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„Objektiver“ Journalismus, verzerrte Wahrnehmung und ganz tolle Argumente – Kolumne von HG.Butzko

HG Butzko - Kolumne - design c.wankaLiebe Freunde des politischen Kabaretts,

ob Wladimir Putin ein Demokrat ist, und womöglich gar ein lupenreiner, kann jeder an der Behandlung von Oppositionskräften in Russland selber einschätzen. Dass man in dem Zusammenhang Ungarn nicht genauer unter die Lupe nehmen sollte, könnte vielleicht daran liegen, dass Ungarn Mitglied der NATO ist. Wie auch die Türkei.
Und mal ehrlich: So viele Lupen gibt’s ja gar nicht, wie man da reine Demokraten entdecken kann. Dass Putins Außenpolitik außerdem mitunter gegen das Völkerrecht verstößt, kann man allerdings auch nur übersehen, wenn man die Außenpolitik des Westens in Jugoslawien ebenfalls völkerrechtlich in Ordnung fand.

Das alles richtig einzuordnen ist übrigens Aufgabe der Presse. Und die stellt in weiten Teilen fest, dass die Mitverantwortung der Ukraine und des Westens am Konflikt mit Russland anscheinend so gering ist, dass man sie getrost herunterspielen, verschweigen oder gar leugnen darf.

Worauf selbst der neunköpfige ARD-Programmbeirat in einer Stellungnahme den ARD-Redaktionen vorwirft, dass wichtige und wesentliche Aspekte des Ukraine-Konflikts (Zitat:) „nicht oder nur unzureichend beleuchtet“ bzw. „nicht ausreichend differenziert“ worden seien. Nach einer „umfangreichen inhaltlichen Analyse in zehn Punkten“ habe der Beirat eine „unzureichende Arbeit der ARD“ festgestellt.

Und in der Tat, wer sich in den letzten Wochen und Monaten die diversen vor subjektiver Einseitigkeit nur so strotzenden Äußerungen diverser deutscher Journalisten zu Gemüte führen durfte, und dann jetzt als Reaktion auf Kritik an ihrer Arbeit von denselben Leuten zu hören bekommt, dass (Zitat:) „die Berichterstattung mehr als verantwortungsvoll, ausgewogen und professionell“ war, dann ist der Punkt erreicht, an dem diese Journalisten sich eigentlich fragen sollten, warum ihre ach so „mehr als verantwortungsvolle, ausgewogene und professionelle“ Berichterstattung beim Bürger dann nicht als eine solche ankommt?

Stattdessen aber wird lamentiert: dass die (Zitat:) „geäußerte Kritik von Leuten kommt, die mit den Berichterstattern kein Wort gewechselt haben.“

Mit anderen Worten: Wenn mir die Milch nicht schmeckt, soll nicht der Bauer sich selber, sondern ich den Bauern nach den Gründen fragen.

Wer genau das aber in letzter Zeit in den Kommentarspalten und Diskussionsforen besagter Journalisten versucht hat, der wurde großteils mit einer Mischung aus kritikunfähiger Selbstbeweihräucherung und bornierter Geringschätzung, bzw. besserwisserischer Rechthaberei abgekanzelt, dass das alles nur noch amüsieren könnte, wenn es nicht um Krieg oder Frieden ginge. Dabei kann man von solchen Journalisten dann immer wieder Argumente hören, die ungefähr genau so überzeugend sind, wie ein Dogma der katholischen Kirche. Es klingt nach Qualifikation, ist aber nur Machtanspruch und Deutungshoheit.

1. Argument:
„Sie sind kein Journalist.“
Wenn ein Journalist so etwas zu mir sagt, was will er mir damit eigentlich sagen? Dass ich meinen Augen und Ohren nicht mehr trauen darf, und die Art und Weise, wie ich Informationen sammle und verwerte, nichts taugt, und die Forderung Kants, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, hinfällig ist. Na, endlich sagt’s mal einer. Denn was macht einen Journalisten im Gegensatz zu mir zu einem Journalisten? Wenn der Lebensunterhalt von Honorarzahlungen aus einem Verlag oder Sender abhängig ist. Dann, und nur dann, ist man ein Vertreter der freien Presse. Na, wie gut, dass wir das mal geklärt haben.

2. Argument:
„Sie waren nicht vor Ort und haben dort keine eigenen Eindrücke gesammelt.“
Noch so ein Nullsatz. Wenn ich in Berlin bin, kann ich z. B. in Neukölln „vor Ort“ sein. Und wenn ich anschließend in eine Kamera gucke, und dann von „den Berlinern“ berichte, wird man schon 500 Meter weiter in Kreuzberg sich fragen, wovon der Mann da eigentlich redet. 5000 Meter weiter im Grunewald glaubt man, der Bericht käme vom Mond, und im Berliner Regierungsviertel hält man das für Nachrichten aus einem Paralleluniversum. Aber da ist das immer so, und deswegen nichts Besonderes.

Was mir jetzt beim besten Willen allerdings nicht in den Sinn käme, ist der Glaube, dass ich, aufgrund dieser eigenen Eindrücke ausgewogen und objektiv die Wahrheit berichte. Dazu braucht man eine Ausbildung zum Journalisten.

Ich hingegen mach ja „nur“ politisches Kabarett. Und wenn ich mir aber vor Augen führ, was ich in rund 20 Jahren schon alles an verzerrten Wahrnehmungen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, falschen Behauptungen bis hin zu schlicht erfundenen Lügen über mich oder meine Kollegen in den deutschen Medien genießen durfte, dann sind das eigene Eindrücke, die mir völlig ausreichen, um hochrechnen zu können, was ich von der Berichterstattung unserer Pressevertreter zu anderen Themen zu halten habe.

3. Argument:
„Seien Sie froh, dass Sie hier bei uns in Deutschland auch solche Meinungen frei äußern dürfen, ohne weg gesperrt zu werden.“
Und das stimmt. Dass ein Gustl Mollath jahrelang zu Unrecht in der Psychiatrie saß, und nicht so mancher deutscher Journalist, ist in der Tat ein Grund, froh zu sein.

Man fragt sich, ob es sich bei dieser mangelhaften Selbstwahrnehmung eigentlich um krankhafte Verdrängung oder perfide Heuchelei handelt. Beides hat etwas gemeinsam: Es zerstört Vertrauen in die Arbeit unserer Pressevertreter. Mit anderen Worten: Was wir zurzeit erleben, könnte man auch als ein Staatsversagen der 4. Gewalt bezeichnen!

Oder um es zusammen zu fassen: Was freu ich mich darauf, wenn demnächst mal wieder irgendein Vertreter dieser Reporterzunft meine Solidarität gegen Zeitungssterben und Massenentlassungen haben will.

 

In diesem Sinne wünsche ich uns:
LOVE & PEACE & EGGS TO SEA
von Herzen herzlichst Euer
Herz-Günter Butzko

 

©2014 HG.Butzko/ BonMoT-Berlin

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Kategorien:Kabarett, Schräges
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