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Der erste Wettbewerbsabend in Sankt Ingbert 2013 – Kritik

Logo Pfanne 2013Alain Frei, Johannes Flöck und das Duo Simon & Jan

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Zum 29. Mal treffen sich Künstler aus den Genres der Kleinkunst in Sankt Ingbert, um eine der drei begehrten Pfannen zu ergattern. Zwölf Künstler wetteifern um zwei Jurypreise und einen Publikumspreis. Philipp Scharri, der vor drei Jahren selbst Pfannen-Gewinner war, moderiert die vier Wettbewerbsabende im Saarland.

Am schwersten hat es immer der erste Teilnehmer. Diesmal hat es Alain Frei getroffen. Der junge Schweizer zeigt Ausschnitte aus seinem ersten Soloprogramm „Neutral war gestern“. Frei will gegen die Schweiz-Klischees angehen, die in Deutschland vorherrschen. Sie wissen schon: Die Schweizer sind nett, freundlich und langsam. Alain Frei möchte die neue Generation Schweizer vorstellen, die durch die Globalisierung der Welt näher gerückten Eidgenossen.

„Neutral war gestern“ – Der Schweizer Alain Frei auf der Pole Position

„Neutral war gestern“ – Der Schweizer Alain Frei auf der Pole Position

Das ist gar nicht so einfach, denn zweifellos ist Alain Frei ein freundlicher und sympathischer Kerl. Und mit Feststellungen wie: „In Deutschland wirst Du auf der Autobahn geblitzt, in der Schweiz gemalt“, unterstützt er die Vorurteile. Andererseits ist man auch in der Schweiz nicht vor deutschem Fernseh-Trash sicher. Das bietet Frei Gelegenheit, über „Jumbo XXL“, den „Galileo-Faktencheck“ über Hobbit-Filme und „Das perfekte Promi Dinner“ herzuziehen.

Auch über die Schwierigkeiten, die eigene Mutter als Freundin bei Facebook zu haben, weiß Frei zu berichten. Anekdoten von seiner Großmutter und seiner Ex-Freundin runden den Vortrag ab. Zur Hochform läuft Frei auf, als er sich der Improvisation hingibt. Eine Zuschauerin soll ihm als Geräuschemacherin dienen, wenn er den Wilhelm Tell neu erzählt. Diese Nummer nimmt zwar wahnsinnig viel Zeit in Anspruch und es wäre auch einer weniger retardiert wirkenden Zuschauerin sicher schwergefallen, das Spannen einer Armbrust oder das Anziehen eines Rucksacks mit Geräuschen zu versehen. Doch Alain Frei legt es darauf an und schafft es, sich aus der Situation zur Gaudi des Publikums freizuschwimmen. Herzlicher Applaus brandet ihm entgegen.

Auch Johannes Flöck schöpft in seinem Programm „Der Geschmack der mittleren Reife“ aus der eigenen Lebenserfahrung. Er ist jetzt Mitte vierzig und zeigt Ausschnitte aus seinem fünften Solo-Programm. Dabei gewährt er Einblicke in den Lebensabschnitt, in dem die nachlassende Sehkraft durch einen leicht geöffneten Mund kompensiert wird.

Johannes Flöck Mitte vierzig: Erst mittlere Reife oder doch schon Midlife-Crisis?

Johannes Flöck Mitte vierzig: Erst mittlere Reife oder doch schon Midlife-Crisis?

Diäten spielen bereits eine gewisse Rolle bei ihm und seiner Freundin. „Die Wohlfühl-Diät aus der ‚Brigitte‘ macht so aggressiv, die könnte auch Hooligan-Diät aus dem ‚Kicker‘ heißen“, sagt Flöck und beschreibt, wie er unter den Abnehm-Versuchen seiner Partnerin leidet. Die Freundin hat dabei wenig zu lachen, das Publikum dafür umso mehr.

Elegant und detailreich erzählt er von den Versuchen, im Sport einen Ausgleich zu finden. Die Muskel-Stimulation durch elektrischen Strom begeistert die Zuschauer – auch die, die vor dem großen Fenster des Sportstudios im Erdgeschoss der Fußgängerzone stehen!

Bei Vergleichen zwischen Männern und Frauen – sei es in der zwischen-menschlichen Kommunikation oder im Zustand der Trunkenheit – kommt er als Mann selbstverständlich besser weg, doch gleichzeitig spürt man immer ein nettes Augenzwinkern. Flöck plaudert wie am Biertisch und lässt die Bühnensituation vergessen. Seine Themen sind für das Publikum in der ausverkauften Sankt Ingberter Stadthalle sehr lebensnah. Auch deshalb: Herzlicher Applaus für Johannes Flöck.

Simon & Jan beschließen den ersten Wettbewerbsabend in Sankt Ingbert. Seit 2006 kennen sich die beiden Oldenburger Simon Eickhoff und Jan Traphan. Damals studierten sie noch Musik auf Lehramt. Inzwischen streben sie eine Beamtenkarriere nicht mehr an, sondern wollen mit ihren beiden Gitarren unterhalten. Simon & Jan spielen Ausschnitte aus ihrem ersten abendfüllenden Programm „Der letzte Schrei“.

Mit ihrem Song „Kabarettwettbewerbe“ landen Simon & Jan einen Volltreffer beim Wettbewerb um die Sankt Ingberter Pfanne

Mit ihrem Song „Kabarettwettbewerbe“ landen Simon & Jan einen Volltreffer beim Wettbewerb um die Sankt Ingberter Pfanne

Schon mit dem ersten, sehr kurzen Stück haben sie das Publikum für sich eingenommen: „Zwei Schichten Nudeln und ein Pferd aus der Bretagne // Das ist noch längst keine Lasagne!“ Mehr Text ist nicht. Simon & Jan gehen auch mit ihren Altersgenossen ins Gericht. „Karnickelkotzen“ ist ein Leid, das den übermäßigen youtube-Konsum anprangert. Mit dezenter Perfektion an den akustischen Gitarren und in der Harmonie ihres Gesangs bringen Simon & Jan die größten Gemeinheiten unters Volk.

Und sie trauen sich, unbequem zu sein. Mit „Moritz Bleibtreu macht jetzt Werbung für McDonald’s“ geben sie ihrer Enttäuschung Ausdruck, dass sich ihre Helden nun dem Kommerz hingegeben haben. „Bleib bei deinen Leisten“ geht hart mit einer Reihe prominenter Künstler ins Gericht, die in ihren erlernten Berufen weitaus weniger nerven würden. Der Song kippt wunderbar von der Anklage in die Sprachspielerei, wenn Franz Beckenbauer das Beckenbauen und Justin Bieber das Errichten von Biberbauten vorgeschlagen wird.

Höhepunkt des Beitrags von Simon & Jan ist zweifellos „Kabarettwettbewerbe“. Ein Lied über die abgestandenen Themen und die immer gleichen Gags von Stimmen-Imitatoren, die bei Kleinkunst-Leistungsschauen dargeboten werden. Und über die Quotenfrau, die bei solchen Wettbewerben immer dabei ist. Das jedoch kann die Organisatoren der diesjährigen Sankt Ingberter Pfanne nicht treffen – tritt im Wettbewerb doch erst gar keine Frau als Solistin an!

Gleichzeitig beschreibt „Kabarettwettbewerbe“ auch die Angst der Künstler, sich nicht von den Kollegen abheben zu können und im Einheitsbrei unterzugehen. Dagegen hilft nur „Diese Melodie, die gab’s noch nie“, singen sie und spielen die berühmten Akkorde von „Let It Be“. Ein Glück, dass Simon & Jan nicht frei von Selbstironie sind! Ihre Mischung aus imponierendem Gitarrenspiel und knallharten Texten schlägt ein. Begeisterter Applaus und rhythmisches Klatschen für echte Pfannenfavoriten.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Fotos: PR-Fotos von den Homepages der Künstler,
dort keine Angabe von Quellen oder Namen

Zum Programmüberblick 29. Wettbewerb um die Sankt Ingberter Pfannen 2013 HIER
Homepage Alain Frei – Homepage Johannes Flöck – Homepage Simon & Jan
Homepage Philipp Scharri – Homepage Sankt Ingbert

Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2012 / 2011 / 2010

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