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Familiäre und finanzielle Fallstricke – Kritik Claus von Wagner

Claus von Wagner – Foto © Simon BüttnerClaus von Wagner: „Theorie der feinen Menschen“

BERLIN (gc) – Elf Monate nach der standesgemäßen Premiere in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft gastierte Claus von Wagner mit seiner „Theorie der feinen Menschen“ im Varieté-Salon der Berliner ufaFabrik. Es wurde ein Abend der scharfen Analysen: gesellschaftlich und finanztechnisch.

Claus von Wagner spielt Klaus Neumann. Diese Figur erleidet schwere Schicksalsschläge. Vor einem halben Jahr durch den Tod des Vaters zum Halbwaisen geworden, ist sie nun auch noch über Nacht im Tresorraum einer Bankfiliale eingeschlossen. Überhaupt, der Vater! Inniges Verhältnis zwischen Vater und Sohn? Fehlanzeige! Und mit dem Job des Vaters als Wirtschaftsprüfer konnte sich der Sohn nie identifizieren. Schließlich ist er Geisteswissenschaftler geworden! Ausgerechnet auf den Vater und die Finanzmärkte muss er jetzt eine Rede vorbereiten. Doch: „Finanzmärkte und mein Vater – das sind die Dinge auf der Welt, zu denen ich am wenigsten zu sagen habe!“

Auf einem Charity Event, also dort, wo „Lachsröllchen auf parfümierte Gäste treffen“, soll er in Anwesenheit von Dr. Gump sprechen. Dr. Gump war gleichzeitig Geschäftspartner und Erzrivale des Vaters. Doch in dem Bankschließfach im Tresorraum ist eine aufschlussreiche Korrespondenz zwischen den beiden aufbewahrt. Diese Papiere lassen den Vater in einem ganz anderen Licht erscheinen und sorgen beim Sohn für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Geldanlage.

Wohin bloß mit dem Ersparten? - Foto © Simon Büttner

Wohin bloß mit dem Ersparten? – Foto © Simon Büttner

Immer wieder steigt Claus von Wagner aus seiner Rolle aus und widmet sich allgemeinen politischen Ärgernissen: Er nimmt die Mutti im Kanzleramt aufs Korn. Oder sinniert über eine Frauenquote in DAX-Vorständen, die nicht nur Vorteile hätte: Wohin dann mit den überflüssigen Testosterongesteuerten?

Den größten Ärger hat der Künstler jedoch mit dem Thema Geld. Genauer: Dem Umgang des Verbrauchers mit dem Thema Geld, Geldanlage und Geldverlust. Der Bereich Eurokrise bleibt außen vor. Interessant, das Thema einmal von der anderen Seite zu betrachten.

Von Wagner will sein „Geld nicht arbeiten lassen“, denn das geht sowieso nicht. Aber irgendwo soll das Ersparte ja hin! Das ist gar nicht so einfach, weil Voraussagen über die wirtschaftliche Entwicklung mit Vorsicht zu genießen sind und Wirtschaftsprüfer und ihre Auftraggeber miteinander verflochten sind – allein schon durch den Auftrag zur Prüfung!

Eindringliche Bilder verwendet der Künstler, wenn es um sein Hauptthema geht: „Die Kleinsparer sind das Plankton im Meer der Finanzhaie“. Also „suchen sich die Kundenberater der Bank einen passenden Kunden für ihr Produkt“, nicht etwa umgekehrt! Es ist eben wie beim Roulette: Die Erfolgschancen sind stark eingeschränkt, und die Bank gewinnt immer, zum Beispiel durch Ausgabeaufschläge und Depotgebühren.

Die Lösung kennt aber auch Claus von Wagner nicht. Er beschränkt sich darauf, einige Finanzprodukte vorzustellen: Derivate zum Beispiel. Das sind eigentlich nur Wetten. Doch während beim Pferderennen ziemlich schnell ein Ergebnis vorliegt, kann ein Derivat jahrelang laufen und so kompliziert aufgebaut sein, dass selbst Fachleute nicht mehr durchblicken. Die Banken wecken die Gier des Anlegers und verkaufen sie trotzdem. Sollte es schiefgehen, erleidet die Bank den geringsten Verlust.

Claus von Wagner tritt für einen anderen Umgang mit Geld ein und empfiehlt alternative Banken, bei denen nicht der Profit im Vordergrund steht. Das Thema geht jeden an, denn: „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse – wir besteuern unter unseren Möglichkeiten!“ Erste handfeste Vorschläge zum Umgang mit der aufregenden und abstoßenden, der hemmungslosen und hoch gefährlichen Welt der Geldanlage bietet die „Theorie der feinen Leute“ – der Preis der Eintrittskarte macht sich für werdende Anleger im Handumdrehen bezahlt.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin

nächste Termine:
Mittwoch, 20. März 2013: Würzburg, Bockshorn im Kulturspeicher
Donnerstag, 21. März 2013: Lorsch, Sapperlot
Freitag, 22. März 2013: Wermelskirchen, Kattwinkelsche Fabrik

Alle weiteren Infos und der komplette Tourplan auf der Homepage von Claus von Wagner

Fotos © Simon Büttner

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 24. September 2013 um 22:16

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