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Hautnah Zeuge werden beim Frankenkrimi – Premierenkritik Freilandtheater Bad Windsheim

Kommissar Düllmann und Ex-Kommissar Deschlein: Jeder ermittelt auf seine eigene Art zwischen Fachwerkhäusern und Bauernscheunen. (Foto © PR Freilandtheater)

Kommissar Düllmann und Ex-Kommissar Deschlein: Jeder ermittelt auf seine eigene Art zwischen Fachwerkhäusern und Bauernscheunen. (Foto © PR Freilandtheater)

Perfekte Premiere: „Eiskalt erwischt“ –
Bei Nacht auf Tour mit Kommissar und Zeugen

BAD WINDSHEIM (ib) – Sternenklarer Himmel spannt sich überm Freiland-museum. Es ist Premierenabend: Rund 120 Neugierige haben sich Karten gesichert, um Christian Lauberts Frankenkrimi „Eiskalt erwischt“ als Winterwandeltheater in und zwischen Häusern, Scheunen und Stuben mitzuerleben.

Mit Taschenlampen ausgerüstet machen sie sich in fünf Zuschauergruppen, die ab 18 Uhr im 20-Minuten-Takt starten, auf den Weg durchs nur spärlich beleuchtete Areal.

Es ist die dritte Saison fürs Winterwandel-theater des Freilandtheaters Bad Winds- heim. Nach „Engelsgesicht“ und „Die Nacht des Handelsvertreters“ hat Christian Laubert dem Fränkischen Freilandmuseum einen Frankenkrimi auf den Dorfplan geschrieben, einen, in dem die Stuben, Stege über glucksendes Wasser, die Schatten von Bäumen, holprige Stein- und Wiesenwege, knarrende Dielen und düstere Scheunen mitspielen.

Treffpunkt ist der Haupteingang. Hinterm Gitter lockt ein Feuerkorb: Schnell noch die Finger aufwärmen, ehe man sich einlässt aufs Krimiabenteuer. Das bietet zuerst Eiseskälte um die Ohren. Leider nicht am Boden: Die Pfützen sind Pfützen, der Flyer-Hinweis, sich witterungsgerecht einzumummeln, bewährt sich. Am Premierenabend wären Gummistiefel mit Stollen die beste Wahl gewesen, auch wenn sie Matsch in die fränkischen Häuser – zunächst ins Gasthaus – getragen hätten.

Kreidestriche und blutige Spuren: Das Publikum wird unmittelbarer Zeuge der Vernehmung durch den Kommissar. (Foto © PR Freilandtheater)

Kreidestriche und blutige Spuren: Das Publikum wird unmittelbarer Zeuge der Vernehmung durch den Kommissar. (Foto © PR Freilandtheater)

Da notiert der Kommissar Düllmann erste Untersuchungsergebnisse, ehe er sich aufmacht, um im Stall die Leiche zu „quittieren“.

Kreidestriche, eine blutige Lache auf dem Boden: Das Publikum wird zum Voyeur, schaut dem Kommissar bei den Ermitt-lungen über die Schulter, nimmt teil an seinem Erstaunen über das Wiedersehen mit Hubert Deschlein, Düllmanns ehemaligem Vorgesetzten.

Der ehemalige Nürnberger Kriminalbeamte hat den Beruf gewechselt, fährt jetzt den Landbus, einen historischen Setra, der direkt hineinsteuert in den Winter des Jahres 1968, als sich auch schon erste Hippies aufs Land verliefen, von Einhei-mischen und Zugezogenen gleichermaßen kritisch beäugt.

Genau beobachtet der Busfahrer – Peter Huber, herrlich knurrig und echtes Freilandtheater-Urgestein – , was vorgeht in und zwischen den Dörfern. Der nie aufgeklärte Mord an einer jungen Mutter – zweimal wurde sie überfahren, eins ihrer Kinder hatte zusehen müssen – treibt Ex-Kommmissar Hubert Deschlein um.

„Gehen Sie“, treibt er die Reisenden aus dem Bus, die vorm nächsten Gebäude erst einmal etwas unschlüssig warten. Aha: Da kommt der aktuelle Ermittlungsbeamte, Düllmann, einst Deschleins ungeliebter Assistent, der die Zaungäste flink und ohne aus der Rolle zu fallen in die Scheune lotst. Sie werden Zeuge, wie Düllmann ein silbergraues Auto entdeckt – und eine zweite Leiche.

Frauensolidarität: Die Ältere ist frisch verwitwet, die Jüngere in Notwehr vielleicht gerade zur Mörderin geworden... (Foto © PR Freilandtheater)

Frauensolidarität: Die Ältere frisch verwitwet, die Jüngere in Notwehr vielleicht gerade zur Mörderin geworden? (Foto © PR Freilandtheater)

Ortswechsel: Raus aus der Scheune, rein in den Nachbarhof. Auf Bänkchen rückten die Zuschauer dicht zusammen. Gut so, denn draußen fallen Schüsse. Ist’s wirklich der Nachbar, der Dachse schießt?

Stall, Bus und Bauernstube, dazwischen Wiesenweg und Bachgerinnsel: Es ist etwas besonders, auf Armeslänge dran zu sein am Geschehen. Den Zeugen könnte man die Hand schütteln, der Kommissar streift einen. Keine trennende Bühne, erst recht keine TV-Scheibe trennen vom Spiel, das durch hervorragende Darsteller und das schlicht echte Ambiente unglaublich dicht und real wird.

Da beeindrucken neben Busfahrer und Kommissar die frisch gebackene Witwe Lehmann, die seit der Unfallnacht vor Jahren zur Jugendlichen herangewachsene Tochter Karola, die endlich ihre Therapie beenden will, da wird ein ganzes Dorf lebendig, sind Zweifel und Erinnerung, sind Seelenpein und dickes Fell erlebbar wie in unmittelbarer Nachbarschaft.

Inge Braune © 2013 BonMoT-Berlin

Gespielt wird bis zum 9. Februar – Donnerstag bis Samstag täglich ab 18 Uhr, Sonntag ab 17 Uhr, ganz gleich, was das Wetter auch treiben sollte.
Informationen gibt’s online auf der Homepage des Freilandtheaters,
Karten sind auch per E-Mail – karten(ät)freilandtheater.de – und telefonisch (09106-92 44 47) zu bestellen.

Das intensive Erlebnis kostet pro Nase 24 Euro, ermäßigt 19 Euro. Buchbar ist auch ein Arrangement mit anschließendem Essen im Wirtshaus am Freilandmuseum.

Kategorien:Kritik, Premiere, Spezial
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