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Wenn die Sekundärtugenden die Macht ergreifen – Kritik

Andreas Rebers - Foto © Janine Guldener
Andreas Rebers: „Ich regel das“ – Kritik

Andreas Rebers ist im Moment mit zwei Programmen unterwegs: „Der kleine Kaukasus – Heimatgeschichten“ und „Ich regel das“. Beide Programme hat er in den Berliner Wühlmäusen vorgestellt – rund um seinen Oktober-Auftritt beim Satire Gipfel.

BERLIN (gc) – „Reverend Rebers, der Hausmeister Gottes“ gehört der schlesischen Glaubensgemeinschaft der Bitocken an. Wie beim „Kleinen Kaukasus“ spielt der schlesische Background eine Rolle.
Die Bitocken sind tolerant und haben sich allen anderen Weltreligionen geöffnet – gleichzeitig haben sie auch von den anderen Weltreligionen Einflüsse bei sich aufgenommen. So gibt es eine Fastenzeit, in der, wie bei den Muslimen, nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang gegessen werden darf. Die Bitocken sind während ihrer Fastenzeit aber häufig auf Reisen, nach Nord-Norwegen, zum Beispiel. Im Sommer geht dort die Sonne nämlich kaum unter und es ist schon manchem Bitocken gelungen, sich dort in der Fastenzeit ein kleines Ränzchen anzuessen…

Ja, die Bitocken sind schon ein feiner Kreis! Friedlich und sehr an Gerechtigkeit interessiert. „Wenn mein Nachbar sein Kind ‚Dschihad‘ nennen darf, soll meines ‚Blitzkrieg‘ heißen!“, sagt Rebers. In ihrer Toleranz werden sie schnell intolerant, wenn das Gegenüber nicht verstehen will. Erinnert sei an des Reverends Nachbarin „Sabine Hammer, geschiedene Sichel“. Die Streitereien mit dieser links-liberalen, allein erziehenden Lehrerin mit Hang zum Volkshochschulkurs ziehen sich wie ein rotes Tuch durch den Abend.

Als Friedensgeste lädt sie ihn zum Essen ein. Es soll Bio-Wildlachs geben. Rebers läuft zu Hochform auf, um das Wort „Bio-Wildlachs“ als Unsinn zu entlarven: Entweder der Fisch wurde nach bestimmten Kriterien gezüchtet, dann ist er „Bio-Lachs“, oder er lebte in freier Natur, dann ist er „Wild-Lachs“. Beides gleichzeitig geht nicht. Frau Hammer begreift das nicht, und der Reverend fährt aus der Haut.

Anscheinend ziellos driftet „Ich regel das“ durch den Abend. Dabei werden neben der zu erwartenden niedrigen Rente und der Ungerechtigkeit, die durch manches Gerichtsurteil festgeschrieben wurde, auch handfeste religiöse Konflikte und Medienschelte thematisiert. Im Grunde führt Rebers einen hoffnungslosen Kampf gegen jedwede Übertreibung: Wer wegen eines unterschlagenen Pfandbons von 1,39 € entlassen wird, ist übertreiben stark bestraft worden. Wer fernsieht, und sich zwischen drei Kochshows entscheiden muss, allerdings auch! Vor allem, wenn ihm als einziger Satz „Die Ente ist weiter“ im Gedächtnis bleibt.

Das Publikum wird stark gefordert und überlegt dreimal, ob es lachen darf. „Nennen Sie mir mal ein Vorurteil, das nicht stimmt!“, sagt Rebers lauernd und verfällt in Momenten großer Erregung seiner Figur immer wieder in den Hitler-Duktus. Er ist eben ein Meister der Provokation! Soll das Publikum doch selbst entscheiden, wann es sich zu lachen traut! Äußerlich ruhig sitzt er hinter seinem Keyboard, das von vorne fein säuberlich mit einem Wandteppich verkleidet ist. Eine Waldszene mit röhrendem Hirsch ist darauf zu sehen. Kein Zweifel, wir befinden uns mit dem deutschen Geist in den ausverkauften Berliner Wühlmäusen.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

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Die nächsten Termine:
Sa, 6. Oktober 2012: TV – WDR, Satire Gipfel, 22.45 Uhr, Gastauftritt (Wdh. ARD vom 1.10.2012)
So, 7. Oktober 2012: Buchenhagen, Gasthaus Mittendorf, 16 Uhr, Der kleine Kaukasus
Mo, 8. Oktober 2012: TV – 3sat, Satire Gipfel, 20.15 Uhr, Gastauftritt (Wdh. ARD vom 1.10.2012)
Sa, 13. Oktober 2012: Kufstein, Turnhalle VS Sparchen, 20 Uhr, Ich regel das
Fr, 19. + Sa, 20. Oktober 2012: Icking/Dorfen, Vereineheim Dorfen, 20 Uhr, Ich regel das

Alle weiteren Termine HIER

www.andreasrebers.dewww.wuehlmaeuse.de
Marion Waechter Agentur - Microbutton

Kategorien:Kabarett, Kritik
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