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Fulminantes Familientreffen der Liedermacher für Ulrich Roski – Kritik

Gedenkveranstaltung zum 10. Todestag von Ulrich Roski

Zusammen mit Reinhard Mey, Hannes Wader, Hanns Dieter Hüsch und Schobert & Black gehörte er zur engagierten Liedermacherszene Deutschlands: Ulrich Roski. Im Berliner Tipi haben Künstlerfreunde und Kollegen mit einer gemeinsamen Show an den Sänger erinnert,
der am 20. Februar 2003 gestorben ist.

Ulrich Roski_Grafik_Jürgen PankarzBERLIN (lk) – Mit „Über mir wohnt einer“ eröffnet Manfred Maurenbrecher den Abend, und man hat das Gefühl, Ulrich Roski sitzt über uns auf einer Wolke und ist dabei, wenn all seine Weggefährten seine unverwüstlichen Songs und Texte zum besten geben.

Seit Wochen schon war die Ulrich Roski Gedenkveranstaltung im Tipi am Kanzleramt in Berlin ausverkauft. Die Berliner Liedermacher- Szene „alter Zeiten“ und jüngerer Tage gab sich ein illustres Stelldichein, um den 10. Todestag von Ulrich Roski zu begehen, der sich mit Titeln wie „Des Pudels Kern“, „Der kleine Mann von der Straße“ und „Lonesome Rider“ vor allem in den 70er Jahren größter Popularität erfreute. Sandra Roski hat diesen Abend zur Erinnerung an ihren Vater initiiert.

Da Roski bei aller Sozialkritik stets das Menschliche beschrieb, sind seine Songs auch heute noch herrlich erfrischend und immer wieder überraschend in ihren Wendungen. Das Roski-Stück „Wenn den Kantinenkoch der Weltschmerz packt“ wird in der Interpretation von MTS heftig beklatscht, ebenso wie „Des Künstlers Fisch“, Roskis Adaption von Franz Schuberts „Die Forelle“, in neuer Berliner Antifolk-Manier von Markus von Schwerin.

Martina Brandl moderiert mit viel Herz und Witz
Juergen von der Lippe„Wenn Sie jetzt das gewohnt Pantherhafte an meinen Bewegungen vermissen…“ scherzt Jürgen von der Lippe, als er den Barhocker erklimmt, und es folgt die charmant lakonische Erklärung, dass es ohnehin unmöglich sei, an einem Roski-Abend perfekt zu sein. Doch trotz des vorbeugenden Understatements singt er sich mit der zu erwartenden Grandezza durch „Sweet Dreams“, einem der Roski-Songs, mit denen Jürgen von der Lippe seine Karriere begann.

Martina BrandlDie trickreichen Texte und die ausgefeilten Harmoniefolgen Ulrich Roskis, die weit über die drei üblichen Liedermacherakkorde hinausgehen, haben es jedenfalls in sich. So singt sich die Moderatorin Martina Brandl schon gleich zu Beginn des Abends mit „Des Schleusenwärters blindes Töchterlein“ um Kopf und Kragen, womit sie sich der Sympathien des Publikums gewiss sein kann. Mit ihrem sehr persönlichen Moderations-Stil, der die Atmosphäre eines Klassentreffens der Kleinkunstszene aufkommen lässt, führt sie schlagfertig und mit viel Herz und Witz durch den Abend.

Ein echtes Roski-Pigor-Werk
Thomas Pigor beweist, dass er – selbst ein Meister der Kombination kluger witziger Texte mit großartiger Musik – des Meisterstückes von Ulrich Roski „Des Pudels Kern“ absolut würdig ist. Pigor schafft es sogar, dem ursprünglichen gespielt naiven Ich-Erzähler dieses Liedes eine erotisch-hinterlistige Komponente hinzuzufügen und macht das Lied damit zu einem echten Roski-Pigor-Werk.

Pigor&Eichhorn_Foto_Thomas Nitz_tnt-fotoart.deCorinne Douarre, die französische Wahlberlinerin wagt sich an das schwermütige Roski-Chanson „Am liebsten wär‘ ich tot“ heran. Ein besonderer Gänsehaut-Moment an diesem Abend, bei dem ansonsten eher die lustig-unterhaltsamen Stücke im Vordergrund stehen.

Für das Genre glamouröse Unterhaltung sind die Cabaret-Künstler Evi & das Tier zuständig, die in Ulrich Roskis letzter Bühnenphase mit ihm auf Tour waren. Mit „Richtig viel Geld“ präsentieren sie einen unveröffentlichten Song, der auch Roski-Kennern neu gewesen sein dürfte. Bei der Darbietung des bekannten Songs „Ein schöner Fang“ mit Manfred Maurenbrecher am Piano und mit Ulrich Roskis Tochter Sandra im „gemischten Damentrio“ blieb kein Auge trocken. Evi & das Tier wissen eben, wie Show geht!

Horst Evers_Foto Thomas Nitz_tnt-fotoart.deFerien auf der Insel Lesbos
Geradezu eine Idealbesetzung für das Vorlesen Roskischer Texte ist Horst Evers. Selbst in Dr. Seltsams Frühschoppen in der Berliner Kalkscheune bekannt geworden, ist er heute als einer der erfolgreichsten Vorleser im gesamten deutschsprachigen Raum auf Tour. Man kann sogar behaupten: Er hat das Vorlesen als Genre in der deutschen Kleinkunst mit begründet.

Wenn Evers die Urlaubserlebnisse Roskis auf der Insel Lesbos vorliest, gibt es viel zu lachen, selbst wenn man dabei über sich selbst lachen muss, weil man sich in Vielem wieder erkennt. Hierin liegt eben die besondere Qualität Roskis: Mit drastischen Worten schildert er seine Beobachtungen an den Menschen, verurteilt sie aber niemals für ihre Schwächen und Abgründe, sondern lässt sie einfach Mensch sein.

Revoluzzer-Party
Die frühen Tage Roskis werden von seinen Weggefährten Black (von Schobert & Black) und Inga & Wolf repräsentiert. Wenn Black, Wolf und Jürgen von der Lippe als Trio mit Gitarre auf der Bühne stehen, hat man plötzlich das Gefühl einer Revoluzzer-Party der Studenten- bewegung in den 70er Jahren beizuwohnen.

Ulrich Roski - Foto Sandra RoskiWie vielfältig und reichhaltig das Repertoire von Ulrich Roski ist, wurde durch alle Mitwirkenden, die zu Gunsten der Berliner Kulturloge unentgeltlich auftraten, mehr als deutlich gemacht.

Und wieder hatte man das Gefühl: Ulrich Roski, von seinen Freunden „Ulle“ oder „Ulli“ genannt, sitzt sicher auf einer Wolke über dem Tipi und hat dabei das eine oder andere Tränchen im Knopfloch.

Ulrich Roski hat eine Lücke hinterlassen. Er war ein Liedermacher, dessen Texte scharfsinnig und verspielt, manchmal aber auch regelrecht dadaistisch waren, ein Musiker, dessen Vielfalt und musikalische Tiefe es noch zu entdecken gilt, und ein Mensch, der mit seinem trockenen, ehrlichen Humor und seiner zutiefst menschenfreundlichen Gesinnung nicht nur viele Bewunderer sondern auch echte Freunde hatte.

Zum großen Finale kommt das gesamte Ensemble des Abends als Chor auf die Bühne und stimmt „Gute Nacht Freunde“ zusammen mit Inga & Wolf und Marion Thiede am Akkordeon an. Freude und Wehmut schwingen gleichermaßen mit, als dieser rundum gelungene Abend zu Ende geht.

Lina Korn © 2013 BonMot-Berlin

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Grafik: Jürgen Pankarz
Fotos: André Kowalski, Gaby Gerster, Thomas Nitzel (2), Sandra Roski
Fotos Dia Show: Romy Speder – Gestaltung: Carlo Wanka

  1. Andreas
    17. März 2013 um 19:53

    Ich kann die positive Kritik nicht ganz teilen. Als Roski-Fan kam mir Roski an diesem Abend oft zu kurz. Man hatte zuweilen den Eindruck, dass es den Künstler hauptsächlich um ihren eigenen Auftritt ging und weniger um das Gedenken an Ulrich Roski. Das gilt leider auch für die überzogen exzentrische Moderation von Martina Brandl. Schade eigentlich, ich hatte mir von diesem Abend mehr erhofft.

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