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Michael Mittermeier kämpft für den Comedian Zarganar aus Burma

Zarganar 01Ein starker Abend für Meinungsfreiheit und Humor als Menschenrechte

BERLIN (gc) – Erschöpft und resigniert schaut Michael Mittermeier in die Kamera. „Ich hoffe, Du machst weiter. Sie können Dich nicht brechen, nicht Deinen Geist. Zarganar, ich hoffe, wir sehen uns irgendwann.“ Die Kamera hält drauf. „Ich werde wütend“, sagt Mittermeier zögernd und traurig.

Vor zwei Jahren entstanden diese Bilder in Burma. Michael Mittermeier war damals nach Südostasien gereist, um den großen burmesischen Comedian Zarganar zu unterstützen. Einen Kollegen, der damals noch eine 34-jährige Haftstrafe abzusitzen hatte. Aber es kam anders: Nach den Wahlen in Burma im vergangenen Jahr wurde Zarganar freigelassen.

Am Dienstag sind Michael Mittermeier und Zarganar zum ersten Mal gemeinsam im Berliner Varieté Chamäleon aufgetreten. Es war eine berührende Veranstaltung, in der die Menschenrechte im Fokus standen: eine Mischung aus Laudatio (ohne die Verleihung eines Preises), Show (ohne ein festgelegtes Programm) und Pressekonferenz (ohne Beschränkungen für die Fragenden).

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, berichtete unter dem Schein des Menschenrechtslogos von zwei Reisen nach Burma. Im vergangenen Jahr saß die Militärjunta noch fest im Sattel. Löning empfand eine Stimmung von Angst und Repression. „Warten Sie ab, es liegt was in der Luft“, sagten ihm einige Gesprächspartner vor Ort. Dann fanden Wahlen statt, die zu einer vorsichtigen Öffnung des Landes führten. In diesem Jahr 2012 spürte Löning in Burma eine viel gelöstere Stimmung unter den Bürgern. Das Land hatte Hoffnung geschöpft, denn viele politische Gefangene waren inzwischen freigelassen worden.

Plakat Prison„This Prison Where I Live“
Unter ihnen war auch Zarganar, Anfang 50, und von Beruf Zahnarzt. Seine wirkliche Berufung hat er als Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler gefunden. Er entspricht dem europäischen Klischee des intellektuellen Asiaten: Nicht sehr groß, bebrillt, keine Haare auf dem rundlichen Kopf und stets freundlich-heiter. Seit Ende der achtziger Jahre saß er mehrfach im Gefängnis und unterlag als Künstler immer wieder starken Beschränkungen. Besonders deutlich wird das in dem Dokumentarfilm „This Prison Where I Live“ von Rex Bloomstein. 2007, vor Zarganars bisher letzter Festnahme, führte er Interviews mit ihm. Zarganar stand lächelnd vor einer kleinen Bühne und dirigierte das Ensemble als Regisseur. Er sagte, vor der Bühne dürfe er stehen. Stiege er jedoch auf die Bühne, würde er sofort von den unauffälligen Herren im Hintergrund festgenommen werden.

59 Jahre Knast für Comedy
2008 dann der Zyklon Nargis, der in Burma schwere Verwüstungen anrichtete. Zarganar kritisierte in seinen Witzen das katastrophale Katastrophen-Management der Militärregierung und wurde zu 59 Jahren Haft verurteilt. In seinen Witzen? Ja, denn Zarganar erzählt auf der Bühne Witze. Politische Witze vorwiegend, die von der Doppeldeutigkeit der Begriffe leben. Das macht es schwer, sie in eine andere Sprache zu übertragen, denn manchmal muss die Pointe erst umständlich erklärt werden. Als er ins Gefängnis kam, hat er sich zunächst über die obszöne Strafe von 59 Jahren Haft beschwert, sagt er im Chamäleon. Schließlich hätten andere Gefangene eine Strafe von 65 oder gar 120 Jahren Haft erhalten – selbst, wenn sie älter waren als er selbst!

Zarganar findet in jeder Situation etwas Humoriges, auch wenn einem beim Zuhören das Lachen oft genug im Halse steckenbleibt. Einmal, so berichtet er, sei er in eine Art Zwangsjacke gesteckt worden. Selbst der Kopf war fixiert, er konnte nur nach vorn blicken. Die Soldaten schlugen ihn und herrschten ihn an: „Dreh Dich nicht um! Schau nicht nach hinten!“ Da begann er zu lachen, und die Peiniger schlugen härter zu. Warum er lache, fragten sie. „Na, wie soll ich mit meinem fixierten Kopf nach hinten schauen?“, hat er geantwortet.

Mittermeier + Zarganar - Foto Natascha Sanftleben

Der Humor sei bei ihm ein Instinkt, sagt Zarganar, „Lachen kann jeden Schmerz heilen.“ Und kleinste Aktionen können eine große Wirkung haben. So berichtete Zarganar von den Postkarten an der Wand seiner Zelle. Die stammten von Menschenrechtsorganisationen im Westen, die ihre Anhänger aufgerufen hatten, Zarganar zu unterstützen. „Die Postkarten haben mich motiviert“, sagt er. „Und solche Postkarten von Amnesty International zeigen den Diktatoren: Den können wir nicht mehr so einfach töten. Der ist prominent“, ergänzt Michael Mittermeier. Er hatte eine E-Mail von ‚Cinema for Peace‘ erhalten, in der Rex Bloomstein für sein Projekt um Zarganar Unterstützer suchte.

Michael from Bavaria meets Zarganar from Burma
Mittermeier ist immer noch fasziniert: „Eigentlich müsste sich jeder Comedian mit einem solchen tapferen Kollegen solidarisieren. Denn das ist es ja, was wir gern wollen: dass wir Kabarettisten relevant sind“, sagt Mittermeier in einem Interview mit epochtimes.de. Im Januar 2010 ist er, als Student getarnt, nach Burma gereist. Unter konspirativen Umständen ist dort der Dokumentarfilm „This Prison Where I Live“ entstanden.

„Am häufigsten bin ich in dem Film zu sehen“, sagt Mittermeier. „Das liegt daran, dass Zarganars Freunde und Kollegen zwar mit uns gesprochen haben, aber auf gar keinen Fall gefilmt werden wollten.“ So musste Mittermeier die Gespräche in eigenen Worten zusammenfassen.

Plakat Mittermeier Zarganar

„Ich habe mir vorgenommen, die Kampagne so lange fortzusetzen, wie ich auf der Bühne Witze erzähle“, sagt Michael Mittermeier. Lange hat er dafür gekämpft, diesen Film ins Fernsehen zu bringen. Am 3. November 2011 hat ihn das ZDF ausgestrahlt – drei Wochen zuvor war Zarganar freigekommen. „This Prison Where I Live“ wurde auch im Kino und in Burma gezeigt. Illegal und auch erst zu Ehren Zarganars Freilassung. Aber eben in einem burmesischen Fernsehsender. Dadurch wurde auch Michael Mittermeier in Burma bekannt. Kürzlich, erzählt er, sei er am Londoner Flughafen von einem burmesischen Mönch angesprochen worden: „Ich kenne Sie, ich habe Sie schon einmal gesehen. Haben Sie nicht in diesem Film…?“

Ganz entspannt und voller Hochachtung werfen sich Mittermeier und Zarganar auf der Bühne die Stichworte zu. In ihrem ungeprobten und nicht besonders konzipierten Auftritt erzählen sie Schnurren rund um den Film: Wie Mittermaier das Projekt schon unmittelbar nach der Landung scheitern sah, weil ihm im Flugzeug schlecht geworden war, nachdem er in dem Formular, das nach ansteckenden Krankheiten fragt, alles mit „nein“ angekreuzt hatte. Ein deutschsprachiger israelischer Arzt konnte die Autoritäten zunächst beruhigen, aber niemand durfte aus dem Flugzeug aussteigen. Bis Soldaten erschienen, Mittermeier in einen Rollstuhl setzten und ihn und seine Begleitung als erste aus dem Flugzeug geleiteten.

Etwa 400.000 Schwarz-DVDs im Umlauf
Sie frotzeln über die DVD-Kopien des Filmes, die in Burma kursieren. Innerhalb von vier Wochen seien von 10 Original-DVDs schätzungsweise 50.000 illegale Kopien gefertigt worden, sagt Mittermeier. Mittlerweile seien bereits etwa 400.000 Stück in Umlauf. Mittermeier sorgt sich um die ausstehenden Tantiemen, Zarganar ist nicht wenig stolz auf die Schlitzohrigkeit seiner Landsleute. Und er will weiterkämpfen für die Freiheit in Burma. Unmittelbar nach seiner Freilassung wurde er gefragt, für welche Gefangenen man sich als nächstes einsetzen sollte. Da zog er aus seiner Tasche eine Liste mit den Namen von 345 Gefangenen in 42 Gefängnissen. Die hatten er und seine Freunde gerade recherchiert.

Tief berührend dieser Abend. Da sind die Kraft und das Engagement des Deutschen und der durch nichts zu erschütternde Humor und die Zuversicht des Burmesen. Sie wollen sich wiedersehen und gemeinsam auftreten. Dann soll „Michael from Bavaria“ die weite Reise auf sich nehmen. Bis dahin will Mittermeier unbedingt ein paar Sätze Burmesisch sprechen können.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin

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www.freezarganar.de
www.thisprisonwhereilive.com
www.mittermeier.de

Kategorien:Comedy, Kritik, Varieté
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 26. März 2013 um 20:45

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