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„MENSCHENsKIND“ – Dagmar Manzel singt Friedrich Hollaender

MENSCHENsKINDvon Axel Schock

BERLIN – Nun also Friedrich Hollaender. Die Theater- und Filmschauspielerin Dagmar Manzel bleibt in ihrer neuen Karriere als Diseuse dem Komponistenporträt treu.

Ihr erstes Soloprogramm mit begleitender CD hatte sie Werner Heymann gewidmet. Daran nun eine Auswahl an Hollaender-Kompositionen anzuschließen, ist Wagnis und sichere Bank zugleich.

Die ursprünglich für Film, Revue und Kabarett geschriebenen Chansons sind Evergreens und bestens bekannte Hits einerseits, andererseits aber muss jeder Interpret, jede Interpretin sich dem Vergleich mit den Vorgängern stellen. Und derer sind viele, vor allem aber auch sehr viele großartige. Ohne es zu wollen, hat man deren Versionen im Ohr, etwa wie die Dietrich neckisch-schnippisch im „Blauen Engel“ singt oder Georgette Dee sehnsuchtsvoll „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ seufzt.

Beim ersten Durchhören von Manzels Hollaender-Album „MENSCHENsKIND“ stellt sich nach dem siebten, achten Lied dann für kurze Zeit etwas Ernüchterung ein. Ob mit der puristischen und doch sehr einfühlsamen Flügelbegleitung von Michael Abramovich oder mit der satten, süffigen Orchestrierung von Joachim Schmeißers, dargeboten vom 23-köpfigen Orchester der Komischen Oper – man vermisst bei Dagmar Manzel ein wenig den eigenen Ton, die griffige, schnell zupackende Interpretation.

Andere haben die Nonsens-Chansons Hollaenders definitiv schriller gesungen und beispielsweise die „Hysterische Ziege“ exzentrischer und greller gezeichnet.
Umso erstaunlicher, wie sich die Wahrnehmung dann beim Live-Konzert entscheidend verschiebt. Die Premiere, zugleich Auftakt einer großen Tour, fand selbstverständlich auch in der Komischen Oper statt. Hier hat das langjährige Ensemblemitglied des Deutschen Theaters eine neue künstlerische Heimat gefunden und wurde vom Intendanten und Regisseur Barrie Kosky konsequent zur neuen Hausdiva ausgebaut, unter anderem in seiner furiosen Inszenierung von „Kiss me, Kate“, als Wirtin im „Weißen Rössel“, mit Brecht/Weills „Sieben Todsünden“ und zuletzt in der wiederentdeckten Berlin-Operette „Ball im Savoy“ von Paul Abraham.

Zugegeben, Manzel ist keine großartige Sängerin im klassischen Sinne. Der Stimmumfang ist begrenzt, in den Höhen wirkt ihre Kopfstimme etwas flach und das Volumen durchaus begrenzt. Aber Dagmar Manzel ist nun mal zuvörderst Schauspielerin, und zwar eine großartige. Pointen setzen, die Mimik und Gesten fein auszutarieren, den Bühnenraum zu ergreifen ohne sich in die Niederungen der klassischen Rampensau zu begeben – Dagmar Manzel beherrscht ihr nicht zu gering zu schätzendes Handwerk souverän und liefert damit beim Konzert das entscheidende Extra, das man auf der CD nun mal leider nicht sehen kann. Das wuchtige Pathos, die große Geste, der schenkelklopfende Witz, mit man Hollaender-Lieder schon präsentiert bekommen hat – all das ist ihre Sache nicht. Manzel stapelt tief, bleibt dezent, bisweilen fast distanziert.

Ihre „Kleptomanin“ etwa ist eine abgeklärte, sehr gegenwärtige Figur, die von ihrer speziellen psychischen Befindlichkeit in geradezu blasiertem Ton berichtet. Bei „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ hörten wir bislang meist Frauen, die sich mit großem Gefühl der Wirklichkeit beugten, nicht für die Monogamie geschaffen zu sein. Dagmar Manzel genügen ein paar wegwerfende Bewegungen locker aus dem Handgelenk, um daraus eine toughe, mitten im Leben stehende Frau zu machen, die sich nimmt, was sie will und braucht – ganz selbstverständlich, ohne Reue und ohne Scham, allenfalls ein bisschen egoistisch.

Und dann ist da noch der Zyklus, der nicht von ungefähr einen großen Teil dieses Programms ausmacht, die „Lieder eines armen Mädchens“. Friedrich Hollaender hatte sie einst für seine Gattin Blandine Ebinger geschrieben. Deren letzter Ehemann Helwig Hassenpflug hat Manzel einen schwarzen Federfächer geschenkt, den sie nun ein Lied lang zum Einsatz bringt. Diese Devotionalie ist durchaus ein anrührendes Moment, und zumindest bei diesem „Liederzyklus“ sind sich die 1993 verstorbenen Chansondiva und Dagmar Manzel tatsächlich sehr nahe. Manzels helle, kindhafte Stimme bekommt hier auch immer etwas Gebrochenes, wie sie auch – zwar auf ganz andere, aber vergleichbare Weise – Blandine Ebinger zu eigen war.

Wie geschaffen für diese traurigen, schwarzhumorigen und poetischen, aber niemals sentimentalen Moritaten vom Leben, Sehnen, Leiden und Sterben in den Berliner Elendsvierteln der Zwanziger Jahre.

Diese Lieder erzählen von bettelnden Kindern, minderjährigen Prostituierten und Müttern, vom Verhungern und Vegetieren. Weil sie so naiv und unschuldig aus Kindermund zu stammen scheinen, schmerzen und berühren sie umso mehr. Manzel besingt dieses Grauen mit einem Lächeln und jagt einem damit einen leisen Schauer über den Rücken.

© 2014 BonMoT-Berlin
Pressefoto: © Philip Glaser/ DG

Dagmar Manzel „ MENSCHENsKIND“ (Deutsche Grammophon)
Weitere Vorstellungen in der Komischen Oper Berlin am 28. Februar, 19. März und 2. Mai, jeweils 20 Uhr.

Homepage Dagmar Manzel mit allen Tourneeterminen – Homepage Komische Oper

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