Startseite > Kabarett, Kritik, Premiere > Hoch erhobenen Hauptes: Andreas Thiel – Kritik

Hoch erhobenen Hauptes: Andreas Thiel – Kritik

Andreas Thiel - Foto Stefan Kubli HP AThielAndreas Thiel: „Macht. Politsatire 4“ – Deutschlandpremiere

von Gilles Chevalier

BERLIN – In einem Kellertheater könnte Andreas Thiel nicht auftreten – allein wegen seines Irokesen, der ihn anscheinend noch einen halben Meter größer macht. Deshalb hat er sich für die Deutschlandpremiere seines Programms „Macht. Politsatire 4“ die Berliner Wühlmäuse ausgesucht. Hoch erhobenen Hauptes führt er durch einen anregenden Abend voller Einsichten, Ansichten und logischer Schlüsse.

Mit einem klassischen Warm Up hält er sich gar nicht erst auf. Andreas Thiel umarmt sein Publikum sofort und nimmt es mit seinem feinen Humor für sich ein. „Comedy ist lustig, Satire ist wahr“, stellt er gleich zu Beginn fest, um dann einen Humor-Vergleich zwischen Deutschen, Österreichern und Schweizern zu ziehen. Ergebnis: „Der Schweizer Humor ist die angenehmste Art der Ernsthaftigkeit.“

Und er kann auch in Deutschland verstanden werden. Zum Beispiel bei den recht intensiven Blicken auf die Schweizer Innenpolitik. Gibt es doch da eine Justizministerin, die Volksabstimmungen beschränken möchte, weil durch Volkes Stimme die Todesstrafe wieder eingeführt werden könnte. Das hat zwar niemand vor, aber sie geht erst mal davon aus. Ein Schelm, der vermutet, die Macht der Politiker könnte ohne Volksabstimmungen größer werden… Ach ja, die Politiker in der Schweiz sind genauso merkwürdige Gestalten, wie die Politiker anderenorts auch. Das klar zu benennen, kann auch eine Art Annäherung an Europa bedeuten.

Oder an Island. Da war es mit den Politikern auch nicht weit her, Stichwort Kaupthing Bank. Andreas Thiel hat dort eine Zeitlang gelebt und weiß die Landschaft, die Menschen und die Elfen in farbenfrohen Bildern zu beschreiben. Dabei gewinnen langsam die apokalyptischen Darstellungen die Oberhand, bevor alles in einer phantastischen Deskription merkwürdiger Tiere kulminiert. Wer jetzt halluzinogene Substanzen als Ursache vermutet, liegt falsch. Schuld waren die Kirsch-Stängeli, also mit Kirschwasser gefüllte Pralinen, die Andreas Thiel in zu großer Menge zu sich genommen hatte.

Da staunt der Zuschauer, bevor er wieder in ein verschmitztes Lächeln zurückfällt. Letzteres ist sozusagen die Grundstellung beim Programm „Macht. Politsatire 4“. Wenn Andreas Thiel den Strommarkt anhand eines Gemüsestands auf dem Wochenmarkt genial erklärt. Motto: Wenn Sie die teuren, mit Solarstrom aufgezogenen Tomaten kaufen wollen, müssen sie auch ein paar billige, mit Atomstrom aufgezogene mitnehmen. Als Quersubventionierung.

Oder wenn er das Kinderbuch Pinocchio mit dem Alten Testament vergleicht: Beide handeln von einem Mann, der von einem Wal verschluckt wird. Fazit: „Die Geschichte muss stimmen, schließlich gibt es zwei unterschiedliche Quellen!“ Auf angenehme Art fordert Andreas Thiel die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Dabei ist er wendig, schnell und anspruchsvoll, ohne abgehoben zu sein. Diese Kombination macht den Abend zum Erfolg.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Foto: Stefan Kubli

Homepage Andreas Thiel

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: