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Dem Sprit auf der Spur – Kritik Philipp Weber

Philipp Weber Durst - Foto Inka MeyerPhilipp Weber: „DURST – Warten auf Merlot“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Es sind nicht nur die Fans von Samuel Beckett, die sich beim Titel „DURST – Warten auf Merlot“ im Theatersaal der Berliner ufaFabrik versammelt haben.

Wer den aufklärerischen Stil von Philipp Weber schon in seinem vergangenen Programm „FUTTER – Streng verdaulich“ schätzen gelernt hat, kommt auch hier auf seine Kosten – ergänzt um eine nahegehende, sehr persönliche Geschichte.

Philipp Weber, der sich nicht nur als Kabarettist,

sondern auch als Verbraucher-Aufklärer einen Namen gemacht hat, spricht in seinem kurzweiligen Programm in erster Linie von Onkel Rudi. Den zeichnen drei Dinge aus: Er war Gastwirt, begeisterter Trinker – und er ist seit kurzem tot! Das nimmt Weber zum Anlass, den Umgang mit Alkohol zu überdenken. „Exzess und Maßlosigkeit sind Kennzeichen unserer Kultur“, sagt er. Das gilt auch für den Umgang mit Alkohol auf dem Land. Der Stoff gehört bei großen und kleinen Feiern einfach dazu. Übermäßiger Konsum wird toleriert, geradezu bewusst übersehen.

Sein Arzt rät Weber, vier Wochen lang auf Alkohol zu verzichten. Dann werde das Blutbild auch wieder besser sein. Doch das ist gar nicht so einfach und führt zum Nachdenken über den eigenen Alkoholgenuss. Trinkt er am Ende nur, weil es so üblich ist oder um zu verdrängen, dass er sich nicht genug um den Onkel gekümmert hat?

Philipp Weber denkt über die besonders Alkoholgefährdeten nach. Menschen, die in sozialen Berufen tätig sind, gehören dazu. Auch Verantwortungsträger, Ärzte und Künstler. „Man sollte trinken, wenn man glücklich ist, denn man kann sich nicht glücklich trinken“, rät Philipp Weber. Denn: „Alles, was Glück erzeugt, kann zur Sucht führen.“

Dieser intime Einblick in die Seele des Künstlers macht den Abend zu etwas Besonderem. Als Zuschauer kann man sich nämlich nicht verweigern, auch den eigenen Umgang mit Alkohol zu überdenken. Die Kombination aus Fachwissen und einer persönlichen Geschichte geht nahe.

Doch der Abend ist kein reines Destillat alkoholischer Reflektionen. Auch der Lifestyle ist gut vertreten – sei es in Form modischer Getränke oder modischer Krankheiten. ADHS, ruft Weber, sei schichtabhängig: „Das Apotheker-Kind hat ADHS, das Arbeiter-Kind hat einen Schlag.“ Weil wir unzufrieden sind mit uns und unseren Kindern finden wir Krankheitsbilder, die wir mit Lifestyle-Medikamenten bekämpfen.

Lifestyle ist auch der Kaffee-Vollautomat, an dem Philipp Weber verzweifelt. Der ist so kompliziert in der Handhabung, dass er morgens erst einen Pulverkaffee trinken muss, um fit genug fürs Drücken der vielen Knöpfchen zu sein. Voller Anspannung sitzt er auf seinem Stuhl am Bühnenrand, hat die Füße schon halb über die Bühnenkante gestellt und kippelt nach vorn! Dabei postuliert er: „Red Bull ist das größte Verbrechen der Getränke-Industrie seit der Einführung von Clausthaler alkoholfrei!“ Die übersüßten Brausen und Limonaden hat er genauso auf dem Kieker, wie die bei Vollmond abgefüllten Mineralwasser mit aktiviertem Sauerstoff. Alles Humbug, alles Geldschneiderei!

Weber sucht den Weg zu einfachen und klaren Produkten. Dafür will er kein weiteres Siegel für fairen Handel einführen, sondern das genaue Gegenteil: Ein Sauerei-Siegel! Mit dieser genialen Maßnahme könnte man auf einen Blick erkennen, dass ein Produkt nicht nachhaltig, sondern auf Kosten der Umwelt oder der Arbeiter hergestellt wurde. Er weist auf die fünftausend Liter Wasser hin, die wir täglich verbrauchen. Die werden nicht zum Trinken oder Waschen gebraucht, sondern sie stecken in den Produkten, die wir konsumieren – in der guten Tasse Kaffe genauso wie im T-Shirt. Deshalb ist „ein Tanga-Strip sinnvoller als eine Kittelschürze“.

Es sind viele Zahlen, die auf den Zuschauer herabregnen, doch durch eine Reihe kurzer Exkurse kommt man mit ihnen noch zurecht. Eines machen sie deutlich: Wir leben am Rande der Verhältnisse unseres Planeten. Philipp Webers Anspruch, darauf einen unterhaltsamen Abend lang hinzuweisen, erfüllt er voll und ganz.

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: Inka Meyer

Homepage Philipp Weber – Homepage ufaFabrik

Kategorien:Kabarett, Kritik
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