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Ades Zabel & Company: Linie 8, das „Trendbezirksneuköllnical“ – Kritik

Schön schräg und albern

BERLIN (as) – In Berlin gibt es seit gut 25 Jahren die bewährte Tradition, gesellschaftliche Entwicklungen der Stadt als Musical und entlang der U-Bahnstrecken aufzubereiten. Das GRIPS-Theater hatte diese mit „Linie 1“ zu einer Zeit begründet, als Kreuzberg noch als Synonym für Alternativkultur und soziale Brennpunkte jeglicher Art galt.

Das Nachfolgestück führte 2009 folgerichtig mit „Linie 2“ in den von Latte Macchiatio-Wahlberlinern mit schwäbischem Migrationhintergrund gentrifizierten Prenzlauer Berg.

Die Karawane der partyseligen Easy-Jet-Touristen, trendsettenden Künstler und profitgeilen Investoren ist derweil längst weitergezogen und hat sich „Kreuzkölln“ als neues Eroberungsgebiet ausgeguckt – und der Comedy-Truppe rund um Ades Zabel damit ein wunderbares Thema geliefert.

Mit „Linie 8“ schreibt die Company gewissermaßen die vor zwei Jahre uraufgeführte Show „Made in Neukölln“ fort und lässt damit die Zuschauer ihre bereits bestens eingeführten Charaktere an einem weiteren Kapitel ihres Kiezlebens zwischen Jobcenter, Eckkneipe und Kindl-Boulevard teilhaben.

Heuschrecken bedrohen das Neuköllner Kiez-Biotop und wollen auch das Haus in der Nogatstraße luxussanieren. Die dauerarbeitslose Transferempfängerin Edith Schröder (Ades Zabel) ist noch nicht ganz aus ihrer heruntergewohnten Bleibe vertrieben, da schaut auch schon Thomas Gottschalk vorbei, um sich von der Immobilienmaklerin vom zukünftigen Traumobjekt überzeugen zu lassen.

Kneipenwirtin Jutta Hartmann (Bob Schneider) und Modistin Brigitte Wuttke (Biggy van Blond) hingegen wollen am Aufschwung teilhaben. Schluss mit Futschi und Korn in der Eckkneipe; die soll zur trendigen Bubble-Tee-Lounge werden. Und Brigitte lässt ihre Legging Boutique von hippen Hostel-Touristen als „irre Location“ adeln und sich einen Crashkurs in Social Media verpassen und träumt von Reichtum und globalem Ruhm durch eine eigene Teleshop-Verkaufssendung. Die Türkin Hatice (Stefan Kuschner) hingegen will nicht tatenlos mit ansehen, wie „Menschen mit Migrationshintergrund nach Spandau umgesiedelt werden“ und unterstützt Edith bei dem Protest gegen „Neukölln 21“.

Mit schmissigen Show- und Musiknummern (u. a. einer neuköllnisierten Version des Ideal-Hits „Berlin“) und einer bewährten sowie vom Publikum erwarteten Mischung aus Klamauk und Slapstick, derben Späßen, fiesen Kalauern und knackigen Dialogen drehen Ades & Konsorten Klischees, zugespitzte Alltagsbebachtungen durch den Fleischwolf. Heraus kommt eine über gute zwei Stunden rundum unterhaltende Show zwischen Currywurst und Döner.

Linie 8 Pressefoto von Joern Hartmann

Bereits seit den frühen achtziger Jahren treiben Ades Zabel und Bob Schneider als Urgesteine und Keimzelle in wechselnden Ensemblezusammensetzungen im Berliner Tunten-Trash-Comedy-Underground ihr Unwesen. Der anarchistische Performance-Charakter der frühen Jahre ist derweil einer wachsenden Professionalisierung gewichen. Da sitzen nicht nur die Choreografien. Regisseur Bernd Mottl hat das „Trendbezirksneuköllnical“ knallhart auf Pointen hin getrimmt, und Filmemacher Jörn Hartmann erzählt die Handlung an externen Schauplätzen mit kinoreifen Videosequenzen weiter.

Da gibt es nicht nur eine Horrorfahrt mit der U-Bahn, sondern auch eine wirklich atemberaubend schöne, weil so absurde Sequenz am U-Bahnhof Hermannplatz: Die nunmehr obdachlose Edith Schröder hat kurzerhand ein Abfertigungshäuschen bezogen, mit Blumenkästen geschmückt und lebt dort inmitten des Bahnsteigtrubels, ihren gewohnten Alltag mit Fluppe, Morgenzeitung und Schmutzgeschirr in der Küchenspüle weiter.

Ohnehin hat jeder der fünf Ensemblemitglieder so seine kleinen, feinen Höhepunkte – musikalisch, komödiantisch oder in einer überraschenden, neuen Rolle. Robert Schneider malträtiert beispielsweise als schnorrende Obdachlose auf einem U-Bahnsteig Edith Schröder derart, dass die genervte Hartz-IV-Empfängerin die „Motz“-Verkäuferin nur noch durch den bösen Ausruf „Geh doch arbeiten!“ vertreiben kann. Stefan Kirschner wiederum versucht sich in der Quadratur des Kreises, nämlich als Harald Glööckler, die lebende Karikatur eines schwulen Modedesigners zu parodieren. Auch wenn’s letztlich nur eine perfekte Imitation gewesen sein mag: Es macht höllischen Spaß. Und Ensemble-Neuzugang Nicolai Tegeler bringt als U-Bahnfahrer und schüchternder Womanizer mit erotischem Geheimnis noch einmal ganz andere darstellerische Facetten ins Spiel.

Axel Schock © 2012 BonMoT-Berlin

aktuelle Termine:
noch bis 1. September 2012: fast jeden Mi, Sa und So 20.30 Uhr, Berlin, BKA, Mehringdamm 34, Karten: 030-20 22 007
Montag, 3. September 2012: Hamburg, Schmidts Tivoli

www.adeszabel.de

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