Startseite > Comedy, Kritik, Premiere > Jut jerechnet, aber nicht ganz koscher – Oliver Polak – Premierenkritik

Jut jerechnet, aber nicht ganz koscher – Oliver Polak – Premierenkritik

oliver polak
Oliver Polak spielt ‚Jud süß sauer‘ im Quatsch Comedy Club Berlin

„Ich vergesse die blöde Geschichte mit dem Holocaust, und ihr verzeiht uns Michel Friedmann.“ So eine Ankündigung könnte die Perspektive eröffnen auf einen bissig bösen Abend. Oliver Polak gelingt es problemlos, derartige Hoffnungen zu enttäuschen. Zu zerstören.

Bereits zum Auftritt läßt er sich tosenden Applaus vom Band zuspielen, um uns zu signalisieren: Achtung, das ist alles ein einziger Fake. Auf der Bühne zwei Schäferhunde aus Pappe, die kuschelige altdeutsche Variante mit dem Zottelfell, drei Meter groß, mit Davidstern am Halsband, elektrischen roten Augen und schwarzen SS-Mützchen auf dem Kopf. Außenrum Lauflichtschläuche. Dazwischen Oliver Polak, der in Bomberjacke und Jogging-Hose wirkt wie ein Kreuzberger Hiphopper mit Migrationshintergrund der dritten Generation.

Er redet viel und sagt recht wenig. Und eine Geschichte erzählt er schon gar nicht. Hört sich eher an wie eine willkürliche Kombination aus Textbausteinen, die beim ersten Brainstorming hingeschrieben wurden. Allerdings sind die besseren von ihnen schon seit zwei Jahren von der Open Stage in der Scheinbar bekannt. Es werden Reizwörter geschleudert: Auschwitz, Beschneidung, Reichsprogromnacht, Synagoge, jüdische Mama, Autobahn, gelbe Sterne von ebay, ‚Führer‘-Schein. Als Lückenbüßer dienen Bühnennebel und Konfettikanonen. Stimmung!

Die Hitlerparodie trifft weder vom Duktus, von der Mimik oder der Gestik noch vom Text her das Original. Allein die Lautstärke kommt annähernd hin. Beim ‚Judenspiel‘ soll das Publikum Prominente nach ‚Jude‘ oder ‚normal‘ sortieren. Als es um seinen eigenen Namen geht, kontert er: „Ich bin normal! Ich mache das nur wegen dem (!) Geld.“ – Aber es wird noch schlimmer. Am Schluß sollen alle mitsingen „Kommt, laßt uns alle Juden sein!“.

Hinter dem Vorhang erscheint ein 12-köpfiges Orchester, Polak jetzt in Udo-Jürgens-Pose, trifft allerdings keinen einzigen Ton. Bunte Luftballons schweben von der Decke herab, und der Meister verneigt sich – plötzlich in Begleitung eines lebendigen, wohl ausgeborgten Schäferhundes, denn ihn an der Leine zu führen ist er auch nicht in der Lage. Die ganz große Show: bloß Trash.

Was vollmundig als die ‚Weltpremiere‘ des kühnen politisch inkorrekten Tabubruchs angekündigt wurde, entpuppt sich als billige Provokationsmasche, die als feste Größe allein das kollektive schlechte Gewissen eines allein aus Altersgründen über jeden Schuldverdacht erhabenen Publikums einkalkuliert. Nicht witzig, nicht intelligent, nicht komisch, nicht kritisch. Subtiler jiddischer Witz? Fehlanzeige. Und „nachdenklich“, wie dpa schreibt, hat das auch niemanden gemacht. Eher ratlos. Man weiß nicht, was soll es bedeuten – außer ein PR-Bluff in eigener Sache. Oder nennt man das Propaganda?

Schon bevor Oliver Polak am 15. Februar 2010 sein erstes abendfüllendes Solo ‚Jud süß sauer‘ im Berliner Quatsch Comedy Club zur Uraufführung gebracht hat, war es ihm gelungen, sich allein mit Kurzauftritten das Image des „einzigen lebenden jüdischen deutschen Komikers“ (O.P.) aufzubauen. Henryk M. Broder hat diesem Phänomen bereits im Oktober 2008 im Spiegel den Segen gegeben. Insofern kann die Kritik einer Goijischen jederzeit als Antisemitismus abgestempelt und damit für ungültig erklärt werden. Dieser Trick funktioniert immer. Auch im Jahr 2010. Sonst wär‘s ja kein Trick.

Beate Moeller, Premierenkritik, 16. Februar 2010, © 2010 BonMot-Berlin Ltd.

Kategorien:Comedy, Kritik, Premiere
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 25. März 2014 um 10:16

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: