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So falsch, dass es schon wieder stimmt – Kritik Gerd Dudenhöffer

„Die Welt rückt näher“ mit Heinz Becker im Academixer-Keller

von Janina Fleischer

Dudenhöffer Plakat - PRVor ein paar Tagen haben wir Gerd Dudenhöffers Auftritt bei den Berliner Wühlmäusen besprochen. Danach hat er sein Programm „Die Welt rückt näher“ in Leipzig gespielt. Eine gute Gelegenheit, das gleiche Stück in zwei verschiedenen Städten von zwei Kritikern betrachten zu lassen.

LEIPZIG – Heinz Becker regt sich nicht auf. Er macht sich nur Gedanken. Über künstliche Befruchtung, Atomkraftwerke, Feminismus, Todesstrafe, Bestechung, Organspende, sexuellen Missbrauch… So blättert er sich durch den Themenkatalog des deutschen Stammtischs. „Die Welt rückt näher“ heißt das neue Programm des Kabarettisten Gerd Dudenhöffer, in dem er seine Kunstfigur Heinz Becker an eben diesen Stammtisch setzt. Wie stets in blauer Arbeitshose, kariertem Hemd, mit Schiebermütze und Hosenträgern, wie gewohnt mit dem typischen Minimum gestischen Repertoires. Am Montag und Dienstag war er im jeweils ausverkauften Academixer-Keller zu Gast.

Das Prinzip ist so einfach wie raffiniert: Heinz Becker schwätzt, was die Leute denken, und setzt dann noch einen drauf. Dabei bleibt er die letzte Konsequenz schuldig, lässt die politisch unkorrekten Gedanken in einer Armbewegung auslaufen, mit der er gleichermaßen jede Schuld von sich weist wie einlädt in seine Welt.

*„Du stehst als Mann mit einem Bein immer im Gesetzbuch"

*„Du stehst als Mann mit einem Bein immer im Gesetzbuch“

Basis des Monologs über Gott und die Welt sind der sogenannte gesunde Menschenverstand und Volkes Stimme, verknappt zu Schlussfolgerungen, die genau so falsch sind, dass sie schon wieder stimmen. „Ob Gott in meinem Leben eine Rolle spielt? Das macht ja eigentlich alles meine Frau.“ Zwischen denen da oben und Heinz Becker hier unten entfaltet sich in zwei Stunden die Logik des kleinen Mannes, der alles zu wissen glaubt, weil er nichts verstanden hat. „Beim Profit geht’s immer ums Geld“, sagt er, und „zum Hilde“: „Du musst nicht alles glauben, was in deinem Kreuzworträtsel steht.“

Heinz Becker ist einer, der sich raushält, der aber mit dem entspannten Nicken der Selbstbestätigung eine – natürlich nur private – Meinung hat über die „politische und wirtschaftliche Zukunft“, die da auf uns zukommt. Erneuerbare Energien? „Wenn die Anlagen anfangen, sich bezahlt zu machen, gehen sie kaputt und müssen erneuert werden.“

Schneller als ein Bier gezapft ist, fließen Unverschämtheiten über „Präphobile“, Sexismus* oder Dunkelziffer bei Schwarzarbeitern, um sich in Kalauern aufzulösen. Denn komisch werden Stammtischweisheiten erst in stilistischen Brüchen, wozu unbedingt der saarländische Dialekt gehört und das Ringen mit Fremdwörtern wie „Tranplantanzion“.

Das alles führt eigentlich zu nichts. „Jetzt geben Sie mir mal recht“, sagt Becker, und fragt mit Blick auf den Berliner Großflughafen: „Wie kann etwas, was nicht fertig wird, doppelt so teuer werden?“ Und weiter geht’s zum nächsten Klischee, der Erkenntnisgewinn bleibt begrenzt, doch Dudenhöffer überzeugt mit der Konsequenz beim Zeichnen dieser unmöglichen Figur. Die eigenen Gedichte in der Zugabe weichen diese Konsequenz allerdings auf. Oder um es mit Heinz Becker zu sagen: Da spalten sich die Geister.

Janina Fleischer
zuerst erschienen in der Leipziger Volkszeitung
Foto: PR Handwerker-Promotion

 

Gerd Dudenhöffer liest aus seinen Gedichtbänden „Opuscula“ und „Opuscula Nova“ und unveröffentlichten Texten: 22. September 2013, 14 Uhr, Academixer, Kupfergasse 2; Kartentelefon 0341.21 78 78 78

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Homepage Gerd DudenhöfferTourplan

Kategorien:Kabarett, Kritik
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