis der Arbeiterkammer Niederösterreich

Bernhard Lentsch - Foto © Alexandra Kromus AKNÖST. PÖLTEN (ots) – Bernhard Lentsch ist Gewinner der Wuchtel 2011, des Kabarett- und Comedy-Preises der Arbeiterkammer Niederösterreich. Lentsch setzte sich gegen die anderen Nachwuchskünstler gestern Abend im Finale durch, das zum ersten Mal in der Bühne im Hof in St. Pölten vor ausverkauftem Haus stattfand. Die Finalisten hatten sich zuvor in vier regionalen Vorausscheidungen für den Wettbewerb qualifiziert.

Lentsch konnte in seinem launigen Auftritt – ausgerechnet an seinem Geburtstag – mit ausdrucksstarkem und tiefgründigem Humor den Siegespreis im Wert von 1.500 Euro in bar sowie die begehrte Trophäe, die Wuchtel, erkämpfen. Bernhard Lentsch ist ein echter Newcomer, er bemüht sich erst seit kurzer Zeit als Kabarettist. Lentsch wurde in den achtziger Jahren geboren und ist im Vorzeigeprojekt der Floridsdorfer Kulturrevolution “Dr.-Franz-Koch-Hof” aufgewachsen. Er hatte nach dem Zivildienst diverse Jobs im sozialen Bereich und studiert seit 2007 Soziale Arbeit in Tirol.

Auch der Kärntner Wolfgang Feistritzer mit seinem witzigen Gschichterln des steirischen Top-Journalisten Simon Tuppinger, der nach Kärnten heiratet und Andy Sauerwein aus Würzburg konnten mit den Plätzen 2 und 3 die rund 400 Kabarett-Fans zu Lachstürmen und Zwischenapplaus hinreißen.

Die Wuchtel, der Große-Niederösterreich-Kabarett- und Comedy-Preis ist einer der renommiertesten Preise in der österreichischen Kleinkunst-Szene. Mit ihm fördert die Arbeiterkammer Niederösterreich Nachwuchstalente.

Quelle: www.ots.at

Anny Hartmann und das Duo luna-tic erhalten Sankt Ingberter Pfannen 2011

9. September 2011 1 Kommentar

Anny Hartmann (Foto PR St. Ingbert)SANKT INGBERT (bm) – Das gab es noch nie! Alle drei Preise des 27. Kleinkunstwettbewerbs “Die Sankt Ingberter Pfanne” gingen 2011 an Frauen – zwei gleichwertige Jurypreise und ein Publikumspreis. Die für die Hausfrau vielseitig einsetzbaren Kochgeschirre wurden nebst dem Haushaltsgeld von jeweils 4.000 Euro am Freitagabend in der Stadthalle verliehen.

Jurypreis für Anny Hartmann

Kaum zu glauben, dass man als Kabarettistin so aktuell sein kann! Das wunderte auch die Jury der Sankt Ingberter Pfanne, und man beschloss, eine der diesjährigen Auszeichnungen an Anny Hartmann zu vergeben. Die 41-jährige Künstlerin aus Köln beeindruckte aber auch in anderer Hinsicht. Bemerkenswert die Präsens und Energie, die ihren Auftritt beim Wettbewerb auszeichneten. Zudem scharfsinnige, intelligente Analysen auch tagesaktueller Politik und ihrer Darsteller – das war eine Pfanne wert.

Duo luna-tic - Foto © duo.luna-tic.netJurypreis für das Duo luna-tic

Das deutsch-schweizerische Duo luna-tic punktete mit traumhaft schöner Musik. Und verblüffte durch einen atemberaubenden Umgang mit dem fahrbaren Klavier. Judith Bach und Stéfanie Lang verstehen es, die Tradition klassischer Clownerie weiterzuentwickeln und in eine aktuelle Sprache zu übersetzen. Als ungleiches Paar verstricken sie sich als Frau Olli und Mademoiselle Claire auf der Bühne im Netz des ganz normalen Wahnsinns. Mit Leichtigkeit bewegt sich ihr Programm zwischen Comedy und Varieté, das sowohl schauspielerisch, musikalisch als auch artistisch eine Glanzleistung darstellt.

Zuschauerpreis für das Duo luna-tic

Auch das Publikum in Sankt Ingbert hat die meisten Stimmen für das Duo luna-tic abgegeben. Damit ging der von der Sparda-Stiftung Kultur und Soziales gestiftete Zuschauerpreis ebenfalls an die beiden Musikkomikerinnen.

Sämtliche Wettbewerbsbeiträge werden vom Fernsehen des Saarländischen Rundfunks ausgestrahlt. Die Sendetermine stehen noch nicht fest.
Ein Wiedersehen mit dem Duo Luna-tic und dem Moderator des Wettbewerbs Philipp Scharri wird es in der Veranstaltungsreihe “A la minute” im nächsten Jahr in der Sankt Ingberter Stadthalle geben.

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

www.sanktingbert.de

Plakat St. Ingbert 2011 (www.sanktingbert.de)verwandte Beiträge auf www.liveundlustig.de :
Dritter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2011 – Kritik
Vierter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2011 – Kritik

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