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Starke Liedermacherinnen in der WABE – Kritik

Caro Kiste Kontrabass, Maike Rosa Vogel und Barbara Thalheim: „Liederbestenliste präsentiert“

Einen Abend lang heißt es beim Festival Musik und Politik in Berlin „Liederbestenliste präsentiert“. Dieser Abend wird traditionell vom Liederpreisträger des Vorjahres präsentiert. Doch Konstantin Wecker war ein Auftritt nicht möglich, und so hat Barbara Thalheim diese Aufgabe übernommen. Neben Ausschnitten aus ihrem eigenen Programm stellte sie die Gruppe Caro Kiste Kontrabass und die Solistin Maike Rosa Vogel vor.

Das Trio Cora Kiste Kontrabass wurde 2012 mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet - Foto PR

Das Trio Cora Kiste Kontrabass wurde 2012 mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet – Foto PR

BERLIN (gc) – Es war ein Abend der starken Frauen in der Berliner WABE. Den Anfang machten Caro Kiste Kontrabass. Caro Werner, Harald Bernstein und Axel Garbelmann stammen aus dem nordhessischen Homberg (Efze). Hauptsächlich gestalten sie ihren Auftritt mit Bass, Cajon und Gitarre. Einer Gitarre mit hellblauem Corpus übrigens. Und die passt sehr gut zu der hellen Stimme der Sängerin Caro und den hellen Tönen ihrer Band.

Caros Lieder sind selbstreflektiert und poetisch. In „Lass Dich ansehn“ macht sie am Geburtstag Inventur: „Größer bist du nicht geworden – älter schon“, heißt es da. Und dann die Frage, was denn nun wichtig ist Leben. Oder auch, was man denn jetzt anders machen sollte. So auch in „Ich möcht“. Hier würde sie am liebsten größer sein, klüger und weiser. Doch weil das nicht so einfach möglich ist, zieht sie den Schluss: „Erkenn, was du kannst, bevor du vergehst.“

Es ist eine positive Einstellung zum Leben, die sich in den fast durchweg tanzbaren Stücken von Caro Kiste Kontrabass wiederfindet. Und es sind plastische Bilder, die Caro Werner in ihren Texten verwendet. „Herbst“, da würde sie gern alle Farben nehmen und sich ein Bein ausreißen, um es dem Liebsten schön zu machen – doch leider ist die schöne Zeit mit ihm schon vorbei. Kritisch geht sie am Rande auch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen ins Gericht. „Ich hab kein Haus“ nimmt eine alte Sparkassenwerbung aufs Korn, um dann ganz andere Schwerpunkte zu setzen.

Mittelpunkt ist ein Zyklus dreier Lieder über die Liebe. „Wie falsch kann ich denn liegen neben Dir?“, fragt sie. Doch nichts ist hier mehr zu retten, deshalb: „Nimm den Regen mit, wenn Du schon gehen mußt!“ Doch dann kommt ein anderer, zu dem sie singt: „Du bist ein Goldkind und ich hab nur Rückenwind.“ Die Band hat sichtlich Spaß miteinander, der sich auch in den Saal überträgt. Sie ist verdienter Förderpreisträger 2012 der Liederbestenliste.

Maike Rosa Vogel – ihr zweites Album  „Unvollkommen“ hat Sven Regener von Element of Crime produziert - Foto PR

Maike Rosa Vogel – ihr zweites Album „Unvollkommen“ hat Sven Regener von Element of Crime produziert – Foto PR

2013 wird Maike Rosa Vogel mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet werden. In Frankfurt am Main geboren, lebt sie seit ein paar Jahren mit Freund und Kind in Berlin. Die Pop-Akademie Baden-Württemberg hat sie besucht und viel mehr von den dort entstandenen Kontakten profitiert, als vom eigentlichen Lehrstoff „Wie schreibe ich einen Hit?“ Sven Regener, Sänger bei „Element of Crime“, hat eines ihrer Alben produziert.

Vogels Lieder können tief berühren. „Back from War“ beschreibt die Gedanken eines Kriegsheimkehrers, der spürt, wie anders er geworden ist. Ihre Lieder können Mut machen, den eigenen Weg zu gehen. „Verschwendete Zeit“ reduziert sich auf den einen Satz: „Wissen, was Du willst, ist alles, was Du brauchst.“ Sie können aber auch zur Revolution aufstacheln. „So Leute wie ich“ hat dabei das Zeug zur Hymne.

Sie singt von dem Moment, als sie mit ihrem erarbeiteten Geld nicht auskommt und sich deshalb ans Amt wenden muss. Aber „so eine“ gerät schnell in den Geruch, ein Faulpelz zu sein. Schließlich wird sie von der Allgemeinheit alimentiert. Maike Rosa Vogel macht Schluß damit! Es sind auch „So Leute wie ich“ auf Hilfe angewiesen, singt sie, die sich den Rücken krumm arbeiten und trotzdem nicht genug zum Leben haben. Und davon gibt es viele! Ein ehrlicher Song mit der genau richtigen Dosis Empörung.

Vogel hat aber auch das Individuum fest im Blick. „Die Mauern kamen langsam“ ist ein Beispiel einer gescheiterten Selbstverwirklichung. Vogel singt: „Du scheiterst an einer Welt, die Du nicht verändern wolltest. Und Du willst nicht sehen, dass Dein Scheitern Teil eines großen Scheiterns ist und dass Du scheitern solltest.“ Klingt kompliziert, ist aber in bester Singer-Songwriter-Manier aufbereitet. Elemente der Straßenmusik tauchen immer wieder auf bei diesen gehaltvollen Texten und den kurzen, kräftigen Klängen der akustischen Gitarre. Natürlich auch, wenn sich Vogel das Geschirr mit der Mundharmonika anlegt.

Ehrlichkeit und Direktheit sind die Pfunde, mit denen Maike Rosa Vogel wuchert. Ihre eigenen Träume erzählt sie in ihren Liedern auf mitreißende Weise, ab und an streut sie dabei eine Strophe in englischer Sprache ein. Gleichzeitig ist sie musikalisch eingängig und bestechend klar. Sie steckt voller Energie und kann scharf beobachten. Ein Konzert von Maike Rosa Vogel ist ein Muss für jeden Anhänger der Liedermacherei.

Die „rhythmische Ruferin“ Barbara Thalheim kam mit einer argentinisch-polnisch-alemannischen Jazz-Folk-Pop-Klassik-Melange – Foto  Martencja photograhy

Die „rhythmische Ruferin“ Barbara Thalheim kam mit einer argentinisch-polnisch-alemannischen Jazz-Folk-Pop-Klassik-Melange – Foto Martencja photograhy

Großer Auftritt dann für Barbara Thalheim, die Grande Dame des politischen Chansons. Zusammen mit ihrer Band füllt sie die ganze Bühne aus. Topo Gioia, Bartek Mlejnek und Rüdiger Krause weben einen Klangteppich, auf dem die reife und klare Stimme der Thalheim nur noch schweben muss.

Offen spricht Barbara Thalheim von ihrer Bühnenabstinenz und vom vergangenen Jahr. Da war sie einerseits drei Monate Stipendiatin im niedersächsischen Wendland und andererseits drei Monate zu Besuch in Chile. Ihr Bericht über Chile und das Lied „Amigo“ fahren in den Magen.

Genauso, wie ihre Beobachtung im Wendland. Dort sah sie viele Kinder, die bei Pflegeeltern leben und hier zum ersten Mal Zuwendung und Aufmerksamkeit erleben. In „Ist vielleicht…“ reflektiert Thalheim über versteckte und vielleicht nie entdeckte Begabungen bei Kindern. Was der Welt dabei nicht alles verloren gehen kann, deutet nicht nur das Crescendo in diesem Stück an.

Der Individualismus spielt in Thalheims Liedern eine große Rolle. In „Ich will `ne Insel sein“ heißt es „Ne Insel, mit allem einig um mich her.“ In „Was für ein Glück“ freut sie sich, unbehelligt von der „bekloppten Welt“ zu leben, die sie mit deutlichen Worten beschreibt. Eingängig, dieses Stück. Die Texte sind klar, der Auftritt intensiv – keine Frage, Barbara Thalheim wird beim ersten Hören verstanden: „Ich bin zum Sehen geboren und nicht, dass mir einer sagt, was er sieht!“

Sie nimmt keine Rücksicht auf Formate und Konventionen. Erfrischend, wie sie in „Biographien“ Musik und Sprechgesang fast zu einem Hörspiel kombiniert. Von drei Lebensgeschichten berichtet sie: Da ist ein Pepe, vor Francos Zeit in Spanien geboren und Kommunist. Er sucht den sozialistischen Traum in halb Europa und landet beim „ausgeglühten Sozialismus“ in Ost-Berlin. Dagegen geht Mirko, Neu-Nazi aus Altenburg, ausgerechnet am 9. November 1998 in eine Kneipe, um Stunk zu machen.

Schließlich „die schöne Lisa“, eine Pfarrersfrau an der Ostsee und schon vor 1989 „aufregend sexuell“. Sie verläßt Mann und Kinder, um eine neue Beziehung einzugehen. Auch Lisa scheitert. „Komm, leg den Film nochmal ein“, heißt es, wenn der Lebensfehler klar geworden ist und er am besten rückgängig gemacht werden sollte.

Barbara Thalheim erzählt auch hier auf packende Weise eine anregende Geschichte. Beim Zuschauer steht der Genuss des Auftritts im Vordergrund – das Nachdenken erfolgt in aller Ruhe auf dem Heimweg.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin

Weitere Infos und Tourpläne auf den Homepages der Künstlerinnen:
Barbara ThalheimCaro Kiste KontrabassMaike Rosa Vogel

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