Startseite > Comedy, in memoriam > Dirk Bach stirbt mit 51 Jahren – Nachruf

Dirk Bach stirbt mit 51 Jahren – Nachruf

220px-Life_Ball_2009_(opening)_Dirk_Bach - wikimediaEin Aktivist mit Witz

Dirk Bach blödelte nicht nur für das Massenpublikum im Fernsehen, sondern überzeugte mit ernsten Rollen an kleinen Theatern. Marianne Kolarik erinnert sich.

KÖLN (mk) – Er fand es überhaupt nicht widersprüchlich, abends auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses in einem Stück von Marlene Streeruwitz oder Carl Sternheim zu spielen, nachdem er tagsüber bei RTL eine alberne Szene abgedreht hatte.

Dirk Bach, der am 1. Oktober im Alter von 51 Jahren tot in einem Appartement in Berlin aufgefunden wurde, war ein Grenzgänger zwischen U und E, zwischen Unterhaltung und Ernst, ein Spaßmacher und Ernstmacher in einer Person. Dass seine nachdenkliche Seite so viel weniger bekannt war, liegt am Privatfernsehen: Hier gab er an der Seite von Sonja Zietlow die moderierende Ulknudel in der RTL-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ – mit Kommentaren, die das Auftreten der teilnehmenden B- und C-Prominenten als schlechten Witz entlarvten.

Dass er ein seriöser Theaterschauspieler war, ist vermutlich den wenigsten seiner Fans bekannt. Als der Autodidakt 1990 unter dem Intendanten Günter Krämer ein festes Engagement am Kölner Schauspielhaus erhielt, durfte er zeigen, wie viel Talent in ihm steckt: zum Beispiel im grandiosen Monolog von Javier Tomeos „Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief“.

Ob die TV-Auftritte seiner Karriere als ernst zu nehmender Schauspieler im Wege standen, lässt sich kaum beurteilen: Einerseits fühlte sich Bach als großes Kind, das noch mit 47 Jahren von sich sagte, es passe nicht so recht in die Welt der Erwachsenen: „Dazu fühle ich mich einfach zu verspielt“. Andererseits hat er im selben Jahr als Konzentrationslager-Erhardt in der Bühnenfassung von Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ die dunklen Stellen des menschlichen Wesens ausgelotet. Und zwar so nachdrücklich, dass es den Zuschauern kalt über den Rücken lief.

Bach, der nie eine Schauspielschule besucht hat und sich seine ersten Erfolge in der freien Szene erarbeitete, machte aus seinen Rollen kleine Kabinettstücke. Sei es als Narr in Shakespeares „Was ihr wollt“ oder als Frosch in der „Fledermaus“.

Unvergesslich, wie er als eine Art lebende Putte splitterfasernackt auf der Studiobühne jubilierte, später als unmöglicher Weihnachtsmann „Hannibal Sternschnuppe“ und im „Rotkäppchenreport“ auf der Bühne in der Comedia stand oder als „Edgar“ im Atelier Theater einen Behinderten spielte. Walter Bockmayer „entdeckte“ ihn für die legendäre Inszenierung seiner schrägen „Geierwally“ an der Seite von Hella von Sinnen und Samy Orfgen. Die Freundschaften aus diesen frühen Tagen erwiesen sich als äußerst stabil.

Er liebte die Verwandlung, und das Publikum liebte den kleinen Mann mit den vielen Rundungen. Bei Frauen löste er Beschützer-Instinkte aus. Der Kopf, über den ihn man gerne gestreichelt hat, die lustigen Knopfäuglein und natürlich das Bäuchlein, das er wie einen Ball vor sich hertrug, seine beweglichen Arme und Beine, sein verschmitzter Blick weckten augenblicklich Vertrauen – der Mensch gewordene Knuddelbär. Als Kind wollte er „wie Urmel sein“, sagte er; später durfte er nicht nur Urmel spielen, sondern auch sämtliche „Käpt’n-Blaubär“-Bücher von Walter Moers, seinem erklärten Lieblingsautor, als Audioversion einlesen – und erhielt 2003 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik dafür.

Dem bundesweiten Publikum war er seit 1992 mit der „Dirk-Bach-Show“ bekannt geworden. Dem ZDF brachte er zwischen 1996 und 2001 mit der Sitcom „Lukas“ jüngere Zuschauer. Bach spielte einen erfolglosen Schauspieler, der sich als Fledermaus-Darsteller durchs Leben schlägt. „Die Fernsehzuschauer lachen über das, worüber wir am Set auch lachen“, sagte er – und behielt recht.

Eine seiner besonderen Eigenschaften war seine Treue zu seinen Freunden und Kollegen, die ihn alle bloß kurz und treffend „Dicki“ nannten. Ob Hella von Sinnen oder Ralph Morgenstern, Dada Stievermann oder Hape Kerkeling – man kannte sich lange und unterstützte einander mit Engagements: „Man kennt sich, man hilft sich“ als gut funktionierendes Netzwerk. Seine eigene Karriere wurde nicht zuletzt von Alfred Biolek und der damals noch existierenden ProGmbH gefördert: eine Produktionsfirma, die sich schließlich an Großprojekten verhob und Konkurs anmelden musste.

Bach ging offen damit um, dass er schwul war, Plüschtiere sammelte und seit vielen Jahren mit ein- und demselben Mann zusammenlebte. Unermüdlich wehrte er sich als Aktivist für Peta und die Aids-Hilfe gegen jede Form von Ressentiments und Diskriminierungen, weil – wie man in Köln sagt – jeder Jeck anders ist. Dass er Anfang Oktober in Berlin als „Der kleine König Dezember“ von Axel Hacke auftreten und darin den Satz sagen sollte „Und wer tot ist, wird ein Stern“, ist kein Trost für den Verlust eines Menschen, der großzügig über die Schwächen anderer hinwegsah – und über sich selbst am lautesten lachen konnte.

Marianne Kolarik © 2012 BonMoT-Berlin

Kategorien:Comedy, in memoriam
  1. marion tretter
    4. Oktober 2012 um 22:55

    er würde sich sehr darüber freuen!

  2. 2. Oktober 2012 um 20:56

    Ein sehr schöner Nachruf!

    • 2. Oktober 2012 um 21:53

      Danke! Sagen wir gleich an unsere Kölner Autorin Marianne Kolarik weiter.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: