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De Becker Heinz unn sien Sischt uff de Ding – Kritik Gerd Dudenhöffer

Gerd Dudenhöffer: „Die Welt rückt näher“

von Gilles Chevalier

Dudenhöffer Plakat - PRBERLIN – Seit April tourt Gerd Dudenhöffer wieder als Heinz Becker durch die Republik. „Die Welt rückt näher“ heißt das Programm, das in den Wühlmäusen eine gefeierte Berlin-Premiere erlebte.

Eins ist sicher: Heinz Becker. Der hat sich auch in diesem Programm nicht verändert. Er sitzt einfach auf einem Stuhl vor fünf großen tapezierten Stellwänden. Beige ist die Tapete und herbstlich das Laubmotiv. Das sagt schon viel über die Ansichten des Kleinbürgers Heinz Becker, den Dudenhöffer sehr lebensnah darstellt.

In blauer Arbeitshose, kariertem Hemd und mit der unvermeidlichen Kapp auf dem Kopf sitzt er einfach nur da und erzählt in saarländischem Dialekt. Sparsam ist er mit seinen Gesten, zupft sich nur manchmal gekonnt an seinen Hosenträgern. Aber jede dieser Gesten sitzt! Allein, sein Hinsetzen: Wie in Zeitlupe geht er in die Hocke, zieht mit spitzen Fingern an den Hosenbeinen und lässt sich langsam nieder. Jetzt sitzt der Heinz – und hat das Publikum in der Hand!

Wie wunderbar, wie erfrischend ist es, einen Künstler zu erleben, der kein Warm-up macht! Der nicht versucht, das Publikum irgendwo abzuholen und aufzubauen. Der vom ersten Moment des Auftritts an alles gibt und die Zuschauer mitreißt. Haben die alle heimlich vorgelacht?

Nichts kann Dudenhöffer jetzt von seiner Mission abhalten, zu unterhalten. Kein aufgezwungener Dialog mit einem einzelnen Zuschauer und kein Mobiltelefon-Klingeln von der Lautstärke und dem Klang eines Rauchmelders. Im Gegenteil: Als das Gerät endlich Ruhe gibt, sagt er: „Ach, ist der Akku schon alle? So ein Ding lädt man doch auf, bevor man aus dem Haus geht!“

"Die Opfer tun sich dann entschuldigen."

„Die Opfer tun sich dann entschuldigen.“

Heinz Becker ist ein Stammtischler. Von dort, von Kollegen und von seiner Familie bezieht er die Themen. Die Menschen und ihre Ansichten referiert er sehr genau – mit der Sprache hat er manchmal Probleme. Er spricht über scheiternde Großprojekte und über Korruption, die früher noch viel persönlicher gewesen ist. „Der Bestochene und der Stecher“ kannten sich früher noch, während heute alles unpersönlich über die Politiker abgewickelt wird.

„Ortsausgangs, wissen Sie, wo man reinfährt“, da wohnt ein Kollege, der bei der Kur einen „esoterisch-vegetarischen Flurschaden, nein, Kurschatten“ kennengelernt hat: „Wenn der das Hirn völlig ausgetrocknet ist, setzt sie sich hin und häkelt Handgranaten!“ Ja, das Frauenbild Heinz Beckers stammt noch aus der Adenauer-Zeit. Wobei nicht ganz klar ist, ob es die Zeit Adenauers als Oberbürgermeister von Köln oder als Bundeskanzler ist…

„Eine Frau muss doch nur heiraten und wird dann den Rest des Lebens durchgeschleppt.“ Niemand protestiert. „Feministen haben doch alle keinen Mann bekommen.“ Kein erregter Aufschrei aus dem Publikum. Äußerungen, die niemand unwidersprochen tätigen könnte, lässt man Heinz Becker durchgehen. Einer muss es doch sagen dürfen! Nein, eine sympathische Figur ist dieser Heinz Becker nicht immer. Er triumphiert stattdessen über die Zeugen Jehovas an seiner Haustür: „Aber ich habe ihnen nichts abgekauft!“, und spricht über erneuerbare Energie. Doch Vorsicht: „Die Energiewende ist schon gefährdet, wenn sich der Altmaier in die Sonne stellt.“

Nach der Pause wirkt das Publikum in sich gekehrt. Vielleicht liegt das am Thema sexueller Missbrauch in der Kirche. Erschreckend nah an der Wirklichkeit schlägt Becker vor: „Wir machen unter die Sache einen dicken Strich und hoffen auf einen Neuanfang. Die Opfer tun sich dann entschuldigen.“ Oder an dem Hakenkreuz, das einem Nachbarn auf die Garagenwand geschmiert wurde. Das Ärgerliche dabei: „Auch noch verkehrt herum!“ Becker beschließt das Thema: „Man sieht wieder mehr Hakenkreuze. Am Stammtisch sagen sie: ‚Die Mode wiederholt sich.‘“ Mucksmäuschenstill ist es im nahezu ausverkauften Saal, als er sich über Vergewaltigungen auslässt. Relativieren will er hier, und versucht, die Schuldfrage neu zu klären. Das tut weh und wird nicht mehr mit Lachern quittiert.

Doch Gerd Dudenhöffer gelingt es virtuos, die Stimmung ein letztes Mal zu drehen. Über falsche Doktortitel sinniert er und schließt mit der Überlegung: „Wenn der Arzt kein Doktor mehr wäre, müsste ich ja meine ganzen Krankheiten wiederholen!“ So geht dieser Abend kruder Überlegungen und merkwürdiger Weltsichten doch noch mit einem Lachen zu Ende. Aber erst, nachdem Gerd Dudenhöffer zwei Zugaben gegeben hat. Aus seinem Gedichtband „Opuscula nova“ trägt er Absurdes vor. Im Herbst will er damit auf Lesereise gehen. Und den Heinz Becker lässt er dann im Saarland allein zurück.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Foto: PR Handwerker-Promotion

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Homepage Gerd DudenhöfferTourplan

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. rh
    20. Oktober 2013 um 13:01

    Ich war gestern im Capitol in Mannheim bei Heinz Becker (Gerd Dudenhöffer)… und erlebte u.a. den geschmacklosen Vergleich eines NS-Mutterkreuzes mit Konsum-Rabattmarken und vieles mehr. Rassismus und Missbrauch bspw. muss man nicht mit schlechten Witzen salonfähig machen. Viele Lacher bekam Gerd Dudenhöffer dafür nicht, bis auf diejenigen, die ethische Ansprüche zuhause lassen und auf Stammtischniveau schweinigeln. – Menschen, die sich nicht kannten, schauten sich an und schüttelten verständnislos den Kopf. – Dieses Programm scheint mir etwas daneben… das brauche ich nicht noch einmal. Man kann nicht jede Geschmacklosigkeit mit der „Figur“ rechtfertigen.

  2. 12. Juni 2013 um 19:58

    Hat dies auf Querbeet-Blog rebloggt und kommentierte:
    Gerd Dudenhöffer ist Heinz Becker, will es aber nicht sein, er tritt im Saarland nicht mehr auf, weil er meint, die Leute sehen ihn nur als Heinz Becker, und das passt ihm nicht.

  1. 15. Juni 2013 um 01:05

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