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Fünfter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Rotwein, FC-Bayern und verkehrte Emanzipation
Die fünfte und letzte Speisung aus der St. Ingberter Pfanne

Lüder Wohlenberg a2002 gewann er zusammen mit Thilo Seibel vom Vorabend und ihrem Programm “Kultmörder” die St. Ingberter Pfanne. Nun präsentiert Lüder Wohlenberg Ausschnitte aus seinem Programm “Spontanheilung”. Ach, schon wieder Kabarett über Medizin, mag mancher denken. Denn Wohlenberg ist Facharzt für diagnostische Radiologie. Doch so klar ist die Sache nicht, denn der Künstler spielt zwei Rollen: Einerseits ist er der Profipatient Haderscheid, der in einen Bademantel gekleidet und in breiter Kölscher Mundart über seine Erfahrungen berichtet.
Andererseits ist er der smarte Moderator, der sich über die Merkwürdigkeiten des Gesundheitswesens auslässt. Er berichtet von 4 Millionen Arbeitsplätzen, die am Gesundheitswesen hängen und schlägt vor, dass sich der Patient vom Arzt eine Provision zahlen lässt, wenn er mit einem behandlungsbedürftigen Befund zu ihm kommt. Er rechnet vor, wie man zwei Jahre länger leben kann, wenn man alle Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt. Trinkt man regelmäßig ein Glas Rotwein, verlängert sich die Lebenserwartung jedoch um vier Jahre. Saufen bringt also mehr als der regelmäßige Arztbesuch. Bei solchen Erkenntnissen hilft nur die Pille für das Vergessen, ein neues Lifestyle-Medikament. Überhaupt: “Wir müssen an die Gesunden heran, weil viele Kranke nicht genug Geld haben. Zum Beispiel die Malariakranken in der Dritten Welt.” Wohlenberg öffnet dem Zuschauer als smarter Moderator die Augen für die wirtschaftlichen Zusammenhänge in Medizin und Pharmaindustrie. Ganz ohne erhobenenen Zeigefinger und ganz nebenbei. Er lädt ein zu einer intelligent gestalteten Reise durch das Gesundheitssystem und erzählt von Ärzten und Abrechnungen, von empirischen Studien und Schlimmerem.
Der Profipatient Raderscheid gibt dagegen Tips zum richtigen Verhalten im Krankenhaus. Das ist keine Philosophiestunde im Stile populärwissenschaftlicher Ratgeber – das ist knallharter Ärztealltag! Die Zuschauer erkennen die beschriebenen Situationen wieder und feiern Lüder Wohlenbergs “Spontanheilung” mit begeistertem Applaus. Preisverdächtig!

Axel Pätz aEin Spätberufener auf der Kabarettbühne ist Axel Pätz. Der Hamburger ist mit Mitte fünfzig und mit seinem ersten Kabarettprogramm “Die ganze Wahrheit” unterwegs. Er nimmt auf einem Sessel der Adenauer-Zeit am Flügel Platz und trägt zunächst unnützes Wissen aus dem Lexikon vor, bevor er sich über überbehütete Kleinkinder ohne Abwehrkräfte auslässt, die ausschließlich mit Nahrungsmitteln aus dem Bioladen aufwachsen. Der zweifache Vater kennt die Hintergründe und weiß: “Die wahre Gefahr heißt nicht Bin Laden, sondern Bioladen!” Er hält dagegen und fordert die leckeren Dinge. Nicht die gesunden…
Pätz outet sich mitten im Saarland musikalisch als Fan des FC Bayern München – und findet im Saal sogar Gleichgesinnte. Unter großem Jubel besingt er den Geburtsvorgang aus der Sicht eines Neugeborenen, der in einem Geburtstrauma endet. Ganz still wird es dagegen, wenn er ein Gespräch mit seiner altersdementen Mutter spielt. Er kann aber auch politisch, wenn er “Morgen gründen wir ´ne Bank” singt und so einen möglichen Ausweg aus Hartz IV beschreibt. Schwarzhumorig geht auch, denn “Das Leben ist Gefahr”. Und die droht nicht nur aus Nordkorea, sondern auch von Fernsehsendungen grenzdebilen Inhalts.
Axel Pätz nimmt man seine Rollen ab, er kommt sehr natürlich über die Rampe und hat keine Scheu, in der einen oder anderen Nummer lächerlich zu wirken. Originelle Texte kleidet er in musikalische Perfektion. Pätz, der sich mit seiner Erfahrung in Oper, Rock, Kindertheater und Chorleitung als künstlerischer Gemischtwarenhändler versteht, hat seine Programmausschnitte geschickt aufgebaut. Das Publikum dankt es ihm mit langem, kräftigem Applaus. Preisverdächtig!

Tina Häusermann und Fabian Schläper aZum Abschluss der St. Ingberter Kleinkunstwoche betreten “Zu Zweit” die Bühne. Tina Häussermann und Florian Schläper zeigen Ausschnitte aus ihrem musikalischen Programm “Ich war’s nicht”. In einer Art umgekehrter Emanzipation spielt hier überwiegend Frau Häussermann am Flügel, während Herr Schläper singt. Nach einem gewollt missglückten Beginn singen sie ihr “Politessenlied”, in dem die Rache des Autofahrers mit Sekundenkleber am Scheibenwischer so richtig ausgelebt wird. Ohne Musik wird ein Grillabend bei Sandra und Michael beschrieben, bei dem Michael lediglich den Grill bedient, während Sandra alle vor- und nachbereitenden Arbeiten durchführt. Schön, schön, aber was hat das mit dem Programmtitel zu tun?
Ob Apfel oder Ehebett: In dem Lied “Da ist der Wurm drin” versuchen die beiden erfolglos, sich sängerisch zu überbieten. Es hilft nichts: Beim gemeinsamen Singen kommen sie einfach nicht auf Anhieb zusammen. Die Vor- und Nachteile des Alleinlebens, ein Märchen in Liedform und ein Werbelied für homosexuelle Lebensformen schließen sich an. Mit dem Programmtitel hat das immer noch nichts zu tun. Lediglich in einigen Wortnummern, in denen sich die beiden die peinlichsten Kindheitserlebnisse vorhalten, flammt ein gewisser Zusammenhang mit dem Programmtitel auf. Einziger Lichtblick ist “Vladimir vom Hermes-Paketversand”, der die Frauen zum hemmungslosen Shoppen verführt, sich im entscheidenden Moment aber verweigert.
Freundlicher Applaus geleitet “Zu Zweit” von der Bühne. Das war von den Zuschauern überaus fair. Obwohl das Programm musikalisch nur akzeptabel war; inhaltlich jedoch beliebig, sängerisch fragwürdig und überhaupt so naja.
Gilles Chevalier © 2010 BonMoT-Berlin Ltd.
http://www.luederwohlenberg.de
http://www.axelpaetz.de
http://www.zu-zweit.com

Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2013 / 2012 / 2011

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