Startseite > Kabarett, Preise/ Wettbewerbe > Der vierte Wettbewerbsabend in Sankt Ingbert 2013 – Kritik

Der vierte Wettbewerbsabend in Sankt Ingbert 2013 – Kritik

Logo Pfanne 2013ONKeL fISCH, Benjamin Tomkins und Martin Zingsheim

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Seit 19 Jahren spielen Adrian Engels und Markus Riedinger zusammen. Sie sind ONKeL fISCH, schreiben Sketche für das Radio und haben inzwischen elf Bühnenprogramme gestaltet. Aus dem aktuellen „Auswandern gilt nicht“ zeigen sie in Sankt Ingbert Ausschnitte. Sie stellen klar: „Das ist kein Programm, das ist ein Missionswerk!“

Onkel Fisch - Fotomontage - PR Onkel FischSie wollen das Positive hervorheben und schaffen eine enge Verbindung zum Publikum mit der „Musik der 1980er Jahre, der hypnotischsten Musik, die je geschrieben wurde“. ONKeL fISCH singen eine Zeile von „Major Tom“ oder „Ich will Spaß“ auf der Bühne und das Publikum ergänzt ohne zu zögern die nächsten Zeilen. Klar, dass sie dann zu ihrem Hip-Hop „Wir bringen den Müll runter“ ansetzen, der endlich mit dem Vorurteil aufräumt, Männer würden sich bei der Hausarbeit zu wenig beteiligen.

ONKeL fISCH bestechen durch ihre Präzision und ihre Schnelligkeit. Manche Themen reißen sie nur mit einem Satz an, doch eine Pointe können sie dabei allemal unterbringen. Sie spielen erotische Kurzhörspiele und vergleichen ein iPad mit einer Kreidetafel. Bei letzterer funktioniert das „Löschen privater Daten mit der praktischen App ‚Schwamm drüber‘“. Ach, Unterhaltung kann so schön durchschlagend sein!

Mit einer kritischen Betrachtung von Radioprogrammen, die vor lauter Jingles und Programmvorschauen gar nicht mehr zum Programm kommen und den gereimten und mit heißen Beats unterlegten „Ballermann-Nachrichten“ beschließen ONKeL fISCH ihren energiegeladenen Wettbewerbsbeitrag. Das Publikum ist begeistert.

Benjamin Tomkins- PressefotoGanz ruhig dagegen beginnt Benjamin Tomkins – der Puppenflüsterer seine Ausschnitte aus dem Programm „Kreatürlich“. Er nimmt sich Zeit für eine lange Einführung und stellt Regeln für seine Dreiviertelstunde auf der Bühne auf: „Applaus ja, aber einzeln und nicht alle durcheinander!“ Er foppt gerne Hochschwangere, indem er dicht an ihnen vorbeiläuft und dann als Bauchredner spricht: „Mama, ich will endlich raus“. Diese schwarzhumorigen kurzen Geschichten kommen gut an.

Zur Hochform läuft Benjamin Tomkins dann mit seinen Puppen auf: Da ist „Der Fliege Hildegard“, mit der er eine absurd-komische Nummer über die Namen dreier Flaschengeister gestaltet. Oder „Henriette, die Schildkröte“, die schnell im Rechnen und Denken ist. „Kannst Du Spanisch?“, lässt er die Puppe fragen. „Ja.“ „Dann müsste ich es auch können…“, antwortet die Puppe nachdenklich.

Mal setzt er sich an den Flügel und singt über das Mädchen vom Tierschutzverein oder von der Erfindung des Geflügeldöners. Oder er interpretiert in großen Worten den Kinderreim „Hoppe hoppe Reiter“. Hier nimmt er dann auch zwei Rabenpuppen zur Hand – aber diese Viecher sprechen nicht, sie krächzen nur.

Tomkins mag es eben, die Erwartungen des Publikums zu brechen. Auch mit dem „Handschuhhasen Muckel“, der ein für einen Bauchredner schweres Handycap besitzt: Er hat keinen Mund! Mit Müh und Not führt er einen Handstand auf, um dann unsanft aus dem Programm entfernt zu werden. Dem mitleidig reagierenden Publikum ruft Tomkins genervt zu: „Es war nur eine Puppe!“ Begeistertes, rhythmisches Klatschen schlägt hier einem Pfannenfavoriten entgegen.

Martin Zingsheim - Foto PRPolitisch, nachdenklich, aber auch spaßig. So lässt sich der Auftritt von Martin Zingsheim zusammenfassen, der Auszüge aus seinem ersten Solo-Programm „Opus meins“ zeigt. Er spielt am Flügel, der Gitarre und am Synthesizer. Mit „Musik aus dem Bereich Mann über Bord – Frau überglücklich“ rechnet er mit seiner Ex-Freundin Carmen ab und kann ein Lied über eine prominente Regierungschefin singen, ohne sie selbst beim Namen zu nennen. Die viersätzige „Telefon-Sinfonie“ über die Entwicklung der mobilen Telefonie seit 2001 ist ein herrlicher Blödsinn.

Kritisch kann er sich mit den „Mittelaltermärkten“ auseinandersetzen, diesen Jahrmarktveranstaltungen, an denen nichts echt ist. Lediglich als Ziel einer Flucht aus der realen in eine Scheinwelt kann er sie akzeptieren. Martin Zingsheim ist bisweilen ein Freund langer Titel für kurze Nummern. In seinem Song „Afrika“ macht er das anders. Hier sammelt er zunächst aus dem Publikum Namen afrikanischer Staaten, um dann am Flügel mit einem Lied über die Schönheiten des Kontinents zu beginnen. Schnell geht das Stück auf die Schattenseiten ein: haarsträubende soziale Ungerechtigkeiten, Krieg und Gewalt. Letztlich gewinnen aber die touristischen Eindrücke die Oberhand und drücken das Negative in den Hintergrund. Bestehen bleibt es trotzdem.

Martin Zingsheim sagt, er habe seine Gitarre von einem Freund in Dresden gekauft. „Das war mein Beitrag zum Aufbau Ost. Jetzt spiele ich hier Gitarren-Soli.“ Ja, Hintergründiges ist sein Ding. Und er weiß: „Was für den Politiker die Lüge, ist für den Kabarettisten der FDP-Witz. Nicht schön, aber es bringt einen weiter.“ So, wie hoffentlich der begeisterte Applaus der Zuschauer.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Fotos: aus den PR-Bereichen von den Homepages der Künstler

Zum Programmüberblick 29. Wettbewerb um die Sankt Ingberter Pfannen 2013 HIER
Homepage Onkel Fisch – Homepage Benjamin Tomkins – Homepage Martin Zingsheim

Homepage Philipp Scharri – Homepage Sankt Ingbert

Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2012 / 2011 / 2010

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: