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Ohne Fracksausen mit dem Butzemann auf Spaß-Tour – Kritik Ass-Dur

Attachment - Foto Jan Wirdeier - PR Bar jeder VernunftAss-Dur: „3. Satz: Scherzo Spirituoso“

von Gilles Chevalier

BERLIN – „Wir haben im dritten Programm den Witz in die Aussprache gelegt“, sagt Benedikt Zeitner in seinem Frack und besteht auf der deutschen Aussprache des italienischen Wortes „scherzo“. Ein Scherz, zweifellos. Dominik Wagner am Stutzflügel trägt Kapuzenpulli und Jogginghose.

Uraufführung ihres dritten Programms war am 11. September 2014 in der Bar jeder Vernunft in Berlin. „Ein knalliges Datum“, bemerkt Zeitner, „denn an diesem Tag hat Franz Beckenbauer Geburtstag.“

Nach einer schmissig geswingten Eröffnung wird der Abend zunächst retardiert fortgesetzt. Ein wenig umständlich versuchen sie, Kontakt zum Publikum zu bekommen und bestimmen eine Zuschauersprecherin. Die Gruppe aus der Loge, die das Veranstaltungszelt erst nach Beginn der Show betreten hat, fühlt sich von ihr nicht repräsentiert. Mit lautem Geräusch fester Damenschuhe auf hölzernem Boden bewegt sich Eine aus der Gruppe auf die Theke zu. Von der Bühne angesprochen gibt sie an: „Wir haben nichts zu trinken!“ Dem geschulten Zuschauer fällt sofort Generalsekretär Michail G. aus Moskau ein. Der sprach bereits vor 25 Jahren von den schädlichen Folgen des Zuspätkommens…

Zeitner und Wagner lassen sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Dafür sind sie als ungleiches Paar zu sehr aufeinander eingespielt. Eher bringen sie sich gegenseitig aus dem Takt. Kaum einen seiner intellektuell aufgehübschten Gedanken kann Benedikt Zeitner zu Ende bringen, ohne dass Dominik Wagner ihn unterbricht. Vorwiegend mit fragenden Witzen nach dem Motto: „Was heißt ein Geigenkasten auf Kuba? – Fidel Castro!“ Das gibt einen Niveaukontrast, der Spaß macht.

Musiktheoretische Exkurse und die weltweite Verbreitung des Kinderliedes „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ beschäftigen die beiden Künstler. Sie können es in einer Version von Johann Sebastian Bach mit lateinischem Text oder in einer Jazz-Variante aufführen. Es gibt türkische und kubanische Fassungen des Liedes. Bei der afrikanischen geben sie dem Affen richtig Zucker: „In the jungle, the mighty jungle, the Butzemann sleeps tonight…“

Das Butzemann-Thema wird aber nicht überstrapaziert. Stattdessen zeigt Benedikt Zeitner seine Steppkünste und spielt auf der Geige ein gerade noch zu erkennendes Thema der „Kleinen Nachtmusik“. Dominik Wagner lässt sich nicht lange bitten und spielt virtuos auf dem Streichinstrument eine Sonate von Fritz Kreisler. Die wenigen Klavierakkorde steuert Dominik Wagner bei. Plötzlich fühlt man sich in einen Kammermusikabend versetzt, auch wenn die Geige ein wenig zu intensiv verstärkt wurde. Doch das hatte Vorteile, denn so wirkte der Schritt einer anderen Zuschauerin aus besagter Loge nicht ganz so störend, als sie unvermittelt zur Latrine stakste.

Im zweiten Teil von „3. Satz: Scherzo Spirituoso“ steht der weniger angemessen gekleidete Dominik Wagner etwas stärker im Vordergrund. Beide proben zwar noch gemeinsam ihre mündliche Prüfung vor dem Konservatorium und ziehen sich auch wieder auf offener Bühne um: Diesmal spielen sie dabei Mozarts Klaviersonate C-Dur, KV 545. Wenn das Stück im Fortgang etwas hängt, hängt meistens auch noch ein Ärmel. Ein herrlicher Quatsch!

Ganz still wird es dann, wenn Dominik Wagner mit Geige und Loop-Maschine Pachelbels Kanon (ohne Gigue!) aufführt. Toll, was Technik und ein guter Violinist möglich machen! Ass-Dur lebt schließlich gemeinsam sein Boygroup-Traum(a) aus. Zu einem Melodienstrauss emotionaler Boygroup-Melodien, die jeder 14-Jährigen Tränen in die Augen schießen lassen, zeigt Ass-Dur eine gut choreographierte Tanzeinlage. Ja, es ist eine „Spaß-Tour mit Ass-Dur“. Also, ich fand’s lustig!

Foto: Jan Wirdeier/ PR Bar jeder Vernunft
© 2014 BonMot-Berlin

Ass-Dur: „3. Satz: Scherzo Spirituoso“
noch bis zum 28. September 2014 täglich um 20 Uhr in Berlin, Bar jeder Vernunft,
außer montags, sonntags schon um 19 Uhr
Kartentelefon 030.883 15 82

Homepage Ass-Dur mit allen weiteren Terminen – Homepage Bar jeder Vernunft

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 27. September 2014 um 17:29

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