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Kabady und Comerett – Kritik Fatih Çevikkollu

FatihtagFatih Çevikkollu: „Fatihtag“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Der Kölner Kabarettist Fatih Çevikkollu macht mit seinem vierten Programm „Fatihtag“ für eineinhalb Wochen Station in der Tempelhofer ufaFabrik. In extravaganter Fußbekleidung und mit breitem Grinsen legt er seine Weltsicht dar.

Einen knallroten Anzug ergänzt Fatih Çevikkollu um knallrote Birkenstock-Sandalen. Barfuß steht er in ihnen und sagt zum Publikum: „Ich lad‘ dich zum Leben ein.“ Das macht er den ganzen Abend so, in diesem Aufzug und in der zweiten Person Singular. Eigenwillig ist das, und es passt zu einem eigenwilligen Künstler.

Mit seinen türkischen Eltern aufgewachsen, ist er längst Deutscher geworden. Aber er spürt, dass er noch nicht in der deutschen Gesellschaft angekommen ist. Genauer: dass die deutsche Gesellschaft ihn nicht ankommen lassen will. Am Telefon, erzählt er, sei eine Wohnung so lange zu haben, wie er seinen türkischen Namen nicht genannt hat. Dann sei sie auf wundersame Weise vergeben. Oder die zweisprachige Erziehung seiner Tochter. Mit Deutsch und Türkisch soll das Kind aufwachsen, doch das Türkische steht auf der „Sprachmarktskala“ viel weiter unten als Englisch oder Französisch.

Er reflektiert die seit zwanzig Jahren in Deutschland stattfindenden Religionsdebatten, vom Kruzifix über das Kopftuch im öffentlichen Dienst bis zur Beschneidung. Hoppla, bei der Beschneidungsdebatte waren ja nicht nur Muslime, sondern auch Juden betroffen! Also fordert Çevikkollu konsequent den Friedensnobelpreis für die Vorhaut, denn: „Durch die Vorhaut sind Juden und Moslems zusammengekommen!“

Fatih Çevikkollu sagt, Integration interessiere ihn nicht – Identität sei, was zähle! Das ist so einer von den vielen Sätzen, über die man nachdenken kann. Andere sind: „Wir leben in einer Zeit, in der Gegenstände geliebt und Menschen benutzt werden.“ Aua! Oder: „Von innen sieht das Hamsterrad aus wie die Karriereleiter!“ Und auch: „Zehn Jahre NSU ist jetzt zwanzig Jahre nach Solingen!“ Solche Denkbremsen verteilt er über den ganzen Abend. Unbequem ist das, weil es der häufig geäußerten Ansicht widerspricht, dass wir Kabarettbesucher ja per se die besseren Menschen sind.

Çevikkollus Identität ist im Zweifelsfall die des Kölners, bisweilen auch der rheinischen Frohnatur. Ist er vor der Pause überzeugt: „Wir Deutschen sind weltweit beliebt“, vertritt er nach der Pause die These: „Wir Türken essen in ganz Deutschland den Döner umsonst.“ Beides ist nicht ernst gemeint, spiegelt jedoch die Zerrissenheit des Künstlers.

Doch Çevikkollu beschränkt sich in „Fatihtag“ nicht auf ausländerspezifische Themen. Integrationskabarett ist es trotzdem, denn der Künstler integriert sich in das Publikum. „Kennst du ja“ und „Weißt du doch“ sind oft gebrauchte Floskeln, wenn er sich der Bundespolitik zuwendet oder das „ganzheitliche Denken“ der Daimler AG erklärt. Die verdient ihr Geld nicht nur mit Kraftwagen, sondern auch mit Minen, Minensuchgeräten und Prothesen. Den belehrenden Zeigefinger erhebt Çevikkollu dabei nicht, er lässt das Publikum an den eigenen Erkenntnissen teilhaben.

Auch hat er seine drei Paraderollen, die er genüsslich ausspielt. Da ist der Kölsche Besitzer eines Häuserblocks, der sich an seinen Mietern auf menschenverachtende Weise erfreut. Die beziehen zwar alle Hartz IV, zahlen aber die Miete pünktlich. Oder der indische Yoga-Lehrer, der eine perfekte Symbiose aus Geld und Geist darstellt. Und sein Freund João aus Brasilien, der sich ein Schwein als Haustier hält, weil er dann sagen kann: „Das ist die São Paulo!“

In „Fatihtag“ mischt Fatih Çevikkollu Elemente des Kabaretts mit Elementen der Comedy. Seine Perspektive als Herzens-Türke und Pass-Deutscher ist ungewöhnlich, manchmal unbequem, aber auf jeden Fall sehenswert.

© 2014 BonMot-Berlin Ltd.
Foto Fatih Çevikkollu: PR © Stephan Pick

Fatih Çevikkollu spielt im Varieté Salon der ufaFabrik in Berlin-Tempelhof noch bis Samstag, 15. Februar, und von Dienstag, 18. Februar, bis Samstag, 22. Februar, jeweils um 20 Uhr sein Programm „Fatihtag“.

Am Sonntag, 23. Februar, zeigt er um 19 Uhr (!!!) sein türkischsprachiges Programm „Görüntü Hanzo Sistem Hans“.

Homepage Fatih Çevikkollu mit allen weiteren Tourterminen – Homepage ufaFabrik

Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik

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