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Annamateur & Außensaiter: Screamshots – Ein musikalisches Overhead-Projekt – Premierenkritik

live-lustig-banner-staatsschauspiel-dresden-annamateur-screamshots-2012-01-28-foto-© 2012 bonmot-berlin ltd.jpgKopfüber ins Herz

DRESDEN (bm) – Tageslichtprojektoren gehören nicht gerade zu den üblichen Requisiten auf der Bühne. Aber was ist schon üblich bei Annamateur? Sie benutzt ihn, weil sie heute eben mal Schule spielen will. Links und rechts von ihr sitzen die Außensaiter, ihre exzellenten musikalischen Begleiter: Stephan Braun mit dem Jazz-Cello und Samuel Halscheidt mit der akustischen Gitarre – zwei Virtuosen.

Die wunderbare Sängerin Annamateur hat neue Maßstäbe gesetzt auf der Kabarett- und Kleinkunstbühne. In ihrer Heimatstadt wurde sie von der Bevölkerung bereits zum vierten Mal zur Dresdnerin des Jahres gewählt. Für die Uraufführung ihres neuen Programms ‚Screamshots‘ hat ihr das Staatsschauspiel Dresden die Bühne des ‚Kleines Hauses‘ zur Verfügung gestellt.

annamateur-screamshots-2012-01-28-staatsschauspiel-dresden-foto- © 2012 bonmot-berlin ltd.jpgDie projizierten Schulaufgaben dienen als Bühnenbild. Eine Liebeserklärung mit Rechtsschreibschwäche – „Ich libe disch ser, willst du mit mir gen?“. Folien mit Lückentexten und Malen nach Zahlen. Phantasie ja, aber bitte nur innerhalb der zulässigen Grenzen. Wer nicht ins Schema passt, wird passend gemacht. Die Prügelstrafe ist zwar offiziell längst abgeschafft in Deutschlands Schulen, und auch der Rohrstock kommt angeblich nicht mehr zum Einsatz. Jedenfalls nicht auf die altbekannte Art. Heute gibt es Medizin.

Annamateur spielt sowohl das unartige Schulmädchen mit den Rattenschwänzen als auch die beschränkte Lehrerin. „Ich musste schon fünf Kinder rausschicken. Mir tut das selbst am meisten weh.“ Eine Gefangene ihrer eigenen Unfähigkeit: „Ich bin gerne mal für einen Spaß zu haben, wenn ich ihn verstehe.“ Und kommentiert das üble Treiben mit dem Song „Gib uns allen Ritalin!“ – „Kokain ist für die Großen, Ritalin ist für Jeanine“.

Dabei ist ‚Screamshots‘ nur auf den ersten Blick eine Schulstunde für Erwachsene. Vielmehr geht es um die Zwänge, denen wir ausgeliefert sind, um die Dummheit, die am längeren Hebel sitzt, um die Unsinnigkeit der Vorschriften in dieser durchregulierten Gesellschaft. Mit allen Mitteln ihres absolut vielseitigen Instruments, dieser einzigartigen Stimme, rebelliert Annamateur. Vom Protest zum Wahnsinn ist es nur einer winziger Schritt. Inge landet in der Anstalt. „Sie zerschneidet die Sekunden und schmiert sich Tipp-Ex in die Wunden.“ Und von der Liebe bleibt nur so was wie Sondermüll übrig. „Alle halbe Jahr schüttest du ein Fass Melancholie in den Flur.“

Folie Screamshots

Zutiefst rührend sind die Lieder und dann wieder trotzig und frech. Die Außensaiter begleiten mit Charme und Raffinesse, laufen zu aberwitziger Hochform auf, als sie von der Frau Lehrerin dazu verdonnert werden, die Malen-nach-Zahlen-Zeichnung zu verwenden, um daraus ihr Instrumentalsolo zu komponieren.

Und als wäre es nichts, illustriert Annamateur das Programm mit ihren Zeichnungen auf dem Tageslichtprojektor. Kaum zu glauben, mit welch ruhiger Hand sie so ganz nebenbei Desaster entstehen läßt. Mit Lässigkeit wirft sie dort ihre anderen Kunstwerke hin, die nacheinander effektvoll dem Glasreiniger zum Opfer fallen.

Annamateur ist schon wieder über sich hinaus gewachsen. Mit ‚Screamshots‘ ist ihr ein ganz starkes Stück gelungen. Das Publikum im ausverkauften ‚Kleinen Haus‘ in Dresden bedankt sich bei ihr und den Außensaitern mit Jubeln und Johlen, mit rasendem Applaus.

Beate Moeller © 2012 BonMoT-Berlin

Die nächsten Aufführungen:

Mi/ Do, 1./ 2. Februar 2012: Zürich (CH), Miller‘s Studio, Schweiz-Premiere
Fr, 3. Februar 2012: Baienfurt, Hoftheater
Sa, 4. Februar 2012: Stuttgart, Rosenau
So, 5. Februar 2012: Ebersberg, Altes Kino
Di, 7. Februar 2012: Salzburg (A), ARGEkultur, Österreich-Premiere
Mi, 8. Februar 2012: Garching, Bürgerhaus
Do, 9. Februar 2012: Altstätten (CH), Diogenes Theater

www.annamateur.de

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Annamateur Screamshots 03 – Foto © Fabian Stürtz

  1. 7. Juni 2012 um 21:56

    Unser Kritiker Gilles Chevalier hat sich das Programm gestern in der Berliner Bar jeder Vernunft angesehen und findet:
    „Ein großartiger Abend! Annamateur zeigt klar und deutlich, wie das Leben vor der Erfindung des Flip-Charts ausgesehen hat. Ihre Bühnenpräsenz, ihre herausragende Stimme in den hintergründig-gesellschaftskritischen Liedern und natürlich die wunderbare musikalische Begleitung durch die „Außensaiter“ lassen diese Show zu etwas ganz Besonderem werden.“

  1. 3. März 2013 um 11:56
  2. 4. Juni 2012 um 03:41

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