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Schrille Truppe schräger Großstadtvögel – Kritik Friedrichsbau Varieté

Friedrichsbau Metropolitan - Plakat Discodoener‚Metropolitan – The Urban Artstic Show‘ – im Friedrichsbau Varieté Stuttgart

STUTTGART (lk) – Der Schock war groß, als die Show-Welt im Januar erfuhr, dass es mit einem der renommiertesten Varietés in Deutschland, dem Friedrichsbau Varieté in Stuttgart, bald aus sein könnte. Die L-Bank hat das über viele Jahre geleistete Sponsoring sehr kurzfristig aufgekündigt. Die fnanzielle Unterstützung endet nun mit Ablauf des Jahres 2013.

Geschäftsführerin Gabriele Frenzel jedoch ist eine Kämpferin und steht bereits mit anderen möglichen Sponsoren in Verhandlung. Man kann dem Friedrichsbau nur Glück wünschen, denn das Varieté ist ein wichtiger Arbeitgeber für Artisten aus aller Welt. Darüber hinaus hat es sich in den letzten Jahren, seitdem Ralph Sun als künstlerischer Leiter und Regisseur der Shows am Hause ist, zu einem ernst zu nehmenden Kulturstandort entwickelt.

Gabriele Frenzel und Ralph Sun kämpfen für den Erhalt des Friedrichsbau Varieté - Foto Sabine Schönberger

Gabriele Frenzel und Ralph Sun kämpfen für den Erhalt des Friedrichsbau Varieté – Foto Sabine Schönberger

Hier hat jemand den Mut und das kreative Potenzial, um in jeder Spielsaison eine neue Show zu schaffen, die mit dem herkömmlichen „Nummern-Programm mit Ansager“, wie es in Varietés sonst so üblich ist, rein gar nichts mehr zu tun hat. Ralph Sun hat das Stuttgarter Publikum inzwischen an seine unkonventionelle Art des Varietés herangeführt. Er verpasst dem Genre eine Frischzellenkur und geht damit gleichzeitig an die Wurzeln des Begriffes Varieté zurück: Vielfalt – die Vielfalt aller möglichen Ausdrucksformen der Bühnenkunst.

Alle irre hier
Mit der aktuellen Show ‚Metropolitan‘ geht er diesen Weg konsequent weiter nach vorne: Eine karge Bühne, kein Bühnenbild, nur ein großer schwarzer Flügel in der Bühnenmitte – von einem funzeligen Lämpchen spartanisch in Szene gesetzt. Man hört ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen, als sich plötzlich eine bunte Truppe schräger Großstadtvögel, angeführt von Mr. Leu den Weg mitten durch den Saal in Richtung Bühne bahnt. „Insane, insane, they’re all insane…clap hands!“ Ein Titel von Tom Waits, der klar macht, wohin die Reise geht, nämlich in die „Schluchten der Großstadt mit ihren Spinnern und Träumern, die glauben sie könnten die Welt verändern“.

Mr. Leu - Foto  Alexandra Klein

Mr. Leu – Foto Alexandra Klein

Pianist und Sänger Mr. Leu ist der Dreh- und Angelpunkt des Abends. Man kennt ihn aus den Shows mit seiner Partnerin Evi Niessner bereits als „das Tier“, das musikalisch oder mimisch alle Register zieht. Aber diesmal führt Mr. Leu auch als Erzähler durch den Abend, und das macht er so natürlich, mitreißend und souverän, dass man meint, er hätte das schon immer getan.

Live Musik mit Tom Waits Songs
Die komplette Show ist auf live gespielter Musik der Friedrichsbau Varieté-Band unter der Leitung von Thomas Rother aufgebaut. Wer gut aufpasst, dem entgeht nicht, dass fast alle Songs des Abends aus der Feder Tom Waits‘ stammen.

Mr. Leu ist wohl der einzige, der es schafft, diese Musik gleichermaßen authentisch wie völlig eigen zu interpretieren. Er macht uns eben nicht „den Waits“. Gottseidank! Mr. Leus Stimme ist pure Schönheit und pures Gefühl wie in „Broken bicycles“ oder „Waltzing Mathilda“. Darin macht er die großen Melodienbögen und den Glanz Tom Waits’scher Songs – die man sonst eher als knorzig-eigenbrötlerisches Geknurre kennt – manchem Zuhörer erstmalig bewusst. Mit Mr. Leus Stimme wird jede Ballade zur garantierten Gänsehautnummer.

Er kann aber auch wie ein Derwisch in die Tasten knallen. Man munkelt, dass die eine oder andere Seite des Flügels gerissen sein soll. Mit seinem Gesang, seiner Virtuosität an den Tasten und mit seiner schlaksig-lässigen Körpersprache malt er in allen bizarren Farben und Formen sein sehr persönliches Bild des Großstadtmenschen.

Ein Bühnenbild gibt es im materiellen Sinne keines. Es entsteht nur fiktiv durch das Spiel des sehr harmonisch zusammen wirkenden Ensembles und durch das geschickt gesetzte räumliche Licht von Thorsten Schulz.

Einsam im Beton
Wir befinden uns wahlweise in der Berliner Künstlerbude eines Mr. Leu, auf einem New Yorker U-Bahnsteig, in einer Pariser Vorstadt-Unterführung, wo Breakdancer sich treffen oder in einer Hotelbar im 17. Stock eines Nobelhotels in Dubai oder in Hongkong. Vielleicht ist es aber auch irgendeine Spelunke am Stadtrand von Castrop Rauxel nahe der Autobahn. Das bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen …

Robert James Webber mit Kehrwochen-Choreographien - Foto Alexandra Klein

Robert James Webber mit Kehrwochen-Choreographien – Foto Alexandra Klein

Keine Handlung, mehr ein feiner Faden spinnt sich durch den Abend. Ein junger Mann, unterwegs mit einer Bus-Reisegruppe landet in einem scheinbar ganz normalen Café, in dem man Rast macht, und er verspürt dort für einen kurzen magischen Moment solch eine Wärme und das Gefühl des perfekten Glücks, dass er für immer dort sitzen bleiben möchte.

Variationen der Kehrwoche an abgehangenen Kalauern
Der junge Mann wird verkörpert von dem Jongleur Robert James Webber (USA), der mit seinem geschwungen Besen eine einzigartige sehr poetische Nummer kreiert hat, die er mit technischer Bravour und künstlerischer Leichtigkeit vorführt zur live gespielten Musik von „Invitation to the blues“.

Abischnitt 0,8: Lea Hinz - Foto Alexandra Klein

Abischnitt 0,8: Lea Hinz – Foto Alexandra Klein

Lea Hinz ist zurzeit in der Varieté-Szene in aller Munde. Die junge Berlinerin besticht in ihrer Luftringnummer durch tänzerische Ausdrucksstärke, Eleganz und wunderschöne Linien. Auch für ihre zweite Nummer, einen Schattentanz vor einer Leinwand, in dem ihre Schatten mal synchron, mal auseinander driftend mit ihren Bewegungen korrespondieren, erntet sie verdient großen Applaus.

Mit „The Piano has been drinking“ kommt Whisky-selige Stimmung auf. Mr. Leu erzählt in der Figur eines abgehalfterten Barpianisten über sich selbst lachend die plattesten Witze. „Wo wohnt die Katze? …im Miez-Haus“. Das Publikum steigt ein und lacht ungeniert mit.

Michael Clifton als schlecht gelaunte Kellnerin, Mr. Leu und „Mr.“ Margot sind in dieser musikalischen Spielszene ein tolles Trio. Auch wenn das ins Trashige kippen könnte – es tut es nicht. So sind sie eben, die schrägen Vögel der Großstadt, und um die geht es hier schließlich.

Trommelt als schlecht gelaunte Kellnerin auf dem eigenen Holzbusen: Michael Clifton - Foto Alexandra Klein

Trommelt als schlecht gelaunte Kellnerin auf dem eigenen Holzbusen: Michael Clifton – Foto Alexandra Klein

Wenn auf jemanden das Prädikat „schräger Vogel“ wirklich zutrifft, dann ist das Michael Clifton aus Denver, Colorado, USA, der seit mehr als dreißig Jahren in Berlin lebt. Ob als besagte Kellnerin, vor der Mr. Leu warnt: „Geben Sie ihr ein gutes Trinkgeld, sonst kommt sie zu Ihnen nach Hause“, die Melodien auf den Gläsern der Gäste spielt und auf ihrem unter der Bluse versteckten Holzbusen Schlagzeug spielt. Als Mr. Clifton himself, spielt er Mundharmonika mit unendlich viel Soul, tanzt Hiphop und krakelt stets mit voller Leidenschaft durch die Gegend. Er ist wie ein weiterer roter Faden durch den Abend.

Die Nummer Cirkolution II von Mathieu Bolillo (Frankreich) kommt besonders bei den jüngeren Gästen im Saal sehr gut an. Zu einem Rap von Mr. Leu und Michael Clifton und der funky aufspielenden Friedrichsbau-Varieté-Band entspinnt sich eine Gangsta-Straßen-Szene, in der Clifton den Artisten zu Höchstleistungen anfeuert. Und der Funke springt über.

Völlig durchgedreht: Mathieu Balillo - Foto Alexandra Klein

Völlig durchgedreht: Mathieu Balillo – Foto Alexandra Klein

Verrückte Instrumente
Ungewöhnlich ist diese Art Rhönrad mit verschiedenen Stangenaufsätzen, an denen Bolillo in allen möglichen, nicht genau zu definierenden artistischen Disziplinen arbeitet. Bolillo ist wirklich stark und einfach saucool.

Überhaupt scheint dies die Show der abgefahrenen artistischen Instrumente zu sein. Charlotte de la Breteque hängt an einer Art Vorhang aus seidenen Fäden. Sie klettert, umgarnt sich selbst und lässt sich mehrfach urplötzlich spektakulär herabfallen.

Sie tritt im Verlauf des Abends immer wieder als Figur der Suchenden in Erscheinung, die letztendlich doch allein bleibt in der Anonymität der Großstadt.

Ihre Nummer symbolisiert das „Netz der einsamen Spinne“ jedoch ohne Tristesse, vielmehr in selbstbewusster Schwerelosigkeit und sogar irgendwie glamourös.

Nonchalanter Nervenkitzel
Die Handstandnummer, die Miss Margot auf dem Flügel vollführt – während Mr. Leu „Fumblin with the blues“ teils ins Piano sabbert, teils shoutet, und dabei den Blues wirklich aus seinen Fingern triefen lässt – ist das wohl Sinnlichste und Aufreizendste, was man seit langem von einer Artistin im Varieté gesehen hat.

„Mr. Margot“, der „Typ“ an der Bar lässt auf dem Flügel stehend cool die Hosen runter, entledigt sich lässig seines Herrenhutes und wird zu einer unverkennbar französischen jungen Madame. Sie räkelt sich im Unterhemdchen mit butterweichen und dabei technisch enorm starken und selten gesehenen Handstandkombinationen wie in einem Lotterbett, tänzelt barfuß auf dem Rand des Flügels und verführt kopfüber Mr. Leu und das Publikum. Es wird ziemlich heiß im Saal des Friedrichsbau Varietés.

Mehrfach am Abend hört man auch Miss Margots Singstimme erklingen: gekonnt nonchalant und so sexy wie die ganze Frau.

Die Finalnummer von Richard Morneau aus Kanada steht sinnbildlich für das Gefangensein im eigenen Dasein. Morneau kämpft mit sich selbst in seiner Luftnummer an einer Art Himmelsleiter. Die Nummer ist zunächst sperrig. Man bekommt nicht das gewohnte Augenzwinkern als Zeichen zum Applaudieren. Die Qualität liegt in der Spannung, die sich aufbaut aus Elementen des Modern Dance sowie Handstand-und Kontorsionstricks, die sich der Protagonist regelrecht erkämpft in diesem (auch wieder) einzigartigen und seltsamen Instrument, das wie eine imaginäre Zwangsjacke anmutet, aus der er sich wie ein Zaubertrick-Künstler schlussendlich zu befreien weiß. Applaus gibt es nur am Ende, dafür aber reichlich und langanhaltend.

Das Leben in der Großstadt - ein Kraftakt am seidenen Faden: Charlotte de la Breteque aus Frankreich - Foto Alexandra Klein

Das Leben in der Großstadt – ein Kraftakt am seidenen Faden: Charlotte de la Breteque aus Frankreich – Foto Alexandra Klein

Kommen wir zurück zur Geschichte des jungen Mannes, der für immer in diesem Café bleiben wollte und doch mit der Busreisegruppe weiter muss, denn „die anderen hatten die Magie des Augenblicks nicht bemerkt“.

Die Magie des Abends ‚Metropolitan‘ hat das Publikum hingegen offensichtlich sehr wohl bemerkt und goutiert das mit sehr lang anhaltendem, aufrichtigen Applaus. „Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt“ ist das Leitmotiv dieses Abends.

Das einzige jedoch, was daran nicht perfekt sein könnte, ist der mitschwingende Gedanke, dass es mit dieser Art von Shows bald aus sein könnte – aus für das Friedrichsbau Varieté, wenn nicht bald ein kleines Wunder geschieht.

Mr. Leu ergreift die Ukulele und das Wort für ein Schlussplädoyer: „Wir spielen auch für Sie zu Hause, auf Geburtstagen, Beerdigungen oder auf Ihrer Scheidung, aber am liebsten spielen wir im Friedrichsbau-Varieté. Und wenn Sie sagen: Was für ein dummer Traum! …dann sage ich: Wenn man träumt, ist alles erlaubt, denn du bist unschuldig, wenn du träumst.“

Und dann kommt zu „You’re innocent when you dream“ das gesamte Ensemble inklusive der Musiker unplugged mit ihren Instrumenten zu den Zuschauern in den Saal. Das treibt einem wirklich die Tränen in die Augen, so unglaublich berührend ist dieser Abschluss des Abends. Und man wünscht sich noch viele, viele Vorhänge für diese großartige Show und für das Friedrichsbau-Varieté.

Lina Korn © 2013 BonMoT-Berlin

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Fotos: Homepage Friedrichsbau Stuttgart/
Bühnenfotos: Alexandra Klein/ Portrait Gabriele Frenzel und Ralph Sun: Sabine Schönberger
Plakat: Discodoener

Termine:
METROPOLITAN – the urban artistic show
Ein Varietéabend der Sinnlichkeit, des Überflusses und der Lebenslust
noch bis zum 13. April 2013, Stuttgart, Friedrichsbau Varieté, Mi – Sa 20 Uhr, So 18 Uhr
(Mo – Di spielfrei)
Homepage Friedrichsbau , Kartentelefon: 0711-225 70 70

Kategorien:Kritik, Varieté
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