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Dieter Nuhr: „Nuhr unter uns“ – Kritik

Dieter Nuhr - Foto PRGroßflächig oberflächlich in die neue Saison

BERLIN (gc) – Leicht gebräunt und ganz tief entspannt steht Dieter Nuhr vor seinem Publikum in den Berliner Wühlmäusen. Den Start der neuen Saison will er hier feiern, mit 17 Vorstellungen in 20 Tagen, die praktisch alle schon ausverkauft sind.

Sehr wach muss man sein, um dem wieselflinken Dieter Nuhr in seinen Gedankengängen zu folgen. Das liegt nicht am zu hoch gesteckten intellektuellen Anspruch der Texte, sondern an den vielen Gedanken!

Von der Fußballbundesliga spricht er, von Düsseldorf und Hertha, davon, dass bis „der Berliner Flughafen funktioniert, Hertha schon wieder auf- und abgestiegen“ sein wird, vom Burn-out-Syndrom, vom Kampf arabischer Völker um die Demokratie und der „Demokratie 2.0“ in Deutschland, bei der das Wahlrecht immer seltener genutzt wird.

Geschmeidig gleitet Dieter Nuhr von Thema zu Thema und umschifft dabei jedweden Fixpunkt. Die Rotbauchunke leidet, weil der Chinese jetzt endlich auch Auto fahren will. Aber wenn in China Latte macchiato zum Modegetränk würde, brauchte es viel mehr Kühe, um den gestiegenen Milchbedarf zu decken, doch „jede Kuh furzt uns das Wetter warm“, sodass die Rotbauchunke noch mehr zu leiden hätte.

Das Fernsehprogramm mit den Scripted Reality-Mottos „Assis schauen Assis“ und „Menschen schauen Menschen beim Leben zu“ ärgert ihn – gleichzeitig gestaltet er einen Abend, bei dem der Zuschauer im Saal an vielen Stellen unbeschadet ein- oder aussteigen kann. Es fühlt sich wie zappen im Theater an: Die ganze Zeit neue, kaum geordnete Informationen, elegant verbunden zwar, aber ohne rechtes Gefüge. Atemlos streift Nuhr in diesem Themenpark umher und nimmt sich an jedem Haltepunkt Zeit für nur drei Sätze.

Gegen Ende des ersten Teils findet Dieter Nuhr dann ein Thema, dem er mehr Zeit widmet: Die Jugend. Schon vorher berichtete er von der Erkenntnis „Vögel picken Kotze“, die er nach der Party seiner 15-Jährigen Nichte in seinem Garten gewonnen hat. Nun fragt ihn ein Teenager, wie man früher ohne Handys leben konnte. Nuhr geht jetzt den Schritt vom Erzähler zum Darsteller. Er spielt herrlich, wie man sich in grauer Vorzeit verabredet hat und wie man reagierte, wenn der Partner nicht erschien: Dann begab man sich in eine Telefonzelle, suchte in der „analogen Datenbank ohne Strom“ nach der Telefonnummer und rief den Teilnehmer an – wenn nicht der Groschen auf den versifften Boden fiel… Ja, denkt man sich, genauso ist es gewesen!

Nach der Pause geht Nuhr dann doch ein wenig in die Tiefe. Das liegt an ein paar Generalthemen, die er bearbeitet: „Wie es früher war“ ist so eines. Überzeugend erklärt er: „Liberal war früher gut“. Ein anderes Thema sind seine Gedanken über Religionen und Gott, der „vielleicht gar nicht dreifaltig, sondern würfelförmig ist und in Luckenwalde lebt.“ Nuhr beweist Gott sei Dank sehr pointiert, wie wenig stichhaltig Verschwörungstheorien jeglicher Art sind. Sein Vorschlag zum Ende des Abends: „Positiv in die Zukunft blicken, es gibt immer Grund zum Optimismus“. Und es gibt Google, auf das Nuhr immer wieder hinweist. „Googeln Sie das mal!“, ist in „Nuhr unter uns“ ein Leitmotiv. Es erklärt, wieso man sich am Ende des Abends wie nach einer ausgedehnten Internet-Sause fühlt.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

Noch bis zum 16. September 2012 in den Berliner Wühlmäusen
www.wuehlmaeuse.de

Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik
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