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Lasst Luftballons zum Himmel steigen! – Kritik Erotische Frauennacht

Sinnlichkeit auf Hessisch im Parktheater Bad Nauheim

von Lina Korn

Sweet Chili - Foto PRBAD NAUHEIM – Es wird Nacht zwischen Taunus und Vogelsberg. Im sonst eher beschaulichen Kurstädtchen Bad Nauheim soll es heute frivol zugehen. Angekündigt wird: „Ein verführerisches Programm, das gefühlsbetonte Musik, Burlesque und Humor kombiniert, ein sinnlicher Abend, der sich vorwiegend an Frauen richtet, Männer aber nicht ausschließt.“

Berechnung oder praktischer Zufall – jedenfalls war dieser Abend auf das gleichzeitig stattfindende Championsleague-Finale zwischen zwei deutschen Mannschaften in London perfekt positioniert.

Wie nicht anders zu erwarten, war der männliche Anteil des Publikums auch entsprechend gering. Hoch waren die Erwartungen, statt Sport auf der Couch einen prickelnd verruchten Abend in mondäner Umgebung zu erleben, auf dass der daheim Gebliebene vor Neid erblassen sollte, was seine Liebste da Aufregendes erlebt hat.

Bei der Ankunft erwartet den Gast jedoch erst mal keine plüschige Cabaret-Atmosphäre. Eher an den Charme einer Eisdiele der 80er Jahre erinnert die Ausstattung des Theaters am Park – sauber und gepflegt, aber irgendwie aseptisch.

Und wie soll wohl das Bühnenlicht auf den Tauben-blass-blauen Bühnenvorhängen wirken? Zwischen rosa-stichigem Braun und gelblichem Beige ist alles an Farben dabei, was die Protagonisten eher unvorteilhaft ins Licht rückt. Das wird aber fast schon zur Nebensache, denn meist ist der Licht-Spot ohnehin auf irgendetwas anderes gerichtet. Schwer zu sagen, was den Techniker zu diesem und weiteren psychedelischen Lichtexperimenten getrieben hat, die nur eines zur Folge haben: Ohne Not von dem Geschehen auf der Bühne abzulenken.

Ähnlich ist es mit dem Ton: Mal lauter, mal leiser kann sich das Ohr auf keinen zuverlässigen Sound einstellen. Rote Karte an die Technik!

Kommen wir zur Show an sich. Zugegeben, das Thema Erotik ist omnipräsent. Aber ob man das Erlebte als „sinnlich und verführerisch“ bezeichnen kann, und die Musik als „gefühlsbetont“…?

Im Rampenlicht – zumindest theoretisch – drei Damen aus der Welt von Kleinkunst, Musik und Burlesque. Es eröffnet Susanne Betz alias Rotraud Reußwig „aus dem kleinen bescheidenen katholisch Willeroth“. Man merkt es sofort: Sie ist zu Hause auf dieser Bühne. Respekt gebührt ihr für ihre konsequente Rollengestaltung als hessisches „Schlappmaul“ mit Unmengen von Text, den man ihr so sehr abnimmt, dass man fast vergisst, dass hier jemand absolut professionell abliefert. Ob man inhaltlich etwas mit dem Humor anfangen kann, liegt wohl wie immer im Auge des Betrachters. Die Mehrheit des Publikums amüsiert sich köstlich auf Kosten von Figuren wie Alwin, Karl-Fred, Emmi, Heinz und wie man auf dem Dorf eben so heißt.

Sinnlich anregend ist diese Darbietung jedoch nicht. Im Gegenteil: Sollte es zwischen anwesenden Paaren bei ihrer Ankunft noch geknistert haben, so ist durch den von Rotraud Reußwig auf’s Extrem überzeichneten Land-Realismus, jegliche Anwandlung von Sinnlichkeit mit Sicherheit abgelöscht.

Die zweite Lady des Trios heißt Alexandra Gauger, und die traut sich was! Von hessischer wechselt sie nahtlos über in süddeutsche Mundart, ob Badisch oder Schwäbisch ist für Outsider nicht erkennbar und auch wurscht. Alexandra Gauger in der Rolle der chronisch untervögelten Musiklehrerin Fräulein Cäsar hat einen rattenscharfen Blick drauf, so dass den wenigen Herren im Saal wohl gleich der kalte Schweiß auf der Stirn steht aus Furcht vor einer „allseits beliebten Publikum mitmachen Nummer“.

Doch Frau Gauger hat Erbarmen und macht vor allem sich selbst kräftig zum Obst. Sie hat keine Scheu, als gackerndes Huhn über die Bühne zu staksen und ihre – ursprünglich als Mezzosopran trainierte – Stimme in wildesten Verrenkungen in die Höhe zu schrauben. Gut, dass sie dem Publikum vorher – freilich mittels intensivster Mimik – erklärt hat, wie richtiges Atmen geht. Denn sonst könnte man Schnappatmung erleiden oder es bliebe einem schlicht der Atem weg über Frau Gaugers Chuzpe, Künstlerinnen wie Whitney Houston (die Husten) oder Alicia Keys (die Käs) durch den Kakao zu ziehen.

Parodie ist eine hohe Kunst, denn dabei sollte man der parodierten Figur das Wasser reichen können. Stimmlich und musikalisch gesehen, war dies allerdings grenzwertig. Durch ihren beherzten Körpereinsatz und besagte Mimik hatte jedoch auch Alexandra Gauger die Lacher auf ihrer Seite.

War das aber nun die „gefühlsbetonte Musik“, die vom Veranstalter versprochen wurde? – Leider nein. Warum wird Musik in der Kleinkunst oftmals nur benutzt, um „was Witziges draus zu machen“, zumeist ausschließlich auf Textebene? Musik hätte an diesem „erotischen Abend“ so manch einen im Publikum auch mal auf der Gefühlsebene abholen können. Wer danach lechzte, bekam die kalte Schulter gezeigt. Also – auch im Segment Musik-Comedy keinen Sinnlichkeits-Punkt für die erotische Frauennacht.

Dame Nummer drei im Reigen: Sweet Chili aus Nürnberg bringt jedoch mit ihren Burlesque-Darbietungen dann doch noch so etwas wie mondänes Flair, Anmut mit Augenzwinkern, und vor allem die versprochene Sinnlichkeit auf die Bühne des Bad Nauheimer Parktheaters.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn nicht alles, was sich Burlesque nennt und sich auszieht, tut das auf professioneller Ebene. Sweet Chili gehört aber definitiv zu den guten zwei Dutzend Burlesque-Performerinnen in Deutschland, die wissen, wie es geht. Jeder Blick, jeder Schritt, jede Drehung und jedes kokette Zwinkern sitzt an der richtigen Stelle und wird geschmackvoll dosiert.

Auch in der Wahl ihrer Kostüme ist Sweet Chili äußerst stilsicher. Am spektakulärsten ist – wenn auch nicht ihre Erfindung – das Kostüm, das nur aus pinken Luftballons besteht, die sie einen nach dem anderen neckisch zerplatzen lässt. Herausragend jedoch – vor allem schauspielerisch – ist ihre Nummer „Sweets“, in der sie am laufenden Band futtert: Pralinen, Cupcakes mit Erdbeere oben drauf, ihre eigenen Ohrringe, während sie sich quasi nebenbei ihrer Garderobe entledigt. Das ist einfach auf den Punkt und regt die Phantasie an. „Wen möchte ich heute noch vernaschen?“ steht hier als Frage im Raum. Für diesen Part des Abends gibt es natürlich die volle Punktezahl für Sinnlichkeit.

Doch das ersehnt wohlige Gefühl, von Sweet Chili nach allen Regeln der Kunst verführt zu werden, währt nicht lange. Als ob man alles, was an diesem Abend tatsächlich mal das Prädikat sinnlich verdient, tunlichst ausrupfen müsste wie das Unkraut in Nachbars Garten, kommt auch schon die unvermeidliche Antwort auf Sweet Chilis anregende Weiblichkeit. Die Parodie der Luftballonnummer von Susanne Betz alias Rotraud Reußwig mit zwei Riesenballons als Hänge-Euter vor ihrer Brust ist so derbe, dass man sich entscheiden muss, ob man vor Scham dem Nachbarn in den Oberarm beißt oder einfach mit lacht, weil das weniger weh tut. Frau Reußwig schafft es mit diesen Ballon-Eutern auf ein Neues, jeglichen Ansatz eines Prickelns mit einem ordentlichen Schwall Spessart-Hessisch in den nächsten Gully zu spülen.

So fühlt sich der Abend im Nachhinein insgesamt nach einer Mogelpackung an. Einmal Gänsehaut-Feeling hätte mindestens drin sein müssen an „dem sinnlichen Abend“, über den es laut Veranstalter weiter heißt: „Wir schöpfen für Sie das Beste aus den Genres Kabarett, Musikkabarett, Burlesque, Gesang und Comedy rund um das facettenreiche Thema Erotik.“

Es hätte einem in dieser Nacht ruhig ein wenig heiß werden dürfen bei den eisigen Mai-Temperaturen in Bad Nauheim, das schlussendlich immer noch das beschauliche Kurstädtchen ist, das es auch vor der erotischen Frauennacht schon war.

Der Braut der anwesenden Junggesellinnengruppe kann man jedenfalls nur eine etwas reichhaltigere Hochzeitsnacht in Sachen Erotik wünschen. Und wenn auf dieser Hochzeit in irgendeiner Form Luftballons vorkommen sollten, dann lasst sie bitte einfach nur romantisch zum Himmel steigen!

Lina Korn © 2013 BonMoT-Berlin
Foto Sweet Chili: Homepage Sweet Chili

Kategorien:Kritik, Varieté
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