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Ich bin schuld – Kolumne von HG.Butzko

HG Butzko - Kolumne - design c.wankaLiebe Freunde des politischen Kabaretts,
ich muss an dieser Stelle ein Geständnis ablegen. Auch wenn‘s schwer fällt, aber ich muss gestehen: Ich bin schuld. Ja, ich bin verantwortlich, und ich bedaure das zutiefst. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mit dieser schweren Last leben soll, denn ich bin schuld!

Worum geht‘s? Am 18. August 2011 war ich zu Gast in der Talk-Show-Sendung von Markus Lanz. Der Rowohlt-Verlag hatte mir diesen Auftritt vermittelt, und obwohl ich in der Sendung insgesamt keine zehn Minuten zu Wort kam, waren acht Tage später 6000 Exemplare meines Buches verkauft. So weit, so witzig.

Das Buch hat eine satirische Betrachtung des Wirtschaftswahnsinns zum Thema, und kam bei den Kapiteln „Banken und Eurokrise“ nach einigermaßen gewissenhafter Recherche stellenweise zu vergleichbaren Analysen, wie sie auch Sahra Wagenknecht vertritt. Wie gesagt: vergleichbare Analysen, nicht gleiche Lösungen. Doch über mein Werk sagte Markus Lanz damals, es sei für ihn „das schönste Buch zur Finanzkrise“. Und schon damals fragte ich mich: Wie kann das sein? Heute weiß ich: Weil ich nicht aussehe, wie „die schönste Linke aller Zeiten“.

Wer nun meint, dass Lanz das Kompliment für mein Buch seinerzeit halt nur so dahin geschwafelt hatte, dem sei gesagt, dass es vor jeder Sendung hinter der Bühne immer ein Vorgespräch gibt, und dass Lanz damals eindeutig wusste, was in dem Buch so geschrieben war. Zumindest über weite Passagen war er informiert, wahrscheinlich sogar über die, in der ich ihn wegen seiner Schleimerattitüde durch den Kakao gezogen hab. Und irgendetwas muss seitdem an ihm wohl genagt haben, dass er den Entschluss fasste, bei Banken-, Euro- und Kapitalismuskritischen Beiträgen ab sofort Schwiegermutters Liebling in der Garderobe zu lassen und den knallhart investigativen Talkmaster zu mimen. Und Sahra Wagenknecht hat‘s abbekommen. Ich bin schuld. Es tut mir leid. Vor allem in Anbetracht des Rattenschwanzes an Reaktionen und Reaktionärem, den das nach sich gezogen hat.

Ich mein, man muss die Linke-Politikerin ja nun wirklich nicht mögen. Und man muss auch gleich gar nicht mit ihr einer Meinung sein. Und wenn man als Gastgeber schon Leute zu sich in die Sendung einlädt, um mit ihnen zu talken, dann muss man das ja nicht auch wirklich tun. Also talken. Also reden UND zuhören. Wo kämen wir denn da hin?

Man kann ja stattdessen auch einen Schreiberling namens H.U. Jörges zu sich in die Sendung holen, der seinerseits in der Chefredaktion des „stern“ sitzt, also bei einer Illustrierten, in der Lanz sich kurz zuvor seitenlang über seine Kritiker ausheulen durfte, und zwar ohne dass Jörges ihm dabei unbequeme Zwischenfragen stellte. Das Wort „Stuss“ ist in diesem Artikel von ihm jedenfalls nicht gefallen. Dafür aber in besagter Talkshow gegenüber Sarah Wagenknecht.

Ich habe die Sendung übrigens in dem Moment gesehen, als sie im ZDF lief, also sozusagen live und nicht später als Konserve, also auch ohne die danach einsetzende skandalisierte Berichterstattung bereits zu kennen. Ich war sozusagen unvoreingenommen bei der Erstausstrahlung der Aufzeichnung im Fernsehsessel dabei. Und der unvoreingenommene Ersteindruck dessen, was Lanz und Jörges einer Frau gegenüber abgeliefert haben, ließ jedenfalls reflexartig die Frage aufkommen, wann wohl Alice Schwarzer sich dazu äußern würde. Antwort: Bis heute nicht mit einer Silbe. Es gibt anscheinend eben doch einen Unterscheid zwischen Straßen- und Medienstrich. Vor allem, dass auf letzterem Alice Schwarzer sich selber als eine veritable Edel-Domina bestens zu prostituieren versteht.

Außerdem muss ich an dieser Stelle mal hinzufügen, dass ich es im Grunde geradezu wohltuend finde, wenn Politiker von Fernsehjournalisten daran gehindert werden, einer Frage auszuweichen und den Phrasenmodus anzuwerfen. Dass Marietta Slomka z. B. angesichts der Abstimmung der SPD-Basis letzten Dezember einen Prachtochsen wie Sigmar Gabriel genüsslich gegrillt hat, war mir ein nicht zu verhehlendes kabarettistisch-kulinarisches Vergnügen. Und wie gerne hätte ich es vor Jahren auch gesehen, dass der Talkmaster Michel Friedmann den CDU-Politiker Michel Friedmann zu den Themen „Kokain und Zwangsprostitution“ befragt hätte. Am besten im Verbund mit Alice Schwarzer. Ein Wunsch, der bis heute unerfüllt blieb.

Im Fall von Lanz und Jörges aber roch es nicht nur sofort, sondern auch so dermaßen eindeutig nach Absprache, dass ich es schon ein wenig bedauere, bei diesem Vorgespräch hinter der Bühne nicht dabei gewesen zu sein. Denn unsere beiden Alpha-Journalisten müssen sich anscheinend so pubertär an ihrer Kumpanei berauscht haben, dass sie sich beiderseitig ein klein wenig in die Übertreibung trieben und Sahra Wagenknecht durch ihre Zwischenfragen weniger am Schwafeln, als vielmehr am Antworten gehindert haben. Und sowas gibt natürlich nicht nur Abzüge in der B-Note, sondern auch den umgehenden Shitstorm im Internet. Ihr wisst schon, diese Mobbingmeute von Netz-Junkies, die den mittelalterlichen Pranger aufleben lässt, um die moderne Form des Scheiterhaufens wieder einzuführen. Sagte jedenfalls Hajo Schumacher. Oder Jörg Thadeusz. Oder war‘s Dieter Nuhr?

Warum es bei diesen vehementen Empörungsergüssen übrigens nur den taffen ZDF-Talker traf und nicht H.U. Jörges, ist eine Frage, die bei allen Verteidigungsplädoyers und Lanzenbrechern gerne dezent ausgeblendet wird. Vielleicht könnte es nämlich weniger mit den beiden handelnden Testosteronbombern zu tun gehabt haben, als vielmehr mit den Medien, in denen sie ihre selbstverliebte Gockelei abfeiern dürfen.

Während die Super-Illu „stern“ einem nämlich gepflegt am Arsch vorbei gehen kann, weil man da immerhin noch eine Wahl hat, ob man Geld dafür ausgeben möchte, Jörges‘ staatstragende Anbiederung ertragen zu wollen oder nicht, verhält es sich bei Markus Lanz ein klitzekleines bisschen anders, denn der tritt im ZDF auf, und das ist zwar einerseits immer noch ein öffentlich-rechtlicher Sender, der einen Aufklärungs- und Bildungsauftrag hat, andererseits aber auch ein gebührenfinanziertes Modell, das einem keine Wahl mehr lässt, sondern jeden zwingt, dafür zu latzen.

Was H.U. Jörges betrifft, kann man es jedenfalls vorziehen, lieber Kopfläuse, Sackratten, Hämorrhoiden und eine Dauerkarte von Borussia Dortmund zu bekommen, als das Geschreibsel dieser pseudokritischen Flachpfeife lesen zu müssen. Was aber Markus Lanz betrifft, so scheinen die Unterzeichner dieser berühmten Petition „Raus mit Markus Lanz aus meiner Fernsehgebühr“ eines nicht verstanden zu haben:

Selbstverständlich ist es erste Bürgerpflicht, Geld zu zahlen, um sich im Fernsehen angucken zu dürfen, wie in Zeiten einer alles erdrückenden großen Koalition Vertreter der Opposition mundtot gemacht werden. Und wer das nicht kapiert, hat die Aufgabe der Presse, also der vierten Staatsgewalt in einer Demokratie nicht richtig begriffen. Und deshalb hier jetzt noch einmal für alle:

Wenn in unserem System etwas nicht in Ordnung sein sollte, dann werden sich Angela Merkel oder Joachim Gauck schon zu Wort melden. Ganz sicher. Oder Hajo Schumacher, oder Jörg Thadeusz oder Dieter Nuhr. Da kann man einfach auch mal vertrauen. Da muss man nicht noch rumkrakeelen und Petitionen unterschreiben.
Da kann man einfach auch mal die Fresse halten und Ruhe bewahren.

Und dass sich da nicht alle dran gehalten haben, das ist, nach Ansicht des zeitlichen Hergangs, also offensichtlich ganz allein meine Schuld. Ich bin verantwortlich, und ich bedaure das zutiefst. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mit dieser schweren Last leben soll. Ich hoffe, ich kann das durch Fleiß und Arbeit und dem Dienst an unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung wieder gut machen. Einmal bereit! Immer bereit! So wahr mir Lanz helfe!

Wer sich dennoch nicht davon abhalten lässt, jetzt erst recht diese Petition unterzeichnen und verbreiten zu wollen, kann das HIER tun. Ich schäme mich aber für jeden einzelnen, der das macht. Dass Ihr’s wisst!

In diesem Sinne wünsche ich uns:
LOVE & PEACE & EGGS TO SEA
von Herzen herzlichst Euer
Herz-Günter Butzko

© 2014 HG.Butzko/ BonMoT-Berlin

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Kategorien:Kabarett, Schräges
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