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Die Liederbestenliste – Radiotipp

Die Chartliste des deutschsprachigen Liedguts präsentiert Konzerte im Radio

Uta Köbernick -Foto PRBERLIN (gc) – Mindestens einmal im Monat lohnt es sich, sehr spät ins Bett zu gehen: In jeder dritten Nacht von Dienstag auf Mittwoch sendet der Deutschlandfunk um 1.05 Uhr die Liederbestenliste. Diese ganz besondere „Hitparade der deutschen Musik“ gibt es seit 1984. Hier geht es aber nicht etwa um den deutschen Schlager, sondern um Chansons deutschsprachiger Künstler. Regelmäßig kommt hier auch österreichisches oder schweizerisches Liedgut zu Ausstrahlung.

Eine Jury aus 20 Szenekundigen erstellt eine Rangliste und vergibt Preise. Da gibt es eine CD des Monats und eine CD des Jahres. Außerdem werden von der Liederbestenliste ein Jahrespreis und ein Förderpreis vergeben. Beim diesjährigen „Festival Musik und Politik“ konnten sich einige Preisträger Ende Februar in Berlin auf der Bühne präsentieren.

Im letzten Jahr ging der Förderpreis an Uta Köbernick. Die in Berlin geborene in Zürich lebende Künstlerin begleitet sich selbst zur Gitarre. Die Texte sind ihr dabei viel wichtiger als die Musik. Uta Köbernick spaziert von Thema zu Thema und bringt einfach ihre Gedanken auf die Bühne. Manchmal sind die Lieder nur fünf Zeilen lang, bieten aber mindestens 30 Zeilen zum Nachdenken. Etwa, wenn sie einen Jahresrückblick auf das Jahr 2011 singt und zu der Erkenntnis kommt: „Schon Mitte Mai // war das Jahr so dick wie zwei.“

Auch ihre Aphorismen sind nicht von schlechten Eltern: „Der Ernst der Lage ist der Stand der Dinge“ oder „Es ist ein großes Vergehen, sprach die Zeit.“

In ihren Liedern berichtet sie augenzwinkernd vom Verlorensein und davon, noch nicht den richtigen Weg gefunden zu haben. Sie malt sich in „Scheitern“ aus, was alles hätte anders ausgehen können: Sie würde mit ihrem Geigenspiel die DDR vertreten und ihre Freundin wäre mit einem Mann zusammen, der dann ganz bestimmt nicht auf Männer stehen würde. Armchair history at it’s best!

Uta Köbernick destilliert aus dem Alltag das Philosophische. Sie spielt frisch und unkonventionell und sagt vor der Zugabe: „Prima, ich nutze jede Gelegenheit zum Üben!“ Sie ist eben frech – auch sich selbst gegenüber.

Johanna Zeul - Foto Robert StorzZwei Jahre vor Uta Köbernick hat Johanna Zeul 2009 den Förderpreis der Liederbestenliste erhalten. Auch Zeul ist Anfang 30 und spielt Gitarre, sie rockt richtig los. Wahrlich, eine handvoll Künstler vom Schlage einer Johanna Zeul würde die Energiewende in Deutschland erheblich beschleunigen! Sie springt auf der Bühne herum, läuft spannungsgeladen hin und her und zwingt ihrem Instrument die kurzen, harten Töne ab.

Man spürt, wie sie den apathischen Zuschauer regelrecht vom Stuhl stoßen will, auf dass der mitgehe: Raus in die Welt, sie zu verbessern und die Missstände zu bekämpfen. Sie singt aus der Perspektive des unkritischen Verbrauchers, der die Geldbörse geöffnet, aber den Kopf für das eigene Nachdenken abgeschaltet hat. Dem hält sie den Spiegel vor. Und wenn er dann in diesen Spiegel blickt, muss er unweigerlich vor so viel Kraft und Anklage zusammenzucken. Johanna Zeul überträgt ihre Energie auf das Publikum und das begeistert.

Genauso eindringlich, aber viel leiser spielt das Duo Dodo Hug und Efisio Contini. Im Vergleich zu Köbernick und Zeul gehören der Sarde und die Schweizerin der Elterngeneration an. Gut, Eltern sind Köbernick und Zeul auch, aber noch nicht so lange: Schon seit den siebziger Jahren ist Dodo Hug als Sängerin und Musikerin aktiv und hat bereits 15 Alben veröffentlicht.

Dodo Hug - Foto PRIm Moment ist sie mit zwei Programmen parallel unterwegs. Das Programm „Sorriso Amaro“ hat sie zusammen mit dem Musiker und Komponisten Efisio Contini gestaltet. Es enthält fast nur italienische Chansons und entfaltet einen ganz eignen Flair. Aus Oberitalien stammen ihre Lieder, die mit ihren leichten und eingängigen Melodien einen Hauch von Urlaubsatmosphäre schaffen. Die Texte dagegen sind Klagen, Anklagen und Proteste: Da ist die Seidenspinnerin, die hofft, in der gewünschten Qualität gesponnen zu haben und die ihrem Vorgesetzten schutz- und rechtlos ausgeliefert ist. Oder die Klage über den hingerichteten Anarchisten. Oder das Spottlied auf den Patron der Reisfelder. Einfühlsam erklärt Dodo Hug Hintergründe und Zusammenhänge dieser Lieder, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheinen.

Efisio Contini, der mit Schiebermütze und rotem Halstuch seine Herkunft unterstreicht, bemerkt dann noch, dass das „Canzone populare“ eine Renaissance erfahren hat. Contini braucht mehrere Anläufe, bis er den Namen „Berlusconi“ endlich aussprechen will. Dann aber ist klar: Das Spottlied lebt in Italien weiter und ist bis zum heutigen Tage aktuell. Mehrfach wird im Laufe des Abends darauf noch Bezug genommen werden. Es ist schade, so eine Ausdrucksform im deutschen Sprachraum nicht zu haben…

Auch eine Reihe von Schlaf- und Liebesliedern haben Hug und Contini im Programm. Doch im Gedächtnis bleibt das politische Lied. Über den Teufelskreis, in den gierige und gleichzeitig naive Anleger gelangen, die ihr Geld verlieren. Oder das unter die Haut gehende Chanson „Déportée (Die Usgschaffte/Traghetti)“. Es besingt ausländische Arbeiter in der Schweiz: Alle paar Jahre wechselt das Herkunftsland der Zuwanderer, aber ihre Schwierigkeiten im Gastland sind stets die gleichen. Monatelang stand dieses Lied im letzten Sommer auf Platz 1 der Liederbestenliste. Herzerwärmend und horizonterweiternd, so ein Abend mit Dodo Hug und Efisio Contini.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd

Im Radio:

Die nächste Liederbestenliste sendet der Deutschlandfunk in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, vom 20. zum 21. März 2012, von 1.05 bis 2.00 Uhr im ‚Liederladen‘ – ansonsten weiterhin einmal im Monat

Frequenzsuche

Auf WDR 5 am 25. März 2012 um 21 Uhr bei ‚Streng öffentlich‘

Deutschlandradio Kultur bringt das Konzert von Dodo Hug aus der Berliner Wabe in seiner Reihe ‚Tonart‘ in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch, 29. zum 30. Mai 2012 um 2 Uhr. Alle mal wach bleiben!

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weitere Infos:
www.liederbestenliste.de

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