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Eingriff vorn und Klappe hinten: Was Opa einst so drunter trug

OLYMPUS DIGITAL CAMERADorfmuseums-Ausstellung zur „Unterwäsche im Wandel der Zeit“

von Inge Braune

WEIKERSHEIM – Eigentlich ist das Dorfmuseum im ehemaligen Kornbau ein beschaulicher Ort: Hier präsentiert ein Verein in gekonnter musealer Inszenierung, wie man einst auf dem Lande lebte und arbeitete. Einfühlsam haben die Macher seit über 40 Jahren über drei Stockwerke hinweg immer wieder – und überwiegend ehrenamtlich – Zugang geschaffen in alte Bauernstuben und Küchen, in die Lebenswelt der kleinen Leute, die sich als Häcker, im Handwerk, mit kleiner Landwirtschaft über Wasser hielten. Allein die Trachtensammlung ist sehenswert.

Und jetzt: Dessous! Es geht „Drunter und drüber“ im Dorfmuseum. In einer entzückenden Sonderausstellung hat Helmut Fehler gemeinsam mit einem kleinen Helferteam

Der letzte Schrei: BH, gehäkelt. Nach der Diktatur des Korsetts war dieses Handarbeitsprodukt ein echter Befreiungsakt - Foto: Inge Braune

Der letzte Schrei: BH, gehäkelt. Nach der Diktatur des Korsetts war dieses Handarbeitsprodukt ein echter Befreiungsakt – Foto: Inge Braune

„Unterwäsche im Wandel der Zeit“ unter die Lupe genommen. Da hängt die Wäsche auf der Leine, da hat das Bauernpaar eben das Nachthemd abgestreift und aufs Bett geworfen, da sind Truhen und Schränke geöffnet, hängen Strümpfe am Ofen, da scheint die Hausfrau in der alten Küche am kräftezehrenden Waschtag nur mal eben hinausgelaufen zu sein, um nach den Kindern zu sehen.

Ein rundes Jahrhundert Wäsche-, Lebens- und Hygienegeschichte aus der Zeit zwischen 1860 und 1960 wird hier lebendig. Und angesichts so manchen Stücks ist man nur froh, im hier und heute zu leben. Ein Beispiel: Die „Stehbrunzhose“ mit Eingriff vorn und Klappe hinten – oft genug Dauerbekleidung für Wochen. Oder die kratzigen Wollsocken, die ärmere Jungs zu ihren kurzen Hosen im Winter trugen. Befestigung: Strapse. Au weia – und das in einer Zeit, in der das Männlichkeitsideal jegliches auch noch so kleine weibliche Zitat verteufelte. Vom Schnürmieder über „Liebestöter“ bis zu Hüfthalter und BH – sogar in gehäkelter Variante – reicht die Palette, die nicht nur Wärmendes und damit existenziell Erforderliches, sondern auch „Stützendes“ und „Viel versprechendes“ umfasst.

Wer schön sein will, muss leiden: Die Wespentaille, mit der die Dame von Welt einst punktete, brachte sie oft genug der Ohnmacht nahe – und trieb die Schnürhelferinnen zur Verzweiflung - Foto: Inge Braune

Wer schön sein will, muss leiden: Die Wespentaille, mit der die Dame von Welt einst punktete, brachte sie oft genug der Ohnmacht nahe – und trieb die Schnürhelferinnen zur Verzweiflung – Foto: Inge Braune

Besucher werden zu Voyeuren, spähen in Schränken, Truhen, Küchen, Kammern den Groß- und Urgroßeltern in die Privatisseme-Sphäre. Und erfahren so manches über den Wert, den Kleidung einst hatte: Selbst noch ererbte Strümpfe waren Wertstück. Ein Erbverzeichnis um 1850 beziffert drei Unterhosen und zwei Paar Strümpfe auf rund einen Gulden, angesichts eines Durchschnittsmonatslohns von 25 Gulden keine Kleinigkeit. Ein Mantel war seinerzeit ein Kalb wert, ein großes Halstuch hatte den Wert einer hölzernen Truhe. Kein Wunder, dass mit herber Strafe rechnen musste, wer nächtens Wäsche von der Leine klaute…

Text & Fotos: Inge Braune

Bis Anfang November noch ist die Ausstellung immer freitags, samstags und sonntags jeweils von 13:30 Uhr bis 17 Uhr im unmittelbar am Weikersheimer Marktplatz gelegenen Dorfmuseum zu erleben.
Infos zur Ausstellung gibt’s auf der Homepage des Vereins. Übers Kontaktformular kommen auch Anfragen für Gruppen-Sonderführungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten an die richtige Adresse.

Kategorien:Spezial
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