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Über Wachen und Schlafen – Systemrelevanter Humor – Das Lesedünenbuch – Kritik

Über Wachen und Schlafen_Cover_Voland & QuistDie gelungene Lesebühne für zu Hause

BERLIN (gc) – 2006, als es in Berlin noch eine Menge Strandbars gab, fanden sich fünf junge Poetry-Slamer zusammen. Julius Fischer, Marc-Uwe Kling, Sebastian Lehmann, Maik Martschinkowsky und Kolja Reichert zogen regelmäßig durch die Strandbars und nannten sich deshalb „Die Lesedüne“.
Bis heute treten sie zweimal im Monat im „Südblock“ in Berlin-Kreuzberg auf, auch wenn das keine Strandbar ist und Kolja Reichert inzwischen zum Ehrenmitglied geworden und nur noch sporadisch dabei.

Im Februar 2010 entwickelten sie ihr Programm „Über Wachen und Schlafen“, mit dem sie deutschlandweit auf Tournee waren. Unter diesem Titel ist im Frühjahr das erste Buch mit Audio-CD der Lesedüne erschienen. Und um es vorweg zu nehmen: Es ist ziemlich großartig und kann nicht sehr viele Texte von 2010 enthalten. Das Thema „rechter Terror“ war damals noch keines, und die Redewendung „einem Chefredakteur auf die Mailbox sprechen“ gibt es erst, seitdem es ein Bundespräsident wirklich getan hat!

Im Mittelpunkt des Buches stehen Alltagsthemen der digitalen Bohème: Martschinkowsky leitet ein Kleinkind zur Brandstiftung im Job-Center an, Fischer beschreibt die komplizierten Abstimmungsprozesse innerhalb der Lesedüne und Kling bedient sich in einem Gedicht griechischer Sagengestalten, um über ein ergebnisloses Gespräch mit einem Call-Center zu berichten. Fast wie im richtigen Leben.

Da kommen auch Fortsetzungsgeschichten vor: Kling lässt mehrfach seine Känguru-Geschichten durch das Buch springen, während sich Fischer auf fiktive Interviews mit Künstlern und auf „Platonisches Plaudern mit philosophierendem Proll“ kapriziert. Mit dem Proll, einem Sachsen, wird sich dann über das Theater, die Stochastik oder den Rechtsterrorismus ausgetauscht.

Lehmann hat dagegen einen Jugendkultur-Zyklus erarbeitet. Irgendwo möchte er schließlich dazugehören, egal ob bei den Skatern, den Punkern oder notfalls bei den Jungliberalen. Zusammen mit seinen Freunden Dirk und Flo steckt er die Nase immer ein wenig in die jeweilige Subkultur. Doch alle drei können sich nicht richtig von ihrer Herkunft lösen und kommen nirgends richtig an. Kein Wunder, dass Lehmann im Buch und auf der CD insgesamt zehn verschiedene Jugendkulturen ausprobiert.

Es geht aber nicht nur lustig zu. Da ist Klings dunkles Gedicht „Game Over“ über den Irak-Krieg und den Diktator im Erdloch. Und Martschinkowskys Gedicht „Mittelstandsbeschimpfung“. Es ist eine wüste Abrechnung mit der Mittelschicht, der er sich nun wirklich nicht zugehörig fühlen will. „Unter Euch Schmarotzer // Über Euch: Leute mit Verantwortung“, und „Ihr … Hüftspeckpestilenz“, und „Und ihr – seid der Mittel punkt punkt punkt“, heißt es dort. Wahrlich, das kann man zwei- und dreimal lesen!

„Über Wachen und Schlafen“ spielt mit den Möglichkeiten, die die Medien Buch und CD bieten: Hervorragend, wie „Die Entstehung der Arten“ im Buch dargestellt wird. Auf vierzehn Seiten wird eine Bildergeschichte erzählt, in der alle Objekte aus dem Wort „PASTE“, dem Partner von COPY, bestehen. Gut(t)enberg lässt grüßen! Naja, fast alle Figuren: die CD besteht aus BRENNEN und RIPPEN, der Atompilz aus DELETE und die Guillotine kurz und prägnant aus CUT.

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Ach ja, CD. Die dem Buch beigelegte enthält vierzehn Tracks, läuft über eine Stunde und gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten Teil hört man Studioaufnahmen des Ensembles. Sie sind häufig chorisch, selten dialogisch und oft in Ping-Pong-Stereofonie produziert. Die Autoren probieren fleißig herum: Lautspielerisch zeigen sie zum Beispiel, wie beliebig die Begriffe Demokratie, Freiheit und Menschenrechte angewendet werden. Am Ende wird daraus Freizeit, Menschenknechte, Meineid, Menschenreste und Bürokratie. Auch gerät das Beat-Boxing, also die musikalische Gestaltung ausschließlich durch den Mund, in der Nummer „Die fabelhafte Welt der Kopie“ zu einer lautmalerischen Spielerei. Hier ist der Hörer gefordert, sich einzulassen, Nebenbeihören ist praktisch ausgeschlossen.

Der zweite Teil der CD besteht aus Live-Mitschnitten von Kurzgeschichten. Zum Teil werden die Geschichten aus dem Buch weitergeführt, zum Teil sind es neue Geschichten. Sehr gelungen ist hier Fischers Parodie „Klassik am Morgen“, in der sowohl die Frühsendung einer bekannten mitteldeutschen Kulturwelle im allgemeinen, als auch substanzlose Portraits einfältiger Liedermacher im besonderen aufs Korn genommen werden.

Der gute Eindruck, den „Über Wachen und Schlafen“ hinterlässt, wird durch eine gewisse Leichtigkeit abgerundet. So nehmen sich die Autoren nicht allzu wichtig. Das zeigen die fiktiven Biografien im Anhang. Und immer wieder flammen die Kabbeleien zwischen Kling und Lehmann auf. Einfach nur, weil Lehmanns Mutter, Klings Texte so unglaublich lustig findet und das Talent ihres eigenen Sohnes dabei völlig übersieht. Wobei – Klings Texte ja wirklich lustig sind…

Letztlich ist es die gelungene Zusammenstellung aus heiteren und nachdenklichen Texten aller Autoren, die bei „Über Wachen und Schlafen“ zum großen Lesevergnügen führt.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

Die Lesedüne demnächst live im Südblock:
Montag, 13. August und Montag, 27. August 2012

Alle weiteren Termine: www.leseduene.de

Julius Fischer / Marc-Uwe Kling / Sebastian Lehmann / Maik Martschinkowsky / Kolja Reichert: Über Wachen und Schlafen – Systemrelevanter Humor – Das Lesedünenbuch
Verlag Voland & Quist, 160 Seiten plus Audio-CD, ISBN 978-3-86391-013-6
Preis: 14,90 €

Kategorien:Bücher/ Print, Kritik
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