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Zwischen Sartre und Selbstoptimierung – Premierenkritik Florian Schroeder

Florian Schroeder 300 - Foto © Agentur Rampensau _ Gerd WinterleFlorian Schroeder: „Entscheidet Euch!“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Im Berliner Kabarettheater Die Wühlmäuse feiert Florian Schroeder die Premiere seines vierten Soloprogramms. „Entscheidet Euch!“ heißt es und ist eine gelungene Mischung aus Parodie, Politik und Gesellschaftsbetrachtung. Dabei hat Schroeder besonders seine eigene Generation ins Visier genommen: Die jungen Erwachsenen, die mitten im Leben stehen und nun wichtige Entscheidungen für die Zukunft treffen müssen.

Das kann der Kauf eines neuen Notebooks sein, der sich infolge der riesigen Auswahl schwierig gestaltet. Wie soll man bei 132 ähnlichen Produkten im Elektronikmarkt das Richtige finden? Oder der Kauf des richtigen Shampoos bei einem viele regalmeterlangen Angebot. Schroeders Problem dabei: Er ist „Optimierer“ und will bei jeder Entscheidung alle denkbaren Optionen beachten. Klar, dass er unter solchen Umständen recht lange für eine Entscheidung braucht.

Auch den sogenannten „Helikopter-Eltern“ schenkt er ordentlich ein. Diese Überbesorgten und alles Kontrollierenden, die zu jeder Tages- und Nachtzeit lautlos über ihren Kindern schweben, nennt er „NSA-Eltern“. Vielleicht wäre der Begriff „Drohnen-Eltern“ besser, aber wir wissen ja: Die Eltern tun all das nur zum Wohle des Kindes! Diese Elternart treibt einzig die Angst, dass ihre Kinder später nicht zu den Global Playern gehören könnten. Zwar kann es sein, dass nicht jedem Schoße ein hochbegabtes Kind entschlüpft, aber in unserem Fall…

Florian Schroeder analysiert die Entwicklung der Pärchengesellschaft. Früher waren die „Fusionspärchen“ vorherrschend, die alles gemeinsam gestalteten: Theater besuchen, Tee trinken, Tango tanzen. Heute gibt es immer mehr „Assoziierungspärchen“. Nach Schroeders Definition sind das Paare, „die zwar zusammen leben, aber auf getrennten Matratzen schlafen“, sich gegenseitig die Freiheit lassen und doch eine Einheit bilden. Schlimm ist das nicht, aber auch nicht konsequent.

Es braucht ein aufmerksames Publikum, um Schroeder in all seinen Feinheiten folgen zu können. Besonders, wenn er auf die philosophische Bahn gelangt. Genüsslich zieht er über Schopenhauers Frauenbild her, verweilt bei Kant, Sartre, Aristoteles und ihren Hauptthesen. Aber nur kurz, denn: „Sexuell gesehen waren die alten Griechen wie ein Haufen Sebastian Edathys, nur ohne WLAN.“ Da ist sie wieder, die Freiheit des Künstlers, sich über Politiker lustig zu machen.

Viele Bücher mit den Memoiren von Politikern heißen „Entscheidungen“. Aber wenn Merkels Memoiren auch „Entscheidungen“ heißen sollten, müssten Putins Memoiren mit „Ein bisschen Frieden“ überschrieben sein, sagt Schroeder. Überhaupt, die Kurzgewachsenen in vormals hohen Positionen. Da ist der Alt-Kanzler Gerhard Schröder, der jüngst seinen Geburtstag in St. Petersburg zusammen mit dem russischen Präsidenten feierte. Florian Schroeder dazu: „Stell Dir vor, Du bis Ex-Kanzler, wirst 70 und musst bis Russland fahren, um überhaupt jemanden zum Feiern zu finden!“

Das Programm „Entscheidet Euch!“ ist erfrischend zurückhaltend, was Politiker-Imitationen betrifft. Florian Schroeder übt sich mehr in der Kunst deutscher Dialekte: Da ist der norddeutsche Personalchef, der dem Kandidaten im Bewerbungsgespräch jede Aussage im Munde verdreht oder das sächselnde Pärchen, das den gemeinsamen Wandertag auf ganz unterschiedliche Weise beschreibt. Diese Stimmakrobatik lockert auf und nimmt dem philosophischen Entscheidungsseminar viel von dem ernsthaften Anliegen, einen Überblick zu geben.

Am Ende des langen Abends plädiert Schroeder entschieden für die Freiheit und weist den Staat in seine Grenzen. Das beginnt beim Einsatz der „Sprachpolizei“, um die Verwendung politisch korrekter Begriffe zu überwachen. Das endet bei den gesetzlichen Bestimmungen über das eigene Lebensende. Verbote sind für Schroeder immer ein Zeichen dafür, dass dem Verbietenden die Frage über den Kopf wächst. Dagegen wehrt er sich: „Der Staat ist mein Diener, auch wenn er sich ab und zu wie ein Schulmeister aufführt!“, ruft er entschieden aus. Zögernd reagiert das Publikum. Vielleicht, weil es von Schroeders Bestimmtheit in diesem Punkt und seinem philosophischen Parforceritt überrascht ist. An einer mangelnden Qualität des Abends kann es nicht gelegen haben.

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: Rampensau/ Gerhard Winterle – Dankeschön!

Homepage Florian Schroeder mit allen weiteren Terminen – Homepage Wühlmäuse

Am Freitag, 3. Oktober 2014, um 23:55 Uhr ist Florian Schroeder zu Gast im Kulturmagazin aspekte im zdf.

Florian Schroeder Microbutton Rampensau_Microbutton

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 8. September 2016 um 10:11

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