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Ein Glückstag – Kritik Axel Pätz

Axel Pätz - chill mal - Fotograf www-AlexLipp-de 2014Axel Pätz: „Chill mal!“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Auch in seinem dritten Solo-Programm „Chill mal!“ hat es sich Axel Pätz auf der Bühne gemütlich gemacht. Den halben Hausstand hat er in das Theater der Berliner Wühlmäuse mitgebracht:

Seinen Sessel aus der Adenauer-Zeit auf einen Teppichläufer gestellt und an den Flügel gerückt. Rund um das Tasteninstrument hat Axel Pätz Akkordeon und Ukulele drapiert. Ohne lange Vorrede begleitet ein Boogie-Woogie einen Sprechgesang über einen gefundenen goldenen Ring.

Damit beginnt sein Glückstag, über den er den Abend lang erzählt. Einem Schlagerproduzenten will er seine neueste musikalische Idee vorstellen. Sie wird abgelehnt. Mit einem Freund plant er einen Wellnesstag. Herren-Wellness natürlich, mit Pokerkoffer und einem Sixpack Bier. Der Termin kommt nicht zu Stande. Er sieht die furchtbaren Folgen eines Verkehrsunfalls und wird Zeuge, wie sich ein Mann bei einem Treppensturz schwer verletzt.

Ein merkwürdiger Glückstag, bei dem alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Das soll Glück sein? Es ist Glück, jedenfalls für Axel Pätz. Dafür findet er eine sehr elegante und schlüssige Begründung, die hier nicht verraten werden soll. Und er hat einen sehr schönen roten Faden, den er immer wieder aufgreift. Denn „Chill mal!“ ist mehr als die Beschreibung eines Glückstags.

Oft erzählt Pätz seine Geschichten nicht, sondern spielt sie. Herrlich, wie er mit seiner fünfjährigen Tochter ein Evaluierungsgespräch in bestem Business-Kauderwelsch führt. Oder wie er vom vermeintlich günstigen Einkaufen mit Gutscheinen und Rabatten berichtet. „Wir sind nicht weiter als die Römer: Brot und Spiele“, ruft er aus. Heute seien es Hartz IV und Fußball. Wobei die Fußballübertragungen den Vorteil hätten, dass in dieser Zeit die Kochshows ausfallen. Sogleich spielt er die Idee einer Sterbeshow durch, um die Schönheitswettbewerbe im Fernsehen weiterzuentwickeln.

Nicht nur die Geschichten, auch die Lieder im ersten Teil sind voll von schwarzem Humor. Auf die Mittelmeerinsel Lampadusa reimt er „Kleines Eiland nur für Looser“. Bei der „Berufswahl“ warnt er vor aussterbenden Berufen, wie Selbstmordattentäter und Amokläufer und in seinem „Schlagertraum“ wünscht er den Schlagersängern alles Böse. Boogie Woogie und lateinamerikanische Rhythmen geben den Songs einen kräftigen Schwung.

Nach der Pause steht mehr das Unterhaltende im Vordergrund. Zwar nimmt Axel Pätz anfangs noch die Vorbehalte gegen einige EU-Bürger aufs Korn: „Viele fänden es gut, wenn jeder Rumäne erstmal sieben Bürgen brächte, bevor er sich hier niederlässt.“ Schnell ist er dann bei „Conny“, einer computeraffinen jungen Frau, die mit EDV-Fachbegriffen ihrem Freund klarmacht, warum sie ihn rausschmeißt. Toll, wie das zusammenpasst! Voller Stolz erklärt Pätz sein System der „Noten-Tri(e)gelung“, damit endlich wieder mehr mitgesungen werden kann. Ein Glück, dass er damit scheitert, und das Programm ansonsten auch arm an Mitmachelementen ist.

Zu Hochform läuft Pätz bei seiner Version von „Ring of Fire“ auf, die bei ihm schlichtweg „I bin a Bayer“ heißt. Seine Vorstellungen von der „Ü-80-Party“ sind gar nicht so weit hergeholt und werden gerade deshalb heftig gefeiert. Axel Pätz präsentiert sich in „Chill mal!“ als Vollblutmusiker, der aberwitzige Ideen mit eingängigen Melodien kombiniert. Sehr schön und sehr schräg. Das Publikum ist hingerissen.

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: Alex Lipp

Homepage Axel Pätz – Homepage Wühlmäuse

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