Startseite > Kabarett, Kritik, Premiere > Bibelfest, selbstzufrieden – Pemierenkritik Oliver Polak

Bibelfest, selbstzufrieden – Pemierenkritik Oliver Polak

Oliver Polak - Foto Daniel JosefsohnOliver Polak lotet mit „Krankes Schwein“ die Grenzen des guten Geschmacks aus

von Gilles Chevalier

BERLIN – Oliver Polak spielt sein neues Programm „Krankes Schwein“ in den Berliner Wühlmäusen. Der Clou dabei: Von ihm ist zunächst nichts zu sehen, denn die ersten zwanzig Minuten des Abends gestaltet David Deery in englischer Sprache. Das ist genauso ungewöhnlich wie der Rest des Abends.

David Deery stammt aus den USA und hat deshalb einen ganz besonderen Blick auf Deutschland und die Deutschen. Solch komische Wörter wie „Mitfahrgelegenheit“ und „Reißverschlusssystem“ gibt es im Englischen nicht. Sie sind auch nicht übersetzbar, sagt er. Sie helfen jedoch, den Deutschen zu charakterisieren: als Regelversessenen. „Käse mit dem Brotmesser schneiden, bringt jeden Deutschen um den Verstand“, sagt Deery.

Schadenfroh sind sie obendrein, die Deutschen! Das kann man in jedem Supermarkt beobachten, wenn eine zusätzliche Kasse geöffnet wird. Da ist die Zivilisation ganz fix beiseite geschoben, nur um schneller als der Mitwartende die Waren auf das Band legen zu können. Ethno Stand up vom feinsten. Wir wissen jetzt: Unflexibel, besserwisserisch, gemein / So können nur die Deutschen sein. Dann schließt sich der Vorhang und das Saallicht geht an. Nach zwanzig Minuten ist schon Pause!

Langsam schleicht sich Angst vor dem weiteren Verlauf der Veranstaltung ein. Davis Deery hat die Anwesenden praktisch sturmreif geschossen, sie auf all das Negative in ihrem Wesen mit der Nase gestoßen. Wird Oliver Polak in die gleiche Kerbe hauen? Doch all diese Befürchtungen sind unbegründet, denn Polak thematisiert eine biblische Geschichte.

Im 38. Kapitel der Genesis wird von einem Mann berichtet, der die Witwe seines verstorbenen Bruders heiratet. Das Gesetz verpflichtet ihn, mit der Witwe Kinder zu bekommen. Doch der Mann weigert sich, lässt seinen Samen auf die Erde fallen und wird dafür bestraft. In der Bibel heißt der Mann Onan, der bei Oliver Polak nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Ja klar, Oliver Polak will provozieren und die Grenzen des guten Geschmacks zeigen - Foto Daniel Josefsohn

Ja klar, Oliver Polak will provozieren und die Grenzen des guten Geschmacks zeigen – Foto Daniel Josefsohn

Denn das Onanieren und alle damit verbundenen Probleme sind das vordergründige Thema des Abends.

Wie ist es, wenn Polak von seiner Katze beim Wichsen beobachtet wird? Oder wenn kurz vor dem entscheidenden Moment der Erlösung sich vor dem geistigen Auge des Erregten das Bild der skeptisch dreinblickenden Mutter aufbaut? Ein Kleenex hilft in jedem Fall – und sei es gegen die feuchten Hände beim Fremdschämen.

Es ist ein Machtspiel. Polak hält die Zuschauer mit seinem Selbstbefriedigungs-
thema in Schach. Ein Ausweichen ist nicht möglich, einzig die Flucht bleibt. Daran erinnern sich nach einer guten halben Stunde die Ersten und ziehen von dannen.

„Ich wäre gern weniger egoistisch, aber was hätte ich davon?“, fragt Polak. Er hat eine hohe Gag-Dichte, auch wenn er nicht mit den Fingern an sich selbst spielt: „Ich liebe Pantomimen. Ich gebe ihnen in der Fußgängerzone immer Geld – also pantomimisch.“

Er ist politisch unkorrekt, mag gerne gegen Asiaten und Schwarze hetzen. „Mir ist egal, ob ihr denkt, ich sei rassistisch. Mir ist nur wichtig, dass ihr denkt, ich sei dünn“, sagt der bärtige Wonneproppen in Jogginghose.

Sein Lieblingsopfer trägt die gleichen Beinkleider, allerdings in rosa: Cindy aus Marzahn, der er verbal mehrfach im Intimbereich herumwühlt.

 

Polak sagt, er wäre einsam und nähme Antidepressiva ein. Diese Mittel limitierten sein Empfinden nach oben und nach unten. Er fühle nur noch im Mittelbereich, wie in Watte. Für die Depressiven schlägt er die Gründung einer eigenen Fluggesellschaft vor, der „Life’s not Easy Jet“. Deshalb die permanenten Grenzüberschreitungen, die Phantasie, mit Affen ein Geschäft zu machen. Ihre Füße können die Affen wie Hände benutzen, also könnten sie in einem Bordell vier Freier gleichzeitig befriedigen. Die armen Viecher! Jeden Tag dem Chef in Jogginghosen zu begegnen, kann kein Vergnügen sein! Die Bilder, die Polak im Kopf der Zuschauer generiert, sind eklig! Sie sprechen das jüngere Publikum an, das sich nicht mehr so leicht aus der Reserve locken lässt.

Und an die Jugend wendet sich Polak ganz direkt: „Bei euch Teenagern muss schon ein ICE durch‘s Arschloch fahren, damit sich etwas regt!“ Diese jungen Leute haben schon alles gesehen, ob im Kino oder im Internet. Ihre Gedanken pendeln nur noch zwischen Poppen und Alkopop. In Polaks Pubertätsphase ging es natürlich viel gesitteter zu. Damals, vor dem Krieg, pendelten die Jugendlichen zwischen Bravo und Berentzen Apfel. Da war die Welt noch in Ordnung, in den frühen 1990er Jahren…

Seit der Antike ist belegt, wie verdorben die aktuelle Jugend ist. Nachvollziehbar, dass Polak hier auch einmal austeilen will. Das gelingt ihm. Doch das ewige Herumgewichse wird irgendwann zu viel. Polak beweist, dass er viel mehr als ein einziges Thema pro Show stemmen kann. Er redet von den strengen Sicherheitskontrollen der israelischen Fluggesellschaft El Al, die ihn am Ende in der Schlange mit den besonders verdächtigen Fluggästen warten lassen: „Wenn ich zwei Dinge hasse, dann sind das Rassismus und diese Scheiß-Araber!“ Schlag auf Schlag rast er durch die Show: Ein Satz, ein Thema, ein Gag. Großartig.

Das rechte Maß zu finden, ist die noch nicht perfekt gelöste Aufgabe. Geklappt hat es beim Thema von Polaks jüdischer Identität. Im vorigen Programm war sie das Alleinstellungsmerkmal, bis zur Schmerzgrenze hat er sie ausgeweidet. In „Krankes Schwein“ kommt sie am Rande vor, etwa in der Frage: „Darf man das, als Jude in Deutschland Burn-Out haben?“ Oder in der Betrachtung, was Anne Frank bloggen würde, durchlitte sie heute ihre Geschichte. Es kann also klappen, das Zurückstutzen einzelner Themen auf ein erträgliches Maß. Herzlicher Applaus hat den Künstler jedoch auch schon am Ende dieser einstündigen Show umspült.

© 2014 BonMot-Berlin
Fotos: Daniel Josefsohn/ PR Oliver Polak

verwandte Artikel:
Jut jerechnet, aber nicht ganz koscher – Kritik Oliver Polak: “Jud süß sauer” (5.12.2010)

Homepage Oliver Polak – Homepage Wühlmäuse

 

 

 

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: