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Nicht für alle, aber für viele – Kritik Anny Hartmann

Anny Hartmann - Foto: Dagmar Mendel

Anny Hartmann – Foto: Dagmar Mendel

Anny Hartmann mit ihrem Jahresrückblick „Schwamm drüber?“

Ganze 5 Jahre hielt es Frau Hartmann nach ihrem Studium der Volkswirtschaft bei der Sparkasse aus. Dann entschied sie sich gegen die bürgerliche und für die künstlerische Laufbahn. Dies verdient Respekt und verschafft ihr eine Glaubwürdigkeit, die sich der Inszenierbarkeit entzieht.

TROISDORF (rh) – Bunt geblümt betritt Anny Hartmann die Bühne des Kulturzentrums „Zum KÜZ“ in Troisdorf bei Bonn. Wer sie aus ihren regulären Programmen kennt, freut sich schon auf ihre tagesaktuellen Kommentare, die sie mit einer druckfrischen Bild-Zeitung in der Hand entwickelt. Die Gäste ihres Jahresrückblicks versucht sie jedoch mit einem ungelenken Rap auf den Abend einzustimmen. Das wäre nicht nötig gewesen, aber es fällt schwer ihr das übel zu nehmen, schließlich nimmt sie schon bald ihren Faden als scharfsinnige Beobachterin von Politik und Gesellschaft wieder auf.

Mit Kindertantenstimme entlarvt Anny Hartmann die Verlogenheit der politischen Akteure. Dabei gleicht sie in unnachahmlicher Weise deren Anspruch mit der bitteren Wirklichkeit ab. Immer wieder gern genommen: Ihre Persiflage auf unsere Bundeskinderbetreuerin Ursula von der Leyen, die jedem Kind ein „warmes Mittagessen, ein warmes, warmes Mittagessen“ verspricht, obwohl die sich ausbreitende soziale Kälte von Frau Ursula und ihren Parteifreunden doch mitverursacht wurde.

Den Kanzlerkandidaten der Opposition Peer Steinbrück führt sie vor, indem sie seine wahlkampfgetränkten Vorschläge zur Regulierung der Finanzwirtschaft mit seinen Entscheidungen als Finanzminister im Kabinett Schröder zusammenbringt.

Als politisch interessierter Mensch erfährt man nichts, was man nicht sowieso schon wüsste. Mitunter verzettelt sie sich auch in thematischen Nebensträngen, die eher zur Verwirrung des Publikums beitragen, als den Abend inhaltlich zu komplettieren.

Anny Hartmanns Verdienst aber besteht darin, in der Flut von Informationen aus dem täglichen Medienzirkus Zusammenhänge kenntlich zu machen und Vorgänge zu entlarven. Sie hat ihre Meinung, ihre Haltung und die versteckt sie nicht. Ihre Bühnenfigur ist sehr nahe an der Person Anny Hartmann. Sie verfügt über echte Überzeugungen und will aufklären.

Mit ihrem sonnigen Gemüt, dem man die rheinische Herkunft deutlich anmerkt, gibt sie dem Publikum so manche bittere Pille zu schlucken. Wie zur Wiedergutmachung bewirft sie es immer wieder mit Süßigkeiten – eine alte karnevalistische Tradition, die sich Rheinländer offenbar nicht verkneifen können.

Running Gags geben ihrem Jahresrückblick ohne Zorn Struktur: Sei es der „böse Quickie“ (ein politisch hoffnungslos unkorrekter Kurzwitz), das „Zitaträtsel“ (das Publikum darf rhetorische Entgleisungen von Prominenten dem jeweiligen Autor zuordnen) oder ein durch den Papst inspiriertes Bonmot: „Nicht für alle sondern für viele ist Jesus am Kreuz gestorben“.

Anny Hartmann spart nicht mit Kraftausdrücken oder sexuellen Anzüglichkeiten. Auch vor Kalauern schreckt sie nicht zurück. Im Bezug auf ihre Vergangenheit als Volkswirtschaftlerin verleiht sie sich den Titel „Miss Wirtschaft“.

Wäre da nicht das (schaden-)fröhliche Temperament von Anny Hartmann, schon ein Bruchteil der von ihr angesprochenen Ereignisse könnte einem den Abend ganz schön versauen. Vor dem Bürgerhaus in Troisdorf tobte der erste Schneesturm des Jahres, als wollte uns auch das Wetter noch einmal an die soziale Kälte im Land erinnern. Im Saal hingegen strahlte Anny Hartmann den Winter und den drohenden Weltuntergang einfach weg. Das muss man erst mal schaffen.

Rainer Hagedorn © 2012 BonMoT-Berlin

Termine – Auswahl – „Schwamm drüber? Der besondere Jahresrückblick 2012“:
So, 16. Dezember 2012: Bergisch Gladbach, Theas Theater
Mi, 19. Dezember 2012: Aalen, Kino am Kocher
Do, 20. Dezember 2012: Ingolstadt, Kleinkunstbühne Neue Welt
Do, 27. Dezember 2012: Karlsruhe-Durlach, Kabarett die Spiegelfechter
Fr, 28. Dezember 2012: Coburg, Haus Contakt
Sa, 29. Dezember 2012: Celle, Kunst und Bühne

So, 6. Januar 2013: Stuttgart, Renitenztheater
Do, 10. Januar 2013: Berlin, Wühlmäuse, Tel. 030.30 67 30 11

www.annyhartmann.de

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Kategorien:Kabarett, Kritik

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