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Ein Gentleman bittet zum Lachen – Kritik Jochen Busse

Jochen Busse - Foto © Kipling Philipps

Jochen Busse – Foto © Kipling Philipps

Jochen Busse: „Wie komm ich jetzt da drauf?“

BERLIN (gc) – Wie fühlt es sich wohl an, so ein Leben mit siebzig? Jochen Busse, Grandseigneur des deutschen Kabaretts, gibt darüber Auskunft in seinem Programm „Wie komm ich jetzt da drauf?“

Augenzwinkernd führt er den Zuschauern in den Berliner Wühlmäusen die Folgen des demographischen Wandels vor Augen und zieht eine erste Bilanz des eigenen und anderer Leute Lebens.

Da ist Josef, seit einem New York-Besuch nicht mehr Klempner, sondern „Shit Designer“ von Profession. Kein Sprichwort ist vor ihm, oder besser gesagt vor seinen Sprichwort-Neukompositionen sicher. Oder Wolfgang, der „ist Banker und hat auch sonst in seinem Leben nie etwas Seriöses gemacht“. Und Werner, der aussieht „wie Ötzi in der Midlife-Crises“. Sie alle treffen bei der „Ausweihungsparty“ zusammen.

Denn Busses Ehefrau hat entschieden: Mit siebzig Jahren ist es Zeit, seniorenfreundlich zu wohnen. Die Stadtwohnung im Altbau ohne Fahrstuhl ist nicht mehr zeitgemäß. Ein Umzug aufs Land steht an, barrierefreies Wohnen soll die Zukunft sein. Jochen Busse fügt sich in seiner Rolle als rastloser Ruheständler dieser Idee. Begeistert ist er davon nicht.

Schnell wird klar, dass er eigentlich keine Lust hat, sein Leben zu verändern. Er kommt doch mit allem zurecht! Und andere Lebensentwürfe haben auch ihre Schattenseiten: Wie eng kann der Kontakt mit den eigenen Kindern sein, wenn sie auf einem anderen Kontinent leben? Muss man in Funktionshose und Trekkingjacke – also in völlig übermotorisierter Kleidung – morgens die Brötchen kaufen? Auch beschreibt Busse anschaulich, wie die kleinen Unterschiede und Missverständnisse zwischen Männern und Frauen auch im Alter nicht abnehmen. Sein Fazit: „Was Ehepaare wirklich zusammenhält, sind Immobilien, die noch nicht abbezahlt sind!“

Manchmal scheint Busse den Faden zu verlieren. Dann sucht er unruhig nach dem Namen eines Schauspielers oder dem letzten Urlaubsziel von Freunden. Plötzlich kommt ihm ein Gedanke aus dem Nichts, und er fragt unschuldig: „Wie komm ich jetzt da drauf?“ Genial gemacht und hart am Leben! Doch keine Angst: Jochen Busse findet immer noch allein den Weg zur Bühne und baut auch tagesaktuelle Ereignisse in sein Programm ein.

„Angela Merkel ist mit 97% wiedergewählt worden. Na gut, sie ist aus dem Osten und so etwas gewohnt…“, sagt er über den gerade zu Ende gegangenen Parteitag der CDU. Er beschäftigt sich mit den Nebeneinkünften der Bundestagsabgeordneten und sagt bedauernd: „Den Leuten von der Linkspartei sind alle Nebeneinkünfte weggebrochen, seit es die Stasi nicht mehr gibt!“

Jochen Busse bekennt an diesem Abend, schon 1968 ein Konservativer gewesen zu sein. Heute sorgt er sich um die Unterscheidbarkeit der Konservativen zu anderen Parteien. Schließlich werden die Unterschiede immer kleiner! Flugs zeigt er, wie in fünf Jahren eine Talkshow aussehen könnte, bei der alle dieselbe Meinung haben. So entsteht ein herrliches Wortknäuel, das sich auch nicht wesentlich von heutigen Talkshows unterscheidet.

Im weiteren Verlauf des Abends wird Busse doch noch rebellisch. Dazu muss er sich nicht aufregen, sondern nur hinterlistig fragen: „Tiere treiben auch keinen Sport – warum also wir?“ Er wettert dann gegen den durchstrukturierten Tagesablauf eines Ruheständlers, der vor lauter Sport-, Strick- und Yogaterminen nicht mehr zum Durchatmen kommt. „Alles, was man nicht mehr schafft, schafft Freiräume für etwas anderes.“ Ganz offen überlegt er, was im Leben wirklich wichtig ist. Diese große Frage nimmt der Zuschauer zum Weiterdenken mit nach Hause, nachdem er dem Künstler heftig applaudierend für diesen Ausblick auf die nächsten Lebensdekaden gedankt hat.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

Foto © Kipling Philipps

Noch bis Samstag, 8. Dezember 2012 in Berlin bei den Wühlmäusen
Weitere Termine – dann für 2013 – finden Sie bei www.kultur-bureau.de

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Kategorien:Kabarett, Kritik
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