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Dietrich Kittner ist gestorben – Nachruf

Dietrich Kittner 01 – Foto HP KittnerIdealist, Einzelkämpfer und Partisan

Er gehörte neben Franz-Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und der Polit-Rockgruppe Floh de Cologne zum linken Flügel der Kleinkunstszene in der Bundesrepublik: Dietrich Kittner aus Hannover.
Am 15. Februar ist er mit 77 Jahren in seiner österreichischen Wahlheimat gestorben. Harald Pfeifer erinnert an ihn.

Der Zahnarztsohn fand zum Kabarett als Jurastudent. Das Studium hat er abgebrochen, beim Kabarett ist er geblieben. Seine Kriegs- und Nachkriegserlebnisse haben ihn politisch auf die linke Seite getrieben. Ihm ging es um eine Moral, die dem kleinen Mann etwas nutzte. Das bundesdeutsche Wertesystem hat ihn verschiedentlich zu Aussagen getrieben, die öffentlich angefochten wurden. Er war KPD-nahe und wurde aus der SPD ausgeschlossen. Günter Wallraff schrieb 1978 über Kittner. “Er ist der Einzelkämpfer und Partisan, der sich wesentlich weiter vorwagt auf feindliches Terrain als alle etablierten – früher mal politischen Kabaretts zusammen.“

Dietrich Kittner war ein rühriger, hartnäckiger und widerständiger Geist, den seine Kabarettlaufbahn weit ab von der medialen Öffentlichkeit durch die kleinen Theater der Republik geführt hat. Legendär waren seine Auftrittszahlen. Zwischen 1966 und 1996 spielte er seine Programme 200 Mal im Jahr. In Hannover betrieb er das stets ausverkaufte kleine „Theater am Küchengarten“ – ein Zimmertheater mit subversivem Charme.

Doch nicht nur auf der Bühne, auch als Autor von Büchern und als Privatperson war er aktiv. So war er Mitinitiator der Roten-Punkt-Aktion zwischen 1968 und 1971 in Hannover gegen Fahrpreiserhöhungen im Kommunalverkehr. Die Aktion war so erfolgreich und populär, dass sie in vielen Städten in der Bundesrepublik kopiert wurde. Schon deshalb ist Dietrich Kittner heute in der Landeshauptstadt von Niedersachsen eine Berühmtheit. Aus gesundheitlichen Gründen lebte er seit 1990/91 in Österreich. Dennoch wurde er 2009 vom Landtag gebeten, den Bundespräsidenten in Berlin mitzuwählen.

Dietrich Kittner 03 – Foto HP KittnerNeben Dieter Süverkrüp und „Floh de Cologne“ gehörte er zu den wenigen politischen Spöttern aus der Bundesrepublik, die in der DDR auftreten durften. SED und FDJ hatten versucht, ihn zu instrumentalisieren. So richtig ist das aber nicht gelungen. Im Osten ist er den Kleinkunstfreunden wohl bekannt, allein durch seine Programme mit deutlicher Überlänge. Er selbst sagte es ja: „Ich bin der Wagner unter den Kabarettisten.“

Sein Hauptthema bewegte sich zwischen Wirtschaft und Politik, dort wo der Einzelne oft zum Zusehen und Stillhalten verurteilt ist. Dietrich Kittner stand wegen seiner Haltung oft im Ruf, ein Ideologe zu sein. Die Medien gingen ihm aus dem Wege. Für sie war er ein Unsicherheitsfaktor. Kittner hat aber nie klein beigegeben. Seinen Humor hat er so als Einzelkämpfer nicht verloren. Zuweilen hat er etwas damit kokettiert, von den Medien geschnitten zu werden. So richtig gehörte er auch zur Familie der Brettlkünstler nicht dazu. Vermutlich hatten die Kollegen Angst, in eine ähnliche Medienisolation zu geraten. Verbittert war er darüber jedoch nicht.

Dietrich Kittner ist sich und seinen Überzeugungen über sein Leben lang treu geblieben. Und wenn man heute im Kabarett offen Kapitalismuskritik erlebt und im Fernsehen auf der Konsole eine Marx-Büste ganz selbstverständlich steht, kann das, was der Kittner über 50 Jahre gemacht hat, nicht so ganz verkehrt gewesen sein. An eine Allmacht des Kabaretts hat er aber, als erfahrener Satiriker, nicht geglaubt.

Harald Pfeifer © 2013 BonMoT-Berlin

Fotos von der Homepage Dietrich Kittner
(Pressefotos zum Download, dort ohne Angabe der Fotografen )

Kategorien:in memoriam, Kabarett
  1. Hammerbauer
    12. Juni 2013 um 21:37

    Lange Zeiten für einen solchen bedeutenden Künstler, wenn heute abend am 12. Juni 2013 im DLF mal wieder Kittner gesendet werden darf! Selbstverständlich im nachhinein, denn anders wurden die Oberen mit ihm nicht fertig. Ein großes Gütezeichen!

  2. 16. Februar 2013 um 09:21

    Danke für den Nachruf – auf „gefällt mir“ mag ich nicht klicken – nicht bei einem Nachruf. Aber wir haben den Artikel gerne „reblogged“
    Herzliche Grüße
    Rike vom Ein Achtel Lorbeerblatt

  1. 17. Februar 2013 um 13:18
  2. 16. Februar 2013 um 08:59

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