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Vierter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert – Kritik

Musik, Musik und der Kampf um Aufmerksamkeit

SANKT INGBERT (gc) – Beim letzten Wettbewerbsabend in St. Ingbert steht die Musik im Mittelpunkt. Sebastian Nitsch bringt vorsichtig seine philosophischen Gedanken in Wort und Akkord, Michael Krebs haut „brudaal luschtik“ in die Tasten und Streckenbach & Köhler kämpfen zunächst gegeneinander und später gemeinsam um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Sebastian Nitsch 02 – Foto © Juliane FlötingSebastian Nitsch hat sich fein gemacht: Oberhemd und Anzug hat er angelegt, um Auszüge aus seinem Programm „Unsterblichkeitsbatzen“ zu präsentieren. Den Draht zum Publikum hat er sofort gefunden, als er über mangelnde Küchenhygiene und vergessene Tupperschüsseln im Kühlschrank spricht.

Schnalzend bestätigen die Zuschauer, ähnliche Probleme zu haben. „’Jetzt‘ und ‚Sofort‘ sind ein Paar und wollen heiraten. Dann heißen sie ‚Jetzt-Sofort‘. Um wie viel gemütlicher klingt doch da ‚Später‘“, sagt Nitsch und gibt die Richtung vor.

Verlangsamen, Hinsehen und Überdenken. Diese drei Begriffe stehen für ihn im Zentrum. Die Welt ist viel zu hektisch, als dass man sie verstehen könnte. Wieso müssen Haar-Shampoos eigentlich mit ihren Etiketten Frauen beleidigen: „Gegen Schuppen, bei strukturgeschädigtem Haar“, zählt er auf. Die Frauen gehen am Ende zum Regal und suchen die Beleidigung aus, die zu ihnen passt. Warum Duftsprays nie so riechen, wie sie heißen, kann Nitsch erklären: Das Meeresbrise-Spray riecht so komisch, weil der Aromatiseur unter einem eingewachsenen Bonbon litt!

Lasst uns doch eine persönliche Revolution machen, scheint Nitsch sagen zu wollen, und setzt sich an den Flügel. Eine zart schmeichelnde Melodie entlockt er dem Instrument und singt „Ich mach da nicht mehr mit!“ Der Fleischer schnitzt dann ein Herz in den Pansen und der Polizist lässt sich vom Demonstranten kneifen. Einfach nur, um sich wieder zu spüren. Nitsch schildert diese Vorschläge so angenehm und überzeugend, dass man sich wünscht, selbst einmal gekniffen zu werden. Wenn er vom „Kleinen Glück“ singt, öffnet das die Augen: Egal in welcher Situation oder ungünstigen Lage man sich gerade befindet – das kleine Glück findet immer einen Platz, um sich zu verbergen. Man muss es nur finden!

Sebastian Nitsch kann aber auch anders. Wenn er zum Beispiel unerwünschte Anrufe von Marktforschern erhält, wehrt er sich auf intelligente Weise: Mal schneidet er sich die Zeit für das Gespräch wortwörtlich „aus den Rippen“, mal muss er erst seinen Herrn und Meister um Erlaubnis fragen, oder er entpuppt sich als Motivationstrainer, der der anrufenden Callcenter-Leibeigenen Tipps zum besseren Telefonieren gibt. Diese Miniaturen streut er immer wieder ins Programm. Durch ihren Wiedererkennungswert lockern sie ungeheuer auf. Das Publikum ist angetan und applaudiert herzlich.

Michael Krebs (Foto: www.michaelkrebs.de)Michael Krebs kommt aus Schwaben. Selbstbewußt nennt er sein Programm „Es gibt noch Restkarten“. Sehr locker ist er gekleidet, trägt Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit dem selbstkreierten „Flüsterfuchs – Nein danke!“-Logo.

Der Heavy-Metal-Anhänger zeigt bei jeder Gelegenheit das Erkennungszeichen dieser Gruppe: Die Pommesgabel des Teufels. Das ist eine Faust, aus der der kleine und der Zeigefinger hervorgestreckt sind. Auf der ganzen Welt erkennen sich so die Heavy-Metal-Fans – nur in deutschen Kindergärten wird das Zeichen mißbraucht und steht für den Flüsterfuchs, „der schließt den Mund und spitzt die Ohren!“ Krebs kämpft dagegen mit seiner Kampagne „Flüsterfuchs – Nein danke!“. Das Logo, das sehr an das der Atomkraftgegner erinnert, hat er auf Aufkleber drucken lassen. Laut sei der Mensch und meinungsfreudig!

Michael Krebs erzählt von seinem Traumberuf Hotelpianist. Er konnte diesen Traum leben, auch wenn die Wirklichkeit wenig mit seinen Vorstellungen zu tun hatte. Er zeigt die musikalischen Kniffe Arpeggio und Rubato, mit denen Hotelpianisten jeden Song ähnlich klingen lassen. Lionel Richies „Hello“ hat er neu vertont, um die Leiden eines Hotelpiansten zu schildern. Zum ersten Mal wird er laut und böse und zieht das Publikum auf seine Seite.

Krebs träumt von einer anderen Welt, wenn er singt „Meine Freundin sollte von Apple sein“: Für alles gäbe es dann eine App, vieles wäre einfacher. Am Ende nimmt das Lied religiös-fanatische Züge an. Züge, die man schon heute bei manchen Apple-Anhängern beobachten kann. Er reflektiert seine Kindheit, als es noch keine Super-Nanny und keinen Peter Zwegat gab, in dem Lied „Wir hatten keine Chance“. Trotz dieser fehlenden „Unterstützung“ hat er die Kindheit überstanden! Das Publikum ist hingerissen.

Michael Krebs hat aber auch Politisches dabei, sagt er, und spielt „Das Mädchen von der Jungen Union“. Hier singt er von seinen sexuellen Erfahrungen mit Mädchen unterschiedlicher politischer und religiöser Weltanschauungen. Große Begeisterung jetzt im Publikum und lang anhaltendes rhythmisches Klatschen am Ende des Auftritts. „Das war Kabarock!“, sagt eine Zuschauerin begeistert klatschend. Stimmt, und Michael Krebs gilt von nun an als Favorit für den Publikumspreis.

Streckenbach & Köhler - Foto HPStreckenbach & Köhler zeigen zum Abschluss des Wettbewerbs Auszüge aus dem Programm „Multiple Ohrgasmen“. Der Tenor André Streckenbach und der Pianist Alexander Köhler treten im Frack an und fechten von Anfang an einen Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums aus.

Streckenbach bringt zunächst rund ein Dutzend weiblicher Frisuren durcheinander, als er beim Evergreen „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n“ hemmungslos durch die Parkettreihen steigt. Danach beginnt er, seinen Pianisten niederzumachen: Schon wie der sich auf die Bühne schleiche, sei geradezu unerträglich. Der Ärzte-Hit „Junge“ wird auf den Pianisten umgemünzt: „Köhler, warum hast Du nichts gelernt?“ Nur mit Flügelbegleitung klingt der Song sehr interessant und Streckenbachs angenehme Stimme tut ihr übriges. Auch bei Peter Maffays „Und es war Sommer“ mag man ihm gerne zuhören.

Geteilter sind die Ansichten schon, wenn es um die schauspielerischen Leistungen Streckenbachs geht. Zu Maffays Schlager bietet er eindeutige Verrenkungen. Das kann man machen, muss es aber nicht so oft wiederholen. Eindeutig gegen das Duo spricht eine umständlich erzählte Nummer mit Publikumseinbindung. Da wollen sie improvisieren, sagen sie, doch Streckenbach muss Köhler mehrfach umständlich und immer wieder neu angesetzt erklären, was er improvisieren soll. Die beiden agieren hier einfach in unterschiedlichen Welten und Improvisieren nach Ablaufplan kann nicht funktionieren!

Der Song „Dolce vita Rita“ wirkt mit der aufzublasenden Gummipuppe eher peinlich als lustig. Auch bei einem Lied mit zwei Zuschauern auf der Bühne springt kein Funke über. Die gute Darstellung von Udo Jürgens‘ „Aber bitte mit Sahne“ kann das hysterische Keifen des Tenors nicht ausgleichen, der sich durch den Applaus für seinen Pianisten in seiner Einzigartigkeit gestört fühlt. Höflicher Applaus für einen leider nur musikalisch überzeugenden Wettbewerbsbeitrag.

Alles in allem war die 28. Woche der Kleinkunst in St. Ingbert ein guter Jahrgang. Das Niveau war praktisch gleichbleibend hoch und die Anzahl der Genres übersichtlich. Die Konzentration auf wortbetonte und musikbetonte Beiträge hat dem Wettbewerb gutgetan. Umso schwieriger für die Jury, hier die Preisträger zu ermitteln. Es ist gelungen, traditionelle und neue Formen nebeneinander zu stellen. Das öffnet die Augen und zeigt, wie lebendig die Kleinkunstszene ist. Tja dann: A la prochaine!

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

www.sebastiannitsch.dewww.michaelkrebs.dewww.streckenbach-und-koehler.de

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