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Empört Euch! – Kritik Serdar Somuncu

Serdar Somuncu: „Hassprediger Reloaded“

Großer Bahnhof am Anhalter Bahnhof in Berlin! Serdar Somuncu hat den großen Saal des Tempodroms reserviert, um sein Programm „Hassprediger Reloaded – Hassias HimmelFahrt. Die finale Odienz“ zu präsentieren. Mehr als 2.500 Gäste waren im Tempodrom. Einer von ihnen war unser Kritiker. Und der hat den Saal überrascht verlassen.

Serdar Somuncu 01 – Foto © d2m_berlinvon Gilles Chevalier

BERLIN – Es hat schon vor der Veranstaltung misstrauisch gemacht, dieses Schild mit der Aufschrift: „Die Veranstaltung wird ohne Pause gespielt!“ Und dann sagt Serdar Somuncu auch noch, dass die Show zweieinhalb Stunden dauern wird. Ganz allein bespielt er die große Bühne, hat keinen Chor, keine Tanzgruppe und keine Requisiten dabei. Nur das Wort, das er gewaltig gegen das Publikum einsetzt.

Ja, auch gegen das Publikum, wenn es hereinruft. „Lauter“, will es einer haben, dieses Wort das zu Somuncu nur in Kaskaden herabstürzt. Doch er ist der König des Abends, hat die Lautsprecheranlage auf seiner Seite. Er zeigt dem Hereinrufer, wo der Hammer hängt und macht sich über ihn lustig. „Ich bin Gott und Prophet in einer Person und ihr seid alle Schläfer!“, erklärt er seine Religion, den Hassismus. Und den vertritt er ordentlich.

Er hetzt in bösen Worten gegen einige Prominente, gegen Homosexuelle und Veganer. Aus aktuellem Anlass bieten sich noch die Russen an. Diese und andere Gruppen belegt er mit einer „flächendeckenden Beleidigung“. Einzelne zustimmende Zwischenrufe bestärken ihn. Das Beleidigen nimmt er sich heraus, weil er „Künstler ist.“ Auch Alice Schwarzer, die wegen hinterzogener Steuern erhebliche Einbußen in ihrer moralischen Vorbildfunktion erlitten hat, gerät in sein Fadenkreuz. Somuncu dazu: „Ich hoffe, dass Jörg Kachelmann über ihren Prozess in der ‚Bild‘ berichtet!“

Und ja, er findet auch allerlei derbe und vulgäre Bezeichnungen für die Geschlechtsteile und benennt ihre Einsatzmöglichkeiten im besten Gossen-Slang. Das erwartet man ja auch von ihm, das will das Publikum um die dreißig hören. „Hitler ist mein Vorbild“, erklärt er. „Der war viel konsequenter als die, die ihn heute nachäffen!“ Wie ein Sarazin stößt er hervor: „Ich sage das, was ihr euch nicht zu denken traut!“ Das ist der Höhepunkt eines aggressiven Vortrags, der vom Publikum ruhig hingenommen wird.

Serdar Somuncu 02 – Foto © d2m_berlinDoch jetzt fängt Serdar Somuncu an zu träumen. Er wünscht sich eine andere Gesellschaft, voll Gleichheit, Empathie und Toleranz.

In seiner Predigt erklärt er: „Ich muss ein besserer Nazi sein als der Nazi, damit der Nazi keine Lust mehr hat, Nazi zu sein!“ Fraglich, wie viele Nazis diesen Teil seines Programms registrieren. Ob der bei Youtube wohl genauso oft angesehen wird, wie seine Tiraden gegen alle möglichen Randgruppen?

„Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“, führt er aus und träumt weiter. „Werdet empfindsam und unregierbar“, fordert er die Zuschauer auf, die atemlos an seinen Lippen hängen.

Die Zwischenrufe haben inzwischen zugenommen, ein Punker-Mädchen auf dem Rang tut sich besonders hervor. Somuncu geht durch die Reihen, spricht über die Markenkleidung einzelner Zuschauer und trifft einen Schweizer im Publikum. „Wollen wir ihn ausschaffen?“, fragt er mit Blick auf das kürzlich stattgefundene Referendum. Zustimmung im Publikum, zwar nicht wie im Hexenkessel, aber Zustimmung. Und da hat er seine Gäste ertappt. Fragt später, warum niemand „Nein“ gesagt hat. Oder gerufen hat: „Die gehört zu uns, lass sie in Ruhe!“ Ja, warum hat das niemand gerufen?

Vielleicht, weil Somuncus Gesellschaftsideal noch immer ein Traum ist. „Nur der Wahnsinn führt zur Wahrheit“, sagt er auf dem Weg zurück zur Bühne. Er äußert, dass ihn die Zwischenrufer allmählich nerven, greift sich seine akustische Gitarre und spielt „Purple Rain“ von Prince. Er lässt das Licht erlöschen, legt sich auf die Bühne, die Beine hängen über den Bühnenrand. Dann legt Somuncu das Mikrofon weg und spricht ein paar kaum verständliche Sätze in die ersten Reihen. Er greift wieder nach dem Mikrofon, verabschiedet sich und geht ab.

Eindreiviertel Stunden hat sein Auftritt gedauert. Zögernd setzt der Applaus ein. Unsicher, was jetzt noch kommt. Einige Gäste applaudieren stehend, aber tosend wird das Klatschen nicht. Serdar Somuncu kommt nicht mehr auf die Bühne. Ruhig und seltsam berührt verlassen die Zuschauer den Saal. Empfindsam war das Publikum auf einmal – und unregierbar. Die Revolution hatte ihren Führer gefressen.

© 2014 BonMot-Berlin
Fotos: © d2m Berlin

Serdar Somuncu ist noch bis zum 1. April 2014 mit seinem Programm „Hassprediger Reoaded – Hassias HimmelFahrt. Die finale Odienz“ auf Tournee in Deutschland.
Alle Termine HIER

Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik
  1. Alfred König
    14. März 2014 um 12:27

    War 13.3.in Frankfurt bei Serdar. Note 1 ! Um mich herum auch viele Frauen, eine Inderin, zwei Damen im Kopftuch u.s.w. Alle, inkl. wir Deutschen wurden von Serdar beleidigt, aber er spielt diese Rolle doch nur!!! Und das hat das Publikum auch verstanden, im Gegensatz zur oben beschrieben Situation in Berlin. Oder wurde da etwas anders berichtet?. Nach dem Auftritt frenetischer Beifall ( lediglich ein junger Mann vor mir klatschte unsicher und verhalten ), standing ovations und Serdar kam 2 x zurück um sich zu bedanken. JEDERZEIT WIEDER: Danke Serdar..

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