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Mathias Tretter möchte nicht Dein Freund sein – Kritik

Mathias Tretter 01 Foto © Inka MeyerSchlachtplan für die Revolution

BERLIN (gc) – Der Titel des vierten Solo-Programms von Mathias Tretter klingt nach Lifestyle-Kritik, nach Anti-Facebook-Manifest und der Sehnsucht nach der guten alten analogen Zeit, als Telefone noch Wählscheiben hatten. In Wirklichkeit ist es solides politisches Kabarett, kombiniert mit einer schönen Idee, wie denn jetzt endlich die Revolution kommen soll.

Tretter weidet sich zunächst ausgiebig am Tagesaktuellen. Bei der Berlin-Premiere in den nahezu ausverkauften Wühlmäusen erörtert er den Trend, neue Flughäfen in Deutschland nach Politikern zu benennen. Das könne zu Irritationen führen, wenn man verkürzt ausruft: „Franz Josef Strauß kriegt eine neue Landebahn, aber Willy Brandt ist immer noch dicht!“ Er plädiert für eine Staats-Pleite Griechenlands, weil man nach einer Insolvenz unter einem neuen Namen weitermachen könne. Gerade nicht genutzte Namen wären zum Beispiel „Jugoslawien, Sowjetunion oder DDR“.

Es sind messerscharfe Gedanken, die Tretter ausgesprochen unaufgeregt formuliert. Den ganzen Abend über kommt er immer wieder auf aktuelle Themen zurück, die er in wenigen Sätzen behandelt. Den störenden moralischen Zeigefinger erhebt er dabei nicht, höchstens manchmal seine Stimme. Etwa, wenn er „den Gedicht-Faschisten“ gibt, weil er mit seinem Werk über Israel endlich in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen beachtet werden will. Er ist dabei auf gutem Wege, denn bis zur weltweiten Verbreitung über Live und Lustig hat er es schon geschafft!

Mathias Tretter 02 Foto © Inka MeyerDie eigentliche Geschichte aber handelt vom Stammtisch, den er mit zwei Freunden gegründet hat. Sie treffen sich in „Uschis Bier-Butze, einem Ort, an dem man nicht rauchen kann, sondern muss.“ Da ist sein Alter Ego Ansgar, ein Würzburger, der jetzt in Leipzig lebt. Ein ganz entspannter Charakter, dieser Ansgar, ein Student auf der Durchreise zum Rentnerdasein. Rico dagegen wurde in Kassel geboren, wuchs aber nach der Wende in Leipzig auf. Er war als Student erfolgreich – was ihm aber zunächst nur einen Job als Fahrradkurier eingebracht hat. Jetzt ist er Trendscout. Man ahnt es: Die unterschiedlichen Dialekte der beiden Freunde sind ein Fest für den Kabarettisten Tretter.

Die drei überlegen, wie sie denn nun endlich die Revolution in Deutschland auslösen können. Als Trendscout Rico die Revolution als neuen Trend ausgemacht hat, gelingt es ihnen: Durch ihre gezielten Falschinformationen via Twitter versammeln sich Zehntausende auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag. Grandios, wie Mathias Tretter nun die Facebook-Postings und Twitter-Meldungen über dieses Ereignis wiedergibt. Der große Parodist lässt die alten Bekannten plastisch werden: Angela Merkel, Klaus Kinski, unterbelichtete Rechtsextreme und wenig erleuchtete Recht-Sextreme.

Ein langer Abend geht so zu Ende. Als langweilig wurde er zu keinem Zeitpunkt empfunden, auch wenn es anfangs ein Weilchen braucht, bis sich eine Struktur abzeichnet. Vielleicht liegt es neben dem guten Programm mit an der bequemen Bestuhlung in den Wühlmäusen, dass die Zuschauer gerne durchgehalten haben und mit herzlichem Applaus danken.

(Wir twittern und facebooken dies unverzüglich!)

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin

nächste Termine:
Mi, 23. Mai 2012: Frankfurt a.M., Stalburg Theater
Do, 24. Mai 2012: Eckental, Mehrzweckhalle Eckental
Fr, 25. Mai 2012: Passau, Scharfrichterhaus Passau

www.mathiastretter.de

Kategorien:Kabarett, Kritik
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