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Tunten, Trash und Tränen – Premierenkritik

Les Cagelles 01 - Foto © Adrienne GerhäuserDie Bar jeder Vernunft verwandelt sich für „La Cage aux Folles“ – „Ein Käfig voller Narren“ zum Broadway en miniature

von Axel Schock

BERLIN – Oberammergau hat seine Passionsspiele, Berlin die Bar jeder Vernunft. Auch da gibt’s im Zehn-Jahres-Rhythmus eine neue, ganz große Show jenseits des klassischen Programms aus Kabarett, Chanson und Entertainment.

Das „Weiße Rössl“ von 1994 (unter anderem mit Max Raabe, den Geschwistern Pfister und Otto Sander) ist längst Operettenlegende. Vincent Paterson‘s Kammerversion des Musicals „Cabaret“ (2004) wurde wegen des immensen Erfolges mehrfach wieder aufgenommen und zog konsequenterweise ins große Schwesterhaus, das Tipi am Kanzleramt.


Das Rätselraten um die Nachfolgeproduktion hatte da unter den Fans des Berliner Theaters längst begonnen. Gesucht war ein musikalisches Bühnenstück, für das sich Connaisseurs und Bustouristen gleichermaßen begeistern können, das sich gegen best ausgestattete Staatstheater und kommerzielle Musicalbühnen behaupten und – große Herausforderung! – in der besonderen räumlichen Situation des historischen Spiegelzeltes funktionieren kann.

„Unser Sohn will heiraten - eine Frau! Was haben wir nur falsch gemacht?“ Peter Rühring und Hannes Fischer als Georges und Albin mit Fausto Israel als Butler Jacob (Foto: Adrienne Gerhäuser)

„Unser Sohn will heiraten – eine Frau! Was haben wir nur falsch gemacht?“ Peter Rühring und Hannes Fischer als Georges und Albin mit Fausto Israel als Butler Jacob (Foto: Adrienne Gerhäuser)

Die Wahl fiel, zu manch eines Überraschung, auf „La Cage aux Folles“. Für alle Nachgeborenen, Nicht-Berliner und durchschnittliche Musical-Konsumenten: Die Travestiekomödie war zunächst ein französischer Theatererfolg und 1983 von Jerry Hermann und Harvey Fierstein zu einem phänomenalen Broadway-Musical erhoben worden.

Helmut Baumann, seinerzeit Intendant des damals noch nicht der Stage Entertainment-Musical-Industrie einverleibten Theater des Westens, ebnete mit seiner deutschsprachigen Erstaufführung dieses „Käfigs voller Narren“ den Weg des bis dahin in Deutschland eher schmählich gepflegten Genres.

Doch ob diese Geschichte um einen Travestieclub in Saint-Tropez auch heute noch funktionieren kann? Sind Federboa-Fummel-Shows nicht ein aussterbender Zweig der Unterhaltungskultur, dessen frivole Witzchen allenfalls noch ein betagtes Publikum zu einem errötenden Lachen bringen kann?

Hausherr Holger Klotzbach wischt solche Fragen schon in der Begrüßung seiner Premierengäste vom Tisch. Die politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit verschaffen dem Stück unerwartete Aktualität: In Russland etwa wurde die Homosexuellendiskriminierung Gesetz, in Uganda droht Schwulen und Lesben nunmehr lebenslange Gefängnisstrafe und in Baden-Württemberg wehren sich konservative Massen mit Petitionen gegen die Thematisierung alternativen Lebensformen im Schulunterricht.

Wären da noch die besonderen An- und Herausforderungen, die das eigentlich für große Häuser mit sattem Orchester im Graben, technischem Fuhrpark im Bühnenboden und vielköpfigem Ensemble gedachte Musical an ein Etablissement wie die Bar jeder Vernunft stellt.

Das kann nur schief gehen: Der konservative Politiker Edouard Dindon hat sich vorgenommen, die Côte d’Azur moralisch-sittlich zu säubern. Und jetzt soll Töchterchen Anne in dieses Irrenhaus hinein heiraten? Romanus Fuhrmann, Jaqueline Macauley, Nell Pietrzyk und Sebastian Stert. (Foto: Adrienne Gerhäuser)

Das kann nur schief gehen: Der konservative Politiker Edouard Dindon hat sich vorgenommen, die Côte d’Azur moralisch-sittlich zu säubern. Und jetzt soll Töchterchen Anne in dieses Irrenhaus hinein heiraten? Romanus Fuhrmann, Jaqueline Macauley, Nell Pietrzyk und Sebastian Stert. (Foto: Adrienne Gerhäuser)

Lutz Deisinger, wie schon in den genannten Vorgängerproduktionen auch hier wieder künstlerischer Leiter, hat mit seinem Team für jede dieser Herausforderungen originäre Lösungen gefunden.

Johannes Roloff, der ansonsten bei den Geschwistern Pfister für‘s Musikalische zuständig ist, hat Jerry Hermans schmissige Orchesterkompositionen für seine Fünf-Mann-Band zu einen Hammond-
orgellastigen Retrosound umarrangiert.

Ausstatter Friedrich Eggert hat das Nahe-
liegende getan: Er macht die Bar jeder Vernunft selbst zum titelgebenden Travestieclub, das Spielgeschehen drängt immer wieder von der Bühne hinunter in den Zuschauerraum hinein. Die Holzpfeiler des Zeltdachs sind nun zu goldfarbenen Palmenstämmen mutiert, auf der Bühne stützen zwei wohlgeformte antikisierende Männertorsi das Gebälk, deren erigierte Gemächte sorgen für das entscheidende Extra an Verruchtheit, Campness und angestaubter Frivolität.

Hakan T. Aslan, Vanni Viscusi, Christoph Jonas und Andreas Renee Swoboda beweisen, dass auch mit lediglich vier mal zwei in die Höhe fliegenden Beinen eine Girlreihe zu zaubern ist und man auch in kleinerer Besetzung eine große Lido-taugliche Show zu entfachen vermag. (Choreografie Otto Pichler).

Wird in der fulminanten Eingangsnummer mit ordentlich viel Federpuscheln noch dem erotischen Charme vergangener Travestie-Jahrzehnte gehuldigt, verschiebt sich das von Falk Bauer kreierte Kostümspektrum alsbald hin zu einer opulenten Melange aus Kreuzberger Tuntentrash, S/M-Keller und futuristischen Designexplosionen from outer space.

Georges und Zaza – Foto © Sandra BasenachIrritierend war anfangs lediglich die Besetzung der Hauptfiguren, Peter Rühring als Chef und Conférencier des „La Cage aux Folles“ und Hannes Fischer als dessen Lebengefährte und betagter Travestiestar Albin alias Zaza. Anders als dereinst Helmut Baumann können die beiden reifen, 66 und 71 Jahre alten Männer nicht auf Musicalerfahrung zurückgreifen und stimmlich nicht unbedingt vom Hocker reißen.

Dass Zaza eine Grande Dame und Legende des Cabarets sein soll, bleibt deshalb zunächst nur Behauptung. Aber spätestens zur Pause spielt dies alles keine Rolle mehr.

Denn unter Bernd Mottls Regie haben sie ihr Publikum auf ganz andere Weise für sich gewinnen können: als ein auch nach 30 gemeinsamen Jahren noch in tiefer Liebe verbundenes Männerpaar, das trotzig, stolz und gegen alle Konventionen (neudeutsch: heteronormative Geschlechterrollen) seinen eigenen Weg gefunden hat. Dazu gehört, dass sie gemeinsam Jean-Michel (Sebastian Stert), die Frucht eines einmaligen Fehltritts von Georges, aufgezogen haben. Dass der nun ausgerechnet die Tochter eines erzkonservativen, homosexuellenfeindlichen Politikers und selbsternannten Saubermanns (Romanus Fuhrmann) heiraten will, lässt die Situation komödiengerecht eskalieren.

Hannes Fischer hat man da sowohl als Zaza als auch als Albin längst ins Herz geschlossen, ihn als zickige Diva belacht, als zu Recht gekränkte Ersatzmutter bemitleidet und in der heroischen Matronenhaftigkeit bewundert. Und als Zuschauer hat man das gute Gefühl, sich auf hohem künstlerischen Niveau mit immer noch gut funktionierenden Pointen einer fantasievollen, glamourösen und einfallsreichen Inszenierung bestens amüsiert zu haben.

Die nächsten zehn Jahre also wird in der Bar jeder Vernunft wochen- und monatsweise immer wieder der Flitter fliegen, beziehungsweise die Produktion sicherlich in absehbarer Zeit ins Tipi umziehen.

© 2014 BonMoT-Berlin
Fotos: © Adrienne Gerhäuser(1,2,3), Sandra Basenach(4) und XAMAX(5)

Noch bis zum 31. Mai 2014 täglich außer montags (mit wenigen Ausnahmen)
um 20 Uhr, sonntags 19 Uhr
in der Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, 10719 Berlin-Wilmersdorf

Karten: Euro 49,50 – 79,50
Reservierung unter Telefon 030-883 15 82
oder direkt auf der Homepage der Bar jeder Vernunft

 
Foto © XAMAX

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