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Archiv für Oktober 2011

Ursus & Nadeschkin: Zugabe

30. Oktober 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Die „Marx Brothers aus der Schweiz“ geben ihre Berlinpremiere im tipi am Kanzleramt

Ursus & Nadeschkin – Foto Geri BornBERLIN (bm) – Die Kleinkunst-Stars aus Zürich sind zwei schräge Vögel: schrill, farbig und verrückt. Sie lieben die Provokation, fallen aus dem Rahmen und lassen sich ungern auf etwas Bestimmtes reduzieren.
Theater, Kabarett, Artistik, Clownerie – Ursus & Nadeschkin sind vieles, vor allem aber: immer wieder neu. Und das seit über 20 Jahren!

In ihrem aktuellen Programm “Zugabe” zeigen sie den besten Nonsens aus 24 Jahren Ursus & Nadeschkin. Lauter Lieblingsnummern. Wenn die “German Marx Brothers” aus der Schweiz in Endlosschleifen tanzen, sich in Details zerpflücken oder unerwartet öffentlich Pause machen, dann sind sie näher bei Godot als beim Klamauk.

Gerade haben sie noch München verrückt gemacht. Höchste Zeit, dass die Berliner sie erleben dürfen!

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

Termine Ursus & Nadeschkin: Zugabe
1.11. bis 13.11.2011: Berlin, Tipi am Kanzleramt
Di – Sa 20 Uhr, So 19 Uhr, Tickets: 16,60 € – 34,50 €
Tel. 030.39 06 65 50

www.ursusnadeschkin.ch

16. Chansonfest Berlin

28. Oktober 2011 2 Kommentare
Tausend Wörter und viele Lieder

Banner Chansonfest 2011 - liveundlustig - Foto Lisa Zenner

BERLIN (bm) – „Wenn jetzt noch einer sagt, das Chanson könne nicht unglaublich vielseitig sein, dann spinnt der einfach!“ Mit diesen deutlichen Worten hat die sonst doch so dezente Gastgeberin Tanja Ries am Donnerstag den ersten der drei Programmabende des 16. Chansonfests Berlin im Corbo bilanziert, bevor sie die Künstlerinnen und Künstler zum Schlußapplaus auf die Bühne bat. Stimmt. Es war ein toller Abend, der die Bandbreite dessen, was aus der Kombination von deutschen Texten mit Musik so alles machbar ist, mal so richtig vorgeführt hat.
dieFENDEL

Desillusionierte Schnapsdrossel

Yvonne Fendel ist eine der beiden Betreiberinnen dieser ausgesprochen empfehlenswerten Kleinkunstbühne Corbo im hoffentlich nicht mehr lange so finsteren Alt-Treptow. Auf der Bühne schlüpft sie als dieFENDEL in die Rolle der Schnapsdrossel, die die Enttäuschung über ihre verloren gegangenen Ideale mit den legalen Nervengiften Alkohol und Nikotin in den Griff zu bekommen behauptet. Das Leben hat seinen Zenit überschritten. Sie erinnert sich und eben auch nicht. Weil ja das Gedächtnis schon das Weite gesucht hat. Die Gedanken so wirr wie ihre Haare, die sie zu einer wilden Punkfrisur aufgegelt hat. Das ist schon eine Wucht, wie sie da so halbirre vor sich hin sinniert, nebenbei eine Pulle Klaren niedermacht und eine Fluppe nach der anderen qualmt. Wenn sie sich in ihren Geständnissen verheddert, tun sich die Abgründe der Seele auf.
Mit perlenden Pianoschleifen konterkariert Pianistin Hae Song Jang putzig die zornigen Frustrationsausbrüche der Bühnenfigur, unterstützt mit kräftigem Spiel ihren herben Sprechgesang, der an Marlene Dietrich und Hildegard Knef erinnert, und das gewiss absichtsvoll, die ja auch beide nicht wirklich singen konnten, das allerdings – ebenso dieFENDEL – auf höchstem Niveau. So sind es auch hauptsächlich Songs von Hildegard Knef, die sie interpretiert. Versucht jedoch nie in deren Rolle zu schlüpfen, sondern bleibt immer dieser dieFENDEL-Rabauke. Ganz typisch: Ihre Version von „Ich bin leider viel zu faul“ – „The Laziest Gal In Town“.
CD Cover Masen

Beschwingte Großstadtmelancholie

An alle Juroren sämtlicher Jurys, die Preise vergeben für das deutschsprachige Lied: Warum habt Ihr Masen noch nicht mit Auszeichnungen überschüttet? Zu seinem Auftritt beim 16. Chansonfest Berlin hat der Songpoet den Perkussionisten Martin Bach mitgebracht. Dass allein zwei Musiker einen solchen Sound und Swing produzieren können, ist bloß die erste Sensation.

Hier stimmt wirklich alles. Die Texte sind präzise gearbeitet, melancholisch und trotzdem witzig, kunstvoll, ohne dass nur das geringste Bemühen darum bemerkbar würde. Dennoch behält Masen die Füße immer auf dem Boden, bleibt in jedem Moment glaubwürdig und authentisch. „Wenn schon suchen, dann das Glück“ hat Masen seine aktuelle CD betitelt, von der er ein paar Kostproben zum Besten gegeben hat. Auch bei den Moderationen sitzt jede Formulierung, geht es schnörkellos zur Sache. So kündigt er das Lied „Der König des Leidens“ an mit den Worten: „Beim Thema Liebe kenne ich mich sehr gut aus. Seit ein paar Monaten mache ich mir auch Gedanken über den platonischen Teil.“

Le chat noir - Plakat SteinlenDerartiger Subtext läßt doch Freude aufkommen. Und wenn Masen so klassisch gekleidet, im schwarzen Hemd, der schwarzen Smokinghose und mit der schwarzen Brille auf der Bühne sitzt und das fröhliche Lied „Der Kater vom Theater“ singt, eine vor Eigenlob nur so strotzende Hymne eines frechen schwarzen Katers auf sich selbst, im kecken Berliner Slang, dann passiert es ganz unwillkürlich, dass man über die Anfänge des Kabarett-Chansons im Pariser Theater „Le chat noir“ nachdenkt, obwohl davon nun wirklich nicht die Rede war.

Was will man mehr? Gleich mal ein Video ansehen!

Turnstunde mit Hüpfepüppie

Maria Antonia Schmidt, die Sängerin der fünfköpfigen Band Chapeau Claque aus Erfurt, hatte sich an diesem Donnerstag für die Stilrichtung Altkleidersammlungs-Schick entschieden: ein isabellfarbenes, verknittertes Schlafanzugoberteil zum blauen Baumwollminirock an blickdichten dunkelgrauen Strümpfen. Das beste waren jedenfalls die Schuhe. Diese elastischen, weißen Slips, die üblicherweise bei der Frauengymnastik zum Einsatz kommen.

Chapeau-Claque-Strasse - Foto Chapeau ClaqueDavon gab es auch jede Menge zu sehen. Tanja Ries hatte die große Bedeutung der Band schon eingestuft als eine, die viel in Clubs auftritt. Da ordnet sich vielleicht ganz von selbst der Text der Musik unter. Denn zu hören war so fein ziselierte Lyrik wie: „An manchen Tagen liebe ich dich, an manchen Tagen tue ich es nicht“. Tendenziell also Texte zum Weghören, eingängige Musik zum Anhören. Das Zuschauen jedoch ist bei Chapeau Claque die schwerste Übung. Das süße Hüpfepüppie hampelt so viel rum, dass mein Begleiter schier seekrank geworden ist.

Johanna Zeul - Foto Robert Storz

Power Clownin

Nun ist es durchaus nicht so, dass ich generell etwas gegen das Rumspringen auf der Bühne hätte. Komischerweise hat sogar gleich danach Johanna Zeul mit dem selben Mittel gearbeitet. Bei ihr ist das allerdings weniger übertriebene Dekoration als Ausdruck von purer Lebensfreude und Empörung. Diese Spagatsprünge mit der Gitarre nimmt man ihr als spontan ab. Denn die Liedermacherin ist wütend. Als trotziger, liebenswerter Troll macht sie sich über die Marotten der Girlies lustig, die ihre Ideale an Shopping, IndenUrlaubFliegen und einem tollen Handyvertrag fest machen. Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe!

Sie hat jede Menge in petto, worüber sie sich aufregen kann. Dabei malträtiert sie ihre Gitarre, benutzt den Korpus auch zum Klopfen und Trommeln und flippt so aus, dass die Haare fliegen. Wenn sie das Publikum zum Mitmachen animiert, ist das nicht annähernd peinlich. In „Zimmer Nummer vier“ geht’s hauptamtlich die Post ab. Da fällt schon mal ein Stuhl um. Tempo, Rhythmus, Energie. Das ist Rock‘n’Roll. Von diesem Wirbelwind Johanna Zeul wollen wir in Zukunft noch viel mehr sehen und hören!

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

So geht das 16. Chansonfest Berlin im Corbo weiter:
Freitag, 28. Oktober 2011
Martin Klein – Adwoa Hackman – Jan Frisch – Ulla & Komplizen

Samstag, 29. Oktober 2011
Schwarz un Schmitz – Kiki Brunner – illute – Helikon (Nachwuchspreisträger 2011)

Alle weiteren Infos:
www.chansonfest-berlin.de

www.corbo-berlin.de – Kartentelefon: 030 – 53 60 40 01
Gastgeberin Tanja Ries präsentiert am Di, 1. November 2011 im Corbo ihr neues Solo „Ich möchte Töne“. Wiederholungen gibt es von Do, 3.11. bis Sa, 5.11.2011 ebenfalls im Corbo.

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Werner Brix: 40PLUS – Über Männer in den besten Jahren

28. Oktober 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Werner Brix – Foto © jimmidee-production_AZechmeister

Von der Kunst zur Künstlichkeit

WIEN (pb) – Wohin des Weges, Werner Brix ? Das eigene Altern und die damit verbundenen Befindlichkeiten zur Basis von Kabarettprogrammen zu machen, ist zwar nicht der innovativste Ansatz, aber er eröffnet immerhin viele Möglichkeiten. Der Mitt-Vierziger entscheidet sich in seinem neuesten Solo für einen pseudowissenschaftlichen Vortrag eines in seiner Verschrobenheit anfänglich an Kurt Weinzierls „Pilch“ erinnernden Professors über die angeblich schlagartige Emotionalisierung des Mannes über 40, der – gefangen in Geschlechter-Zwängen und Generations-Prägungen – verzweifelt nach Ausgeglichenheit sucht.

Angereichert u.a. mit der Analyse typischer Gesprächsmuster zwischen Ehepartnern, etymologischen und anderen Halblustigkeiten, sowie ein paar als One-Man-Band mit Loop-Machine vorgetragenen Liedern, verkündet er als großer Frauenversteher und Dr. Seltsam der Selbstfindung seine große Erkenntnis : Männer über 40 – wenig schmeichelhaft zur finalen Kategorie der „Uhus“ ( = Unter Hundert) zusammengefasst – wären ja grundsätzlich perfekt, würden ihnen bei ihrem Coming-Out als empfindsame, reife Männer nicht ständig ein paar Jahrtausende Patriarchat in die Quere kommen. Daher lieber gleich : Frauen an die Macht. Und: „Wir haben euch lieb.“

Inhaltlich also streng genommen eine hypothetische Unerheblichkeit nach der anderen. Was bei kabarettistisch bereits reichlich abgehandelten Themen, wie die Midlife-Crisis oder die Unterschiede zwischen Mann und Frau, an sich schon ein Problem ist. Unterhaltsam kann das aber allemal sein. Vorausgesetzt, der Text sprüht vor origineller Gewitztheit und der Vortragsstil vor spielfreudiger Komik. Leider hat sich Brix aber ein zwar formulierfreudig verschachteltes, aber für freie Rede – selbst für Langatmige – nur bedingt geeignetes, und überdies klischeetreues Manuskript auf den Leib geschrieben. Daher liest er es auch über weite Strecken vom Blatt ab. Für abwechslungsreiche darstellerische Komik bleibt dann zwangsläufig wenig Bewegungsfreiheit. Stattdessen versucht er, seinen Sätzen mit eigentümlichen, aber dem Verständnis nicht unbedingt zuträglichen Betonungen Spaß abzugewinnen. Und selbst das klappt nur bedingt.

Es sei eben ein wissenschaftlicher Vortrag, daher sei das Vorlesen legitim, erklärt Brix seinem Premieren-Publikum nach Verklingen des Schlussapplauses. Augenzwinkernd.

Dass er seinem Programm damit, dass er den Text nicht in- und auswendig kann, keinen Gefallen tut, dürfte ihm also klar sein. Er beraubt sich damit einer seiner größten Stärken. Die Kunst und Lockerheit, mit der er einst seine kuriosen Charaktere aufmarschieren ließ, ist einer verkrampften Künstlichkeit gewichen. Und die einst unprätentiöse, famose Unterhaltung einer bemühten Behauptung, der er schlicht und einfach nicht gerecht zu werden vermag. Wohin des Weges, Werner Brix?

Peter Blau © 2011 KabarettAT

Nächste Premierentermine 40PLUS – Über Männer in den besten Jahren:
Niederösterreichpremiere: Fr, 28.10.: Baden bei Wien, Casino Baden
Steiermarkpremiere: Di, 8.11.: Graz, Theatercafé Hin & Wider
Oberösterreichpremiere: Fr, 11.11.: Linz, Posthof – Zeitkultur am Hafen
Burgenlandpremiere: Fr, 25.11.: Oslip, Cselley Mühle
Kärtenpremiere: Do, 15.12.: Velden, Casino Velden

www.brix.at

Kategorien:Kabarett, Kritik

Andreas Rebers: Ich regel das – Kritik

26. Oktober 2011 1 Kommentar

Andreas Rebers - Foto © Janine Guldener

Die Ente ist weiter

WIEN (pb) – Mit angemessener Schamlosigkeit bedient sich Andreas Rebers in seinem neuen Solo der hohlen Sprache und der ärgerlichen Argumentationsketten von Politikern und Polemikern, Priestern, Propheten und anderen Predigern. Stets im geistreichen Dienste der hinterfotzigen Provokation, versteht sich. Nein, versteht sich offenbar nicht immer. Dass bei den gelegentlich erzreaktionär anmutenden Überzeugungen, der zu Selbstjustiz neigenden Blockwartmentalität oder der kleinkarierten Umweltschutzverhöhnung stets böse Ironie mitschwingt, überfordert gelegentlich sogar das Kleinkunstpublikum. „Die Satirefähigkeit im Kabarett ist eine begrenzte“, stellt er im Anschluss an die Wien-Premiere an der Niedermair-Bar ernüchternd fest. Aussagen auf Umwegen versickern auf dem Weg zum Verständnis Weiterlesen…

Kategorien:Kabarett, Kritik

Erwin Pelzig – Portrait Frank-Markus Barwasser

25. Oktober 2011 2 Kommentare
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Comedypreis 2011 – Kategorie „Beste Late Night Show“

Erwin Pelzig - Foto © zdf, Tobias HaseKÖLN (mk) – Auch Kunstfiguren führen ein Eigenleben: Erwin Pelzig zum Beispiel, den der Kabarettist Frank-Markus Barwasser 1993 ins Leben gerufen hat. Von dem rustikalen Charme, den er bei seiner Geburt verströmte, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Er habe sogar eine andere Stimme, betont sein Schöpfer im Gespräch mit www.liveundlustig.de . Er – also Barwasser – hätte es nicht so lange mit dem Mann ausgehalten, wenn dieser sich nicht immer wieder neu definieren würde. Weitgehend unverändert ist lediglich sein Äußeres: Karohemd, Janker, Cord-Käppi und Herrenhandtäschchen, dessen Inhalt streng geheim ist. Weiterlesen…

Kategorien:Fernsehen, Kabarett, Portrait

5. Deutscher Nachwuchspreis beim 16. Chansonfest Berlin

24. Oktober 2011 7 Kommentare

 

Musikalische Vielfalt und beeindruckende deutsche Texte

Bühnenperspektive Foto © Lisa Zenner CorboBERLIN (gc) – Auf der Bühne des Corbo in Treptow, gleich hinter der Grenze zum szenelastigen Nord-Neukölln, stellten sich am Freitag beim Wettbewerb um den Nachwuchspreis des Chansonfestes die sechs Finalisten der Jury und dem Publikum. Es ging um vier Preise: drei mit Preisgeldern und Auftrittsmöglichkeiten dotierte Jury-Preise und einen Publikumspreis. Die erfahrene Chansonniere Tanja Ries, die nach eigener Aussage selbst noch nie an einem Wettbewerb teilgenommen hat, führte durch den Abend. Angenehm ruhig und konzentriert hat sie die notwendigen Umbaupausen überbrückt.

Leopard - Foto © LeopardDieses Finale – insofern, als die Jury ja aus den vielen Bewerbungen schon eine Vorauswahl getroffen hatte – eröffnete das Ensemble „Leopard“. Simon Wöhr und Bastian Kaletta haben sich mit Raphael Kaletta verstärkt. Aus E-Gitarre, Kontrabass und Percussion lassen sie ihre Klänge entstehen. Mal rhythmisch betont, mal rau und mal zart melodiös haben sie ihre dichten Texte vertont. Gerade heraus und ohne Verrenkungen ist der Gesang zu den Stücken, die eine Verbindung von Pop und Chanson eingehen.

Erna SchmidtDeutlich experimentierfreudiger dagegen: Erna Schmidt. Am Klavier sitzend, treibt sie ihre Stimme in bedrohlich hohe und tiefe Lagen. Eine unglückliche Liebesgeschichte grölt sie sich in „Schon beim ersten Kuss“ geradezu aus dem Leib. In musikalisch minimalistischer Form und mit einer guten Portion Sarkasmus rechnet sie im „Kadenzlied in C-Dur“ mit einer anderen gescheiterten Liebe ab. Erna Schmidt kann für das Publikum sowohl anstrengend als auch eingängig sein. Beides gleichzeitig in einem nur viertelstündigen Auftritt darzustellen, konnte einfach nicht klappen.

Generat - Foto © Lisa Zenner CorboDie größte Combo im Finale war „Generat“, besteht sie doch aus fünf Musikern und der Frontfrau Kathy Kreuzberg. In harten Rock-Rhythmen beschreiben sie einen Abend in der Kneipe und besingen die Endlichkeit des Lebens. „Generat“ zelebriert in aller Ruhe eine tief-traurige Ballade und lässt dabei die düsteren Klänge immer lauter werden. Expressiv in Text und Darstellung füllen sie erst die Bühne, um dann den Saal zu erobern. Kathy Kreuzberg, gekleidet im schwarzen Herrenanzug und in „Cabaret“-Manier geschminkt, singt nicht nur die Stücke, sondern begeistert an einigen Stellen mit regelrechten Choreographien. Die starke Bühnenpräsenz und die in diesem Finale einmalige Kombination aus Rock und Chanson beeindrucken nachhaltig. Schade, dass sich „Generat“ weder bei der Jury-, noch bei der Publikumsentscheidung durchsetzen konnte.

Trophäen in Erwartung neuer Besitzer - Foto © Lisa Zenner CorboUm hier zwischendrin noch einmal schnell Klarheit zu schaffen und den Überblick nicht zu verlieren: Das Finale erstreckt sich über zwei Runden, die an zwei Tagen ausgetragen werden. Am ersten Tag, dem Freitag, haben alle sechs von der Jury nominierten Künstler sich mit kurzen Auftritten von einer Viertelstunde präsentiert. Die Zuschauer dieses Abends haben im Anschluß die Gewinnerinnen des Publikumspreises gewählt: Das Duo Hand in Hand – Annett Lipske und Beate Wein.

Der Jury, die ja bis dahin nur CDs bzw. Demotapes beurteilen konnte, dient diese erste Kurzvorstellung dazu, ihre Auswahl einzuschränken, damit sie am zweiten Abend, der zweiten Runde dieses Finales, durch längere Auftritte einen besseren Eindruck bekommt, um dann die Staffelung der drei Preise – Raben in Gold, Silber und Bronze – festlegen zu können. Diese Chance erhielten: Hand in Hand, Helikon und Anna Piechotta.

Tanja Ries - Foto© Lisa Zenner CorboModeratorin Tanja Ries nannte den leider viel zu schwachen Publikumsandrang am Samstag lakonisch einen „exklusiven Kreis“. Doch davon ließen sich die Künstler nicht irritieren. Beate Wein vom Duo Hand in Hand nahm den Ball sofort auf und freute sich, in so kleiner Runde auch einmal persönlich werden zu können. Zusammen mit ihrer Partnerin Annett Lipske begann sie entspannt plätschernd eine poetische Sehnsuchtsbeschreibung: „1000 Tage Regenzeit“.

Doch schon im nächsten Stück peitschten dem Zuhörer die Rhythmen nur so um die Ohren: „Da lang gehen“ sollen sie, denn: „Ich bin so richtungslos / Ich brauch ein Richtungslos.“ Der Song „Back to Deck“ schildert drastisch rockig die manchmal leidigen Seiten der Mutterschaft. Sprachspielerisch schlendern die beiden durch ihren Auftritt und laden zum Mitwippen ein.

Hand in Hand - Foto © Lisa Zenner CorboLebendigkeit und Spielfreude prägen den Auftritt des Duos „Hand in Hand“. Aus einem kleinen Percussion-Ensemble und einem Fender Rhodes zaubern sie den Sound für ihre Stücke. Sie nennen es „Straßenswing, Barfußbossa und Firlefunk“. Ohne Mühe singen sie mal herrlich leichte, mal dichte und großartige Liebeserklärungen. Und mit ihrem Lied „soja“ kreieren sie das neue Genre des vegetarischen Chansons. Einfach mitreißend!

Schwarze Pädagogik im kleinen schwarzen Abendkleid präsentiert dagegen die Sängerin und Pianistin Anna Piechotta. In ihrem „Schlaflied für Eltern“ empfiehlt sie, den Kindern von bösen und zerstörerischen Geistern zu berichten, die sofort aktiv würden, wenn die Kinder nicht einschliefen. Stimmgewaltig und augenzwinkernd singt sie am Klavier von ihrem ersten Opernbesuch und spart nicht an Seitenhieben auf das Regietheater.

Anna PiechottaFein perlen die Töne in „Ein Duett“, einer Liebesgeschichte, die wegen bestehender Unordnung und mangelnder Kochkünste erst gar nicht zustande kommt. Gekonnt bringt Anna Piechotta den Jazz-Gesang ein, wenn sie vom „Produzenten“ singt, der sie ganz groß herausbringen will. Sie weiß aber auch mit klassischen Chansonakkorden umzugehen, wenn sie im „Schatten“ voller Sehnsucht dahinschmachtet. Hintergründig blickt sie schließlich auf „Mein Dorf“, einer Hymne auf das Dorfleben, das sie eigentlich nicht missen möchte. Mit hintergründig-witzigen Texten und klarer Darstellung konnte Anna Piechotta die Jury für sich einnehmen.

Die Gruppe Helikon strahlt dagegen Ruhe aus. Sehr konzentriert tritt Frontfrau Anne Otto mit Gitarrist Jochen Schmadtke und Bassist Simon Fröhlich ins Rampenlicht. Fast scheint es ihr unangenehm, jetzt alle Blicke auf sich zu vereinen. Dichte Texte prägen den Auftritt: „Flugzeuge“ beschreibt Gemeinsamkeiten in einer Beziehung, ganz ruhig im Stil der Hamburger Schule begleitet. Über den Unterschied zwischen wirklichem und so bezeichnetem Glück macht sie sich in „Wer hat schon Angst vor IKEA“ Gedanken.

Helikon - Stumme Detektive - Foto © Lisa Zenner CorboDie Ernsthaftigkeit der Texte fällt auf. Und die Tatsache, dass Helikon ohne Showeffekte arbeitet. Leise Musik und hintergründiger Text stehen im Vordergrund. So schaffen sie beim Publikum eine sehr konzentrierte Atmosphäre. Mit „Ticket für zwei“ laden sie zum Träumen und Schweben ein. Anne Otto verzaubert geradezu mit ihrem an Annett Louisan erinnernden Gesang. In „Stumme Detektive“ lässt sie eine Beziehung beginnen und im „Karussell“ beschreibt sie die auf ewig bestehende enge Verbindung zwischen Eltern und Kindern. Alles bewegt sich zwar, aber es bewegt sich in gleicher Richtung, gleichem Abstand und gleicher Geschwindigkeit. Der entspannende Chanson-Pop von „Helikon“ hat den ersten Preis, den Goldenen Raben wahrlich verdient.

Der Silberne Rabe ging an das Duo Hand in Hand, der Rabe in Bronze an Anna Piechotta.

Warum die Preise Raben sind? Weil der Theatername Corbo eine Verballhornung des französischen Worts ‚corbeau‘ = Rabe der frankophilen Betreiberinnen ist.

Gilles Chevalier © 2011 BonMot-Berlin

Am Donnerstag, 27. Oktober, geht das Chansonfest Berlin dann weiter.
Wer das im Corbo miterleben möchte – und das ist eine echte Empfehlung – sollte den Weg nach Alt-Treptow nicht scheuen – so weit ist der dann auch wieder nicht! – und sich ganz schnell Karten reservieren: Tel. 030-53 60 40 01

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Deutscher Comedypreis 2011

23. Oktober 2011 2 Kommentare

Marianne Kolarik - Foto © Marianne Kolarik

Unterirdisch
Kommentar von Marianne Kolarik

KÖLN – Jeder kennt den “Murmeltier”-Effekt: Eine Art Déjà-vu-Erlebnis, bei dem man das Gefühl nicht los wird, die gegenwärtige Situation schon einmal erlebt zu haben. Die seit elf Jahren über die Bühne gehende Comedy-Preisverleihung gehört ganz eindeutig in diese Gattung. Fast so auswechselbar wie die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers 1986, die aus dem Jahr zuvor stammte. Bei der Show, die am Dienstag im Kölner Colosseum produziert wurde und die RTL am Freitagabend ausgestrahlt hat, erschienen zwar mehr Akteure auf dem Bildschirm, aber der Effekt war ähnlich.

Da fragt sich so mancher, ob man Fernsehsendungen nicht preiswerter haben könnte: Anke Engelke, die bereits im vergangenen Jahr zum gefühlten hundertsten Mal die Trophäe entgegen nehmen durfte, sieht bei der diesjährigen Entgegennahme des Preises für “Ladykracher” (“Beste Sketchcomedy”) so gut aus wie eh und je. Das Gleiche gilt für den smarten Bastian Pastewka oder Bülent Ceylan, der immer noch schöne lange Haare hat.

Um zum dritten Mal die Auszeichnung als “Beste Komikerin” entgegen zu nehmen, hat sich die unvermeidliche Cindy aus Marzahn ein neues, pinkfarbenes Kleid gekauft. Und klar: Der “erfolgreichste Live Act” geht an – na, wen schon – natürlich Mario Barth, zum siebten Mal in Folge. Die Frage, ob man “Danni Lowinski” wirklich zwei Mal als “Beste Comedyserie” auszeichnen muss, lässt sich eindeutig mit “ja” beantworten. Nominiert waren daneben “Doctor’s Diary”, eine richtig gute Serie, der man den Garaus macht und “Pastewka”, der nicht infrage kommt, weil er bereits als “Bester Schauspieler” ausgelobt ist. Bleibt nach Adam Riese…

Dabei verweist der Kölner Privatsender stolz auf die Einschaltquoten in der Vergangenheit. Über sieben Millionen Zuschauer hätten 2010 der fast drei Stunden andauernden Ausstrahlung zugeschaut. Womit die Sendung die erfolgreichste Preisverleihung im Deutschen Fernsehen sei. Kunststück – sind die anderen doch noch wesentlich zäher. Hier gibt es wenigstens hin und wieder einige Hallo-Wach-Injektionen, wie etwa die Auszeichnung der ARD-Komödie “Neue Vahr Süd” – wobei die konkurrierenden Sendungen in der Kategorie “Beste TV-Komödie” sich als derart unterirdisch erweisen, dass man wohl kaum umhin konnte, als den öffentlich-rechtlichen Sender mit ins Trophäen-Boot zu holen.

Auch die Entscheidung, Frank-Markus Barwasser, besser bekannt als Erwin Pelzig (Porträt folgt) mit einem der in insgesamt 15 Kategorien vergebenen Preise zu bedenken, lässt aufhorchen: Mit “Pelzig hält sich” (ZDF) wird tatsächlich ein Solitär als “Beste Late Night Show” gekürt.

Den bis zur letzten Sekunde geheim gehaltenen Ehrenpreis erhält Hella von Sinnen – wobei die Methode des Senders, künstlich Spannung zu erzeugen, indem die Preisträger erst bei der Ausstrahlung bekannt gegeben werden dürfen, einigermaßen verwirrend ist: die rund 1200 Zuschauer, die bei der Veranstaltung im Kölner Colosseum am Dienstagabend dabei waren, hatten ihr “Herrschaftswissen” vermutlich längst unters Volk gestreut.

Marianne Kolarik © 2011 BonMoT-Berlin

Goldener Rabe für Helikon beim Berliner Chansonfest 2011

23. Oktober 2011 3 Kommentare
Hand in Hand und Anna Piechotta auf Platz zwei und drei

BERLIN (bm) – Am zweiten Tag des Wettbewerbs um den 5. Nachwuchspreis beim 16. Chansonfest Berlin auf der Kleinkunstbühne Corbo hat die Jury ihre Wahl getroffen. Den ersten Preis, den Goldenen Raben, hat Helikon erhalten. Die Band aus Hamburg war in Berlin in kleiner Besetzung aufgetreten, nur ein bißchen un-unplugged. Sängerin Anne Otto und Gitarrist Jochen Schmadtke – der harte Kern – hatten Simon Fröhlich als dezente Verstärkung am E-Bass mitgebracht.

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Helikon (gold), Hand in Hand (silber), Anna Piechotta (bronze)

Der Silberne Rabe ging an das Duo Hand in Hand, das bereits am Vortag die Zuschauer begeistert hatte und deshalb schon den Publikumspreis mit nach Hause nehmen durfte.

Die exaltierte Anna Piechotta, eine Sängerin, die sich selbst am Flügel begleitet, hat für die Performance ihrer unverschämten Lieder den Bronzenen Raben erhalten.

Am Donnerstag, 27. Oktober, geht das Chansonfest Berlin dann richtig los. Weitere Infos hier.
Wer das im Corbo miterleben möchte – und das ist eine echte Empfehlung – sollte den Weg nach Alt-Treptow nicht scheuen (so weit ist der gar nicht!) und sich ganz schnell Karten reservieren: Tel. 030-53 60 40 01

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

Ausführlicher Bericht über den 5. Nachwuchspreis beim 16. Chansonfest Berlin von Gilles Chevalier folgt. Hier.

Hand in Hand gewinnt den Publikumspreis beim Berliner Chansonfest 2011

22. Oktober 2011 5 Kommentare
Am Sonnabend fällt die Entscheidung der Jury

BERLIN (bm) – Am Freitag hat Gastgeberin Tanja Ries das 16. Chansonfest Berlin auf der Kleinkunstbühne Corbo eröffnet – mit dem Wettbewerb um den Nachwuchspreis des Chansonfests. An zwei Tagen kämpfen sechs Teilnehmer um den Publikumspreis und die drei Preise der Jury.

Nominiert waren: Das Duo Leopard, das diesmal als Trio aufgetreten ist, die Chansonsonniere Erna Schmidt, das Damenduo Hand in Hand, die Band Generat mit ihrer Sängerin Kathy Kreuzberg, Anna Piechotta von den Hamburger Dramaqueens und die Formation Helikon aus Hamburg.

HandinHand- Foto www.duohandinhand.deDas Publikum hatte bei dieser ebenso vielseitigen wie hochkarätigen Auswahl keine leichte Entscheidung zu fällen – sich jedenfalls für Hand in Hand entschieden. Annett Lipske und Beate Wein überzeugten mit Miniaturschlagzeug und dem guten alten Fender Rhodes und nicht zuletzt sich selbst. Als „Barfussbossa“ und „Firlefunk“ bezeichnen sie ihre Musik, mit der sie das Corbo geswingt haben.

Die Jury wird ihre endgültige Entscheidung nach der Show am Samstag treffen. Zunächst hat sie nur die drei Kandidaten ausgewählt, die dann Gelegenheit haben, sich ausführlicher vorzustellen. Und das sind: Hand in Hand, Helikon und Anna Piechotta. Es wird ein erster, zweiter und dritter Platz für den Raben vergeben, in der üblichen Wertigkeit der Metalle.

Wer das im Corbo miterleben möchte – und das ist eine echte Empfehlung – sollte sich ganz schnell Karten reservieren: Tel. 030-53 60 40 01

Beate Moeller © 2011 BonMoT-Berlin

Ausführlicher Bericht von Gilles Chevalier folgt. Hier.

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