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Der dritte Wettbewerbsabend in Sankt Ingbert 2014

2014 - Stankt Ingbert - 3. Wettbewerbstag - Romy Seibt - Foto © Rainer Hagedorn Collage Carlo WankaOn stage tonight: Alexandra Gauger,
Timo Wopp und Das Lumpenpack

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Alexandra Gauger ist Mezzosopranistin mit Opernhintergrund. Den schiebt sie aber ein wenig zur Seite, um Ausschnitte aus ihrem Programm „Spiel mir das Lied vom Glück“ zu zeigen. Gesangsparodie und Sozialkritik sind die Themen ihres Vortrags.

Gut, auf einen neu betexteten „Carmen“- Ausschnitt will sie nicht verzichten. Als sie bei Whitney Houston Wortfindungsstörungen diagnostiziert, hat sie das Publikum schon fast erobert.

In ihrer Version von „I Will Always Love You“ kann Gauger einen ganzen Hühnerstall unterbringen. Sie ganz auf den Gesang konzentriert, die musikalische Begleitung kommt aus dem Off. Auch zeigt sie, wie Peter Maffay klingen würde, wenn er auf die Melodie von „Purple Rain“ von Prince einen deutschen Text singen würde. Der Refrain in diesem Song gegen den inneren Schweinehund hieße dann: „Du störst im Saal, inneres Schwein“. Damit Peter Maffays Größe richtig zur Geltung kommt, singt Gauger das Lied auf der Bühne knienend…

Alexandra  Gauger "Spiel mir das Lied vom Glück"

Alexandra Gauger
„Spiel mir das Lied vom Glück“

Alexandra Gaugers Parodien kommen beim Publikum gut an. Die Originaltitel sind Welthits und wurden auf originelle Art mit neuem Text versehen. Aber nur einfach lustig zu unterhalten, reicht Gauger nicht. „Ich habe einen Teppich im Bett, denn mein Mann ist Türke, behaart wie ein Perser.“ Der Hintergrund dieser Passage ist autobiographisch, denn Gauger heißt – dank Fatih – auch Cevikkollu mit Nachnamen. Hier springt das Programm um, Gauger greift zur Gitarre und spielt eine türkische Volksweise.

Ganz ohne Veralberung stürzt sie sich in den Hip Hop „Second Hand Migrantin“. Frau Gauger war ja nach der Heirat immer noch die selbe, hatte nur einen türkischen Nachnamen. Doch auf einmal wird sie in der Gesellschaft ganz anders angesehen: „Ich weiß nicht, wo ich dran bin in diesem Land“, heißt es an einer Stelle. Der für deutsche Ohren ungewöhnliche Familienname führt zu Verwunderung und Ablehnung. Dieses Problem offen anzusprechen und selbstverständlich auch Gaugers komödiantische Fähigkeiten, feiert ein begeistertes Publikum mit rhythmischem Klatschen.

Mit ungeheurer Bühnenpräsenz tritt Timo Wopp auf. Fast scheint die große Bühne der Stadthalle zu klein zu sein für seine Sprüche: „Alles, was Snowden weiß, hat er auch nur aus dem Internet“, relativiert er. „Passion“ ist der Titel seines Programms, mit dem er die Zuschauer in ein Motivationsseminar mitnimmt. Selbstzweifel sind dem Mann fremd, der „eine schwere Jugend hatte“, weil er „aus der Hausbesitzer-Szene“ stammt! Er kennt all die Tricks der Managementseminare und weiß genau, wie man sie durch schräge Blicke und komische Schrittfolgen sabotieren kann.

Timo Wopp "Passion"

Timo Wopp
„Passion“

Wopp gibt den Coach, das Vorbild einer fehlgeleiteten Ideologie: „Glauben ist viel wichtiger als Wissen“, lautet einer seiner Grundsätze. Es ist eine unfassbar selbstherrliche Figur, der die Arroganz aus jedem Knopfloch stinkt. Allerdings so stark überhöht, dass man sie mögen kann. Trotz ihres Anspruchs, ständig besser zu sein und an der Spitze zu stehen: „Niveau wirkt nur von unten wie Arroganz“, verteidigt er sich. Notfalls greift er auch zu unfairen Mitteln, zieht dem wenige Monate alten Nachbarkind aus der Krabbelgruppe in einem unbeobachteten Moment die Beine weg – nur damit nicht so auffällt, dass sein Kind noch nicht krabbeln kann!

So ein Vortrag kommt nicht ohne Powerpoint-Präsentation aus. Bei Timo Wopp ist es eine haptische Powerpoint-Präsentation, die er mit drei Bällen vollführt. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen beschreibt er elegant in seiner Jonglage. Danach setzen erster Jubel und rhythmisches Klatschen ein. Doch Wopp motiviert noch mehr: „Denkt weiter als ihr kommen könnt!“, ruft er atemlos. Denn: „Ein deutscher Hahn kämpft bis zum Grill!“ Nach der Veranstaltung sagt er bei der kleinen Gesprächsrunde im Festivalkeller zum Publikum: „Erwartet hohe Qualität. Aber erwartet nicht, dass wir Künstler Dienstleister sind.“ Da hatte das Publikum diesen Pfannen-Kandidaten schon begeistert gefeiert.

Den dritten Auftritt des Abends gestaltet „Das Lumpenpack“. Die beiden Poetry Slammer Max Kennel, Jahrgang 1991, und Indiana Jonas, Jahrgang 1989, spielen seit zweieinhalb Jahren zusammen. Mit Ausschnitten aus ihrem ersten Programm, der „Steil-geh-Tour“, geben sie intime Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Twens. „Allein zu nichts nütze, zusammen eine Band“, lautet das Credo der beiden. Es ist eine übersichtliche Band, die von Max Kennel an der akustischen Gitarre gebildet wird.

Ihrer Mischung aus gemeinsam gesungenen Liedern und einzeln vorgetragenen Texten fordert den Zuschauer. Böse sind ihre Lieder, zum Beispiel „Silvester“. Hier hoffen sie auf das neue Jahr, in dem alles besser werden soll. Doch aus dem alten Trott können sie sich nicht lösen und arrangieren sich schließlich. Elegant verschwimmen hier die Zeitebenen.

Das Lumpenpack "Steil-geh-Tour"

Das Lumpenpack
„Steil-geh-Tour“

Oder „Joko und Klaas“. „Die Würde ist das Kapital“ heißt es zu Beginn dieser beißenden Mediensatire, in der sich die beiden den Medien für jeden Mist andienen. Anfangs zögern sie beim ersten Angebot noch, aber für die richtige Menge Geld werfen sie alle Bedenken über Bord. Präziser Duett-Gesang überzeugt zur geschlagenen Gitarre.

Im „Steil-geh-Tag“, um den Programmtitel endlich zu erklären, träumen sie von einem Tag, an dem etwas Ungewöhnliches passiert: Das kann der letzte freie Platz im Hörsaal sein oder die bestandene Uni-Prüfung, für die man gar nicht gelernt hat. Oder die Prüfung, durch die man trotz heftigen Lernens gefallen ist. „Das Lumpenpack“ ist dabei nicht frei von Selbstironie: „Auftritt in Sankt Ingbert. Es gibt Pfannen zu gewinnen, aber wir können nur Pizza…“

Die Texte der beiden haben es in sich. Indiana Jonas‘ „Auf dieser Tür steht drücken, doch die Welt zieht an mir vorbei“ ist die Biographie eines jungen Menschen. Nie war er der Schnellste: Nicht beim Laufenlernen, nicht bei der ersten Freundin und nicht beim Studieren, das er im Rhythmus Feiern-Essen-Schlafen gestaltet. Auf der Suche nach dem richtigen Takt irrt er durchs Leben, entschließt sich irgendwann zu einer schnelleren Taktung. Bis zur Zeile: „Gehirn.exe hat ein Problem festgestellt und muss beendet werden.“

Max Kennel lässt in seinem Slam über den Wilden Westen seine Figuren durch die Zeiten ziehen. Die Bösen von damals tauchen in der Gegenwart auf und haben sich zum US-Präsidenten hochgearbeitet. Wie wenig sich die Welt doch in den letzten 150 Jahren verändert hat, das Mühlrad der Zeit dreht sich ganz langsam weiter. Die Inhalte und die Inszenierung des „Lumpenpacks“ machen Lust auf mehr. Deshalb klatscht das Publikum in der Stadthalle rhythmisch und ausdauernd.

Fotos: Rainer Hagedorn
Collage: Carlo Wanka
© 2014 BonMot-Berlin

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