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Alfred Dorfer: bisjetzt – Premierenkritik

Alfred Dorfer

Werk-Stück – „Wem die Wahrheit zu kompliziert ist, der will wenigstens recht haben.“

von Peter Blau

WIEN – „Ist das noch Kabarett?“ Das werde er immer wieder von Journalisten gefragt, erzählt Dorfer. Besonders in Deutschland. Also „Kabarett?“ mit strengem Verschlusslaut. „Oder Comedy? Oder Theater?“. Am Ende gar eine „Performance“? Entgegengeschmettert sei ihnen allen hinkünftig das in „bisjetzt“ rezitierte „Badeschluss“-Bonmot: „Ist es gut oder schlecht? Ist es Yin oder Yang? Oder ist es einfach nur wurscht?“ Denn das sei schließlich das, was wir den Chinesen voraus hätten: „Die haben nur Yin oder Yang – wir haben auch noch Wurscht.“

Kaum beschränkt sich eine kabarettistisch Bühnendarbietung nicht auf einen Frontalvortrag mit eingestreuter Innenpolitik, keimt bei so manchem Kategorisierer das Bedürfnis auf, in der Kleinkunst-Lade nach neuen Etiketten kramen zu müssen. „Wann hat die Idiotie begonnen“, kontert Dorfer, „Dinge zu trennen, die man nur unterscheiden kann?“

In „bisjetzt“ lässt Dorfer vordergründige, aktuelle politische Bezüge fast völlig weg. Eh klar. Es ist ja eine aus Einzelteilen seiner bisherigen Programme nahezu nahtlos verwobene Werkschau. Wobei sich aber naturgemäß einige Passagen – wie das dumpf heimattümelnde Gstanzl „Daham ist daham“ – einer zeitlosen Brisanz nicht erwehren können.

Dass „bisjetzt“ inhaltlich nicht jene dramaturgischen, treibenden Kräfte entwickeln kann, wie seine bisherigen Soli, mag womöglich jene enttäuschen, die das von Dorfer selbst verwendete Programm-Etikett „Stück“ zu dramatisch verstehen. Hier haben wir es mit einem Stück Lebensweg zu tun. Und mit einem schönen Stück Kabarett-Karriere. (Ein Theaterstück darf man sich indes schon bald von jenem von Burg-Direktor Matthias Hartmann bei Dorfer in Auftrag gegebenem Werk fürs Akademie-Theater erwarten.)

Mit der für Dorfer typischen Mischung aus sympathischer Souveränität, Selbstgefälligkeit und körperlicher Ausdrucksstärke kombiniert er – im routinierten Zusammenspiel mit seiner Band (Günter Paal, Peter Herrmann, Lothar Scherpe, Robert Peres) – in „bisjetzt“ u.a. unvergessliche Klassiker, wie die Gemeindebau-Beschreibung aus „Ohne Netz“ („Aber wie schaut g’ün aus?“), die Interrail-Reminiszenzen aus „Alles Gute“, das Krippenspiel mit den alkoholisch bedienten heiligen drei Königen aus „Badeschluss“, seine philosophischen Überlegungen über die Dichte und Dauer von Gedanken aus „heim.at“ und die pflichtstofflichen drei österreichischen Grundgesetze: „Des woa nie so. Des is net so. Do kennt ja jeda kumma.“

Nachdem die Mehrheit von Dorfers Soloprogrammen eine oder mehrere exemplarische Biografien und etliche grundsätzliche Gültigkeiten beinhalten, fällt die Collagierung von Ausschnitten zu einem neuen stimmigen Bild in Wahrheit nicht schwer. Dort, wo Szenen – aus „Atompilz von links“, „Indien“ oder „Alles Gute“ – aus dem Rahmen zu fallen drohen, hilft sich Dorfer zwanglos mit kurzen Anmoderationen.

Wiedersehen macht Freude. Und wer Alfred Dorfer bisher womöglich nur vom – derzeit pausierenden – TV-„Donnerstalk“ her kennt, lernt den Künstler in „bisjetzt“ in seiner ganzen Bandbreite kennen: vom gescheiten Satiriker über den existenzialistischen Humoristen bis hin zum gelegentlich auch lustvoll albernen Komiker.

©2011 BonMoT-Berlin

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 15. Oktober 2014 um 08:25

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