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Von Urknall bis Untergang – Kritik Vince Ebert

Vince Ebert - Foto Frank EidelVince Ebert: „Evolution“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Vince Ebert, der Physiker unter den Kabarettisten, bleibt seinem Image treu. In dunklem Anzug, mit Nerdbrille und Touchscreen präsentiert er sein neues Programm in den ausverkauften Berliner Wühlmäusen. „Evolution“ hatte im September in Frankfurt am Main Premiere.

Es ist ein unterhaltsamer Parfoceritt durch die Wissenschaften, den Ebert zusammengestellt hat. Vom Urknall über die Entwicklung des Lebens auf der Erde bis hin zur kulturellen Entwicklung des Menschen reicht das Spektrum seiner Themen. Kein Wunder, dass bei diesen großen Komplexen so etwas kurzlebiges wie aktuelle Politik keine Rolle spielt! Den ganzen Abend fallen nur drei Politikernamen, obwohl sich bei den „primitive Lebensformen“ doch so mancher Name angeboten hätte. Doch das ist Ebert zu billig und für den Erfolg des Abends überhaupt nicht nötig.

Auch hier fliegen die Milliarden und Millionen nur so durch den Saal. Allerdings sind es Jahre und nicht Währungseinheiten: Vor 13,8 Milliarden Jahren der Urknall, vor 65 Millionen Jahren der Meteoriteneinschlag, der das Leben auf der Erde so gründlich veränderte, dass sich letztlich der Mensch entwickeln konnte, der seit fast 2 Millionen Jahren den Planeten besiedelt. Ein trockener wissenschaftlicher Vortrag ist das aber nicht, dafür sorgen die hohe Gagdichte und Eberts Fähigkeit, komplizierte Vorgänge mit verblüffend einfachen Vergleichen zu erklären.

Schwarze Löcher vergleicht er mit dem Vatikan: „Es dringt keine Information nach draußen und drinnen ist die Zeit stehengeblieben.“ Und schon drei Minuten nach dem Urknall waren 98% der Materie entstanden: „Da kann der Typ mit seinen sechs Tagen aber einpacken!“ Man merkt deutlich, wie hier ein Wissenschaftler spricht. Mit dem Glauben hat es Ebert gar nicht und widerlegt religiöse genauso entschieden wie astrologische Glaubensansätze. Einen Gott braucht er nicht.

Er legt Darwins Evolutionstheorie dar und erklärt, wie der Mensch vor 150.000 Jahren Entscheidungen getroffen hat: Aus dem Bauch heraus. Da gab es „kein Meeting, kein Coaching, keine Mediation und keinen Telefon-Joker.“ Im Prinzip haben wir heute noch das gleiche Gehirn und deshalb sind „Logik und Rationalität nicht unsere Kernkompetenzen.“ Außer bei Physikern vielleicht.

Mit diesem Menschenschlag muss eben etwas anders umgegangen werden. Auch wenn es darum geht, einen Physiker zu heiraten. Auf köstliche Art legt er die romantische Ader des Physikers frei und verbreitet einen wissenschaftlich untermauerten Optimismus zum Leben, zum Ausprobieren und neugierig sein. Selbst auf den Tod und die Zeit danach hat „Evolution“ einen eigenen Blick, denn die 1028 Atome, aus denen eine Mensch besteht, existieren nach dessen Tod schließlich weiter. „Wenn wir sterben, sind wir nicht weg – wir sind nur einfach weniger geordnet! Wir brauchen keinen dreifaltigen Gott – die drei Sätze der Thermodynamik reichen völlig aus!“ Ein toller Gedanke beschließt einen tollen Abend.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Foto: Frank Eidel

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Kategorien:Kabarett, Kritik
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