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Promblembären auf Thunfischfang bei den Wühlmäusen – Kritik „Mann über Bord“

Mann über Bord - Hofschneider, Schnarre, Bürgi, van Parys - Foto © Dietrich DettmannEin heiterer Herrenausflug

von Gilles Chevalier

BERLIN – Für die Sommerzeit hat man sich bei den Berliner Wühlmäusen etwas Besonderes ausgedacht: Damit die Kollegen bei der Hitze nicht zu oft auf die Leiter steigen müssen, um die Außenwerbung zu ändern, gibt es fünf Wochen lang ein Stück en suite: „Mann über Bord – Eine musikalische Midlife-Krise“ heißt es.

Am Bodensee treffen sich vier Freunde zu einem Wochenende unter Männern. Seit Schulzeiten kennen sie sich, inzwischen sind sie schon fast 50. Jeder erzählt aus seinem Leben, schließlich sind hier vier Prototypen versammelt: Ein Besserwisser ohne Freundin, ein vermeintlich Schwuler, ein Schöner und Erfolgreicher und ein ganz normaler Bierbauch mit Mann dran.

An diesem Wochenende gerät die Welt dieser Vier jedoch aus den Fugen. Nichts ist mehr so, wie es schien, als sich der Schwule als heterosexuell outet und dem beruflich Erfolgreichen die Ehe und der Job um die Ohren fliegen. Der Besserwisser beendet seine frauenlose Zeit, während der Bierbauch das Rauchen aufgibt und seiner Frau nach vielen Jahren Ehe eine Liebeserklärung macht.

Das ist ein wenig viel Bewegung in den Lebensläufen. Schließlich dauert der Abend nur zwei Stunden. In dieser Zeit wird der Zuschauer mit allen Klischees und Problemen konfrontiert, die über Männer im Umlauf sind: Vom Altersunterschied zweier Partner ist über Rückenprobleme und die Unterschiede zwischen Mann und Frau – alles dabei. Dabei fällt auf, dass die Figuren eher übereinander als miteinander lachen. Auch üben sie sich oft in Vergleichen und fragen: Wer hat den größten – zum Beispiel Sex-Appeal oder Wagen. Das ist zwar typisch männlich, hilft aber nicht wirklich aus der Eindimensionalität der Charaktere heraus.

Schwungvoll wird es, wenn die Band „Die Wathosen“ zu Evergreens aus den sechziger bis achtziger Jahren anhebt. Allesamt sind sie mit neuen deutschen Texten versehen und der Handlung angepasst. Herrlich, wie aus dem James-Bond-Titel „Goldfinger“ ein „Colt Finger“ wird, der zur Prostata-Untersuchung eingeführt wird. Oder wie aus „We are Family“ von Sister Sledge „Freunde bleiben wir“ wird. Beherzt wurde in der Strophenzahl gekürzt, anders wären die 20 Musiktitel nicht unterzubringen.

Ein wenig hölzern wirkt dagegen manchmal die Choreographie, denn die offenbar gewollte Nicht-Synchronizität irritiert. Das Bild der jeweils drei im Background agierenden Schauspieler ist schief, wenn einer anders winkt oder den Schritt einen Hauch zu spät macht. Weniger wäre hier mehr gewesen. Doch das kann den heiteren Eindruck des Abends nicht nachhaltig trüben.

Hat man die Männer um die 50 denn nach dem Schlussapplaus besser verstanden? Nicht unbedingt. Aber man erkennt, dass es viel schlimmere Macken geben kann, als die beim Partner bekannten. Insofern ist „Mann über Bord“ auf jeden Fall eine friedenstiftende Maßnahme.

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: Dietrich Dettmann

„Mann über Bord – eine musikalische Midlife-Krise“
von Robert und Ulrike Brambeer, Regie: Matthias Freihof
mit Stephan Bürgi, René Hofschneider, Simon van Parys und Jens Schnarre
und der Band „Die Wathosen“

noch bis zum 17. August 2014
täglich außer montags im Theater der Wühlmäuse um 20 Uhr
Kartentelefon: 30 67 30 11

Homepage Wühlmäuse

Kategorien:Kritik, Schräges
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