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Erster Wettbewerbstag in Sankt Ingbert – Kritik

Politisches Kabarett verschiedener Generationen und ein geflügelter Krimi

SANKT INGBERT (gc) – Die Stadthalle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Philipp Scharri moderiert im schwarz-rot changierenden Anzug und sagt die Künstler in gereimten Versen an. An diesem ersten Abend des Wettbewerbs um die Sankt Ingberter Pfannen treten Thilo Seibel, Team & Struppi und die Queenz of Piano gegeneinander an.

Thilo Seibel - Foto HP„Das wird teuer“ heißt das Programm von Thilo Seibel. Er ist ein alter Bekannter des politischen Kabaretts, hat zusammen mit Lüder Wohlenberg bereits 2002 eine der Pfannen gewonnen und war auch 2010 beim Wettbewerb dabei.

Er berichtet von seinem Urlaub in einem Entwicklungsland: In Italien sei er sehr herzlich aufgenommen worden – insbesondere in den Tagen nach dem Halbfinalspiel der Fußball-EM. Der Schritt zum Thema Euro-Krise ist schnell gemacht und es ist auch klar, wer sie schultern wird. Teuer wird es für alle werden, besonders stark wird das der kleine Grieche auf der Straße spüren – Banken und Militärs eher weniger.

Doch Merkel und Sarkozy laufen sich am Strand schon die Füße platt, um das Schlimmste zu verhindern. Seibel schlüpft in Rollen der deutsch-französischen Euro-Retter und wächst als Sarkozy, diesem „Louis de Funès der Politik“, fast über sich hinaus. Auch Stoiber und Müntefering lässt er aus dem politischen Ruhestand wieder in die Krise eingreifen. Mit altbewährten Parolen können sie wenig zur Lösung beitragen.

Neben der Euro-Krise ärgert sich Seibel auch über Innenpolitisches. Mit Blick auf die Pannen bei der Fahndung nach rechten Terroristen fragt er: „Wenn man in Afghanistan eine funktionierende Polizei aufbaut, warum nicht auch in Thüringen?“ Das Publikum geht mit, wenn er über den Reflex der Sicherheitsbehörden nach solchen Pannen spricht: Sie fordern mehr Daten! „Das ist so, als ob sie die Nadel im Heuhaufen nicht finden und zur Arbeitserleichterung mehr Heu bestellen!“

Die Energiewende und ihre Umsetzung gehen Thilo Seibel auch zu Herzen. Ihren politischen Vätern Norbert Röttgen und Philipp Rösler bescheinigt er „einen Weitblick, wie zwei Zierfische im 30-Liter-Aquarium.“ Deutlich wird auch bei diesem Thema: Das wird teuer, und zwar vor allem für den kleinen Mann an der Steckdose. Seibel findet an diesem Abend einen guten Draht zum Publikum: Er fordert, aber überfordert nicht, ist strukturiert und erkenntnisreich. Hartes politisches Kabarett im klassischen Stil. Das Publikum dankt mit herzlichem Applaus.

Team-Struppi - Foto PRAus ganz anderem Holz sind Team & Struppi geschnitzt: Moritz Neumeier und Jasper Diedrichsen experimentieren mit einer neuen, verstörenden Spielart des politischen Kabaretts. Schon der Titel ihres Programms macht unsicher: „Die Machtergreifung“.

Darf ein NS-Propagandabegriff so einfach wiederbelebt werden, und dann auch noch im Kabarett? „Ich kann es nicht ertragen, dass die Revolutionäre von früher heute unsere Eltern sind,“ sagt einer der beiden. Da ist sie, die Unsicherheit und die Suche nach der Rebellion, die für die heutige Jugend schwieriger zu sein scheint als für ihre Eltern. Die Lebenswege seien heute weniger stark vorgezeichnet. Das mache es der Jugend schwerer und sie bekomme bereits bei der Wahl des Studienplatzes einen Nervenzusammenbruch.

Team & Struppi sind schnell und keilen nach allen Seiten aus. Sie fallen sich gegenseitig ins Wort, korrigieren einander, suchen immer wieder nach einer neuen Position. „Ich bin nicht im Widerstand, ich bin ständig angewidert.“ Glücklicherweise entsagen sie dem Regietheater-Gedanken bald wieder, wichtige Sätze im Chor aufzusagen.

Team & Struppi gründen eine Partei und suchen erst dann nach ihren politischen Zielen: „Wir versprechen etwas, das Sie nicht wollen und dann machen wir es nicht!“ Einige Vorschläge: „Die EU muss raus aus Deutschland“ oder „ein Kastrationsprogramm für Banker und Broker“ oder „das neue Einwanderungsmotto Come in and find out“. Fast hört man es aus der letzten Reihe der Stadthalle murmeln: „Hol’s der Teufel! Woher kenn ich das bloß?“ Saß da nicht dieser Mann mit dem Kopftuch und der Augenklappe? Dieser Kerl, der zwar seinen Papagei auf der Schulter ruhig halten konnte, aber beim Gehen so viel Geräusch mit seinem Holzbein machte?

„Die Machtergreifung“ ist kein Klamauk, sondern eine Herausforderung für den Zuschauer. Interaktives Kabarett sozusagen, denn Mitlachen allein genügt nicht! Hier muss bei fast jeder Pointe entschieden werden, ob es überhaupt schicklich ist über sie zu lachen. Manchmal schleichen sich faschistoide Allmachtsfantasien in die Texte, die es nicht mit einem Lacher zu belohnen gilt.

Neumeier und Diedrichsen sprechen später im Festivalkeller von der Gefahr des Mißverstandenwerdens. Die besteht sicher nicht bei ihren Karikaturen von Protestlied und Schlager. Doch so ein Aufstand der Jugend ist anstrengend für alle Beteiligten. Der Zuschauer wird Zeuge des Werdens, Widersprechens, Verwerfens und neu Beginnens. Eine Linie? Vielleicht bei diesem weißen Pulver, das manche mit der Nase aufnehmen, aber nicht unbedingt in der „Machtergreifung“. Das Publikum feiert Team & Struppi mit begeistertem Applaus.

Queenz of Piano - Foto HPDie Queenz of Piano runden den ersten Wettbewerbstag ab. Anne Folger und Jennifer Rüth sind klassisch ausgebildete Pianistinnen. In den Auszügen aus ihrem Programm „TastaTour“ zeigen sie, wie wenig sie mit dem regulären Konzertbetrieb ausgelastet sind. Einfach nur an den Tasten des Flügels zu spielen, ist ihnen zu wenig.

Die „Queenz of Piano“ greifen auch in die Saiten. Zu Astor Piazzollas „Libertango“ wird einerseits der Konzertflügel traditionell bedient, andererseits werden die Saiten gezupft und der Takt auf dem Korpus des Instruments geschlagen.

Die beiden Solistinnen erzählen eine Kriminalgeschichte, die sie am Flügel begleiten. Dazu streuen sie ein paar bekannte Melodien ein, deren Komponisten oder Interpreten das Publikum erraten soll. Anfangs sind die Zuschauer zurückhaltend, doch je mehr sich die beiden ins Zeug legen, desto stärker ziehen sie sie auf ihre Seite.

Eine Panne am Flügel wird mit einer Panne am Auto gleichgesetzt: Man ruft den ADAC an, wenn auch in diesem Falle nicht mit dem Telefon, sondern mit der Tonfolge a, d, a, c. Eine feine Idee, dann den Flügel-Mechaniker auftreten zu lassen, dessen Fachchinesisch sich nicht sehr von dem des Auto-Mechanikers unterscheidet.

Es ist eine unterhaltsame Mischung aus Konzertabend und Nummernrevue, diese „TastaTour“, angereichert mit Klassik- und Jazzinterpretationen. Sie wollen, sagen die beiden, ein jüngeres Publikum in die Konzertsäle locken und die Angst vor klassischer Musik abbauen. Zu unterhalten verstehen sie prima! Zum Beispiel mit einer Mischung aus Sirtaki und Säbeltanz, die mit Wasserballettübungen auf dem Trockenen angereichert wird. Sehr herzlicher Applaus auch hier.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin

www.thiloseibel.deteamundstruppi.wordpress.comwww.queenz-of-piano.de

www.st-ingbert.de

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