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Sächsisch und bolidisch – Kritik Uwe Steimle

Uwe Steimle - Foto Guido WernerUwe Steimle: „Heimatstunde“

von Hans-Jürgen Lenhart

FRANKFURT – Wenn der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle im Westen auftritt, dann kann er sich in größeren Städten wie Frankfurt am Main zumindest sicher sein, auf eine Gemeinde ehemaliger Ostdeutscher zu stoßen, die seinen Auftritt zu einem halben Heimspiel machen.

Deshalb sprach Steimle bei seinem Auftritt im Neuen Theater in Frankfurt-Höchst auch gleich nach einer Handzeichenprobe vom „Vertriebenentreffen“ und betonte, wie wichtig ihm ist, was ihn und ehemalige DDR-Mitbürger zusammenbringt: Das Gefühl von Heimat.

Das mag zunächst verwundern: Ein Kabarettist als nostalgischer Romantiker? Aber gerade dieses Wort „Heimat“ hat für Ostdeutsche etwas Politisches. Offensichtlich ist es für viele etwas verloren Gegangenes: Im Westen wurde Heimat anders erlebt, im Osten ist der Sozialismus weitgehend verschwunden. Wer jetzt „Gott sei Dank!“ ruft, dem hält Steimle entgegen, dass das Heimatgefühl von Ostdeutschen nicht von der DDR getrennt werden kann und genauso von Wert ist wie für die meisten auf der Welt. Dabei erinnert er – passend zu 25 Jahren Wende oder wie er sagt: „Kehre“ – daran, dass vor den Sprechchören „Wir sind das Volk!“ damals zuerst „Wir bleiben hier!“ skandiert wurde.

Steimle ist aber kein Revisionist auf dem Brettl, vielmehr wehrt er sich dagegen, die DDR im Nachhinein als ausnahmslos negativ zu rezipieren – sozusagen als ein „Nachtreten“. Dabei kontert er oft damit, dass gerade die CDU sich in ihren heutigen politischen Vorsätzen manchmal verdächtig nach einer Kopie von Sonntagsreden von Honecker & Co anhört. Für ihn sind die neuen Bundesländer ein von Westdeutschland mit Ideologen des Wachstumswahnsinns unterwandertes Land, in denen Wessis und nicht Einheimische das Sagen haben. Steimle macht sich dabei zum Fürsprecher des Teils der ostdeutschen Bevölkerung, der sich fremdbestimmt, ja von westlicher Arroganz gar fremdregiert fühlt und der im gesamtdeutschen Einheitstaumel die gewachsene Identität zu verlieren droht. Zu dieser Fremdbestimmung gehört auch der für ihn einseitige deutsche Journalismus, der gegenüber Russland in alte Kalter-Krieg-Angstmache verfällt. „Nein, der Russe kommt nicht“, prophezeit Steimle dagegen.

Gekonnt umschifft Steimle aber die Gefahr, mit seinen Statements in die Gewässer eines Ossi- Querulanten abzugleiten. Er besteht darauf, dass seine Sichtweise nicht die eines Außenseiters post-sozialistischer Färbung ist, sondern angesichts einer zunehmenden Menge an Wahlverweigerern im Osten durchaus Stimmungsbarometer sein dürfte. Durch geschickte Wortspiele kitzelt er dabei trotz seiner ernsthaften Systemkritik laufend die Lacher hervor, etwa wenn er der Großen Koalition unterstellt, dass man mit ihr das „blaue Wunder“ erleben wird – eine Anspielung auf die berühmte Dresdner Elbebrücke: Auch da „halten ja die Nieten die Brücke zusammen“.

Kein einziger ostdeutscher Fußballverein ist nach 25 Jahren deutscher Einheit mehr in der Bundesliga. Es gibt kaum Ost-Produkte in westdeutschen Supermärkten. Die Absorbierung ostdeutscher Identität scheint so gut wie abgeschlossen zu sein. Aber Steimle kämpft gegen das gesamtdeutsche Einheitsdesign wie in seiner Fernsehserie „Steimles Welt“. Hier konnte er Ostdeutschland aufwerten und sogar eine Auszeichnung namens „Steimles Welt-Kulturerbe“ vergeben. Ein Weltkulturerbe ist schützenswert. Das stellt man nicht infrage. Und so ist auch sein Bekenntnis zum Sächsischen, seiner Heimatregion, als Gegenpol gegen kapitalistische Gleichschaltung zu verstehen.

In seinem Auftritt ist das Sächsische gleichzeitig der humorvoll unterhaltsame Gegenpol zu seinen selbstbewussten politischen Kommentaren, indem er Heimat noch mal auf andere Weise thematisiert: Die unfreiwillige Komik des Alltags im Osten. Da berichtet er von absonderlichen Schildern auf dem Dresdner Striezelmarkt, die „Original Sächsische Crêpes“ anbieten – ein semantischer Widerspruch in sich selbst – oder „Hirn to go“ bei einer ostdeutschen Metzgerei. Aber auch in diesen witzigen Schrulligkeiten bleibt Steimle letztlich doch politischer Kabarettist. Diese verunglückten Formulierungen sind für ihn nichts anderes als ein Zeichen, dass die Globalisierung und der unhinterfragte Zeitgeist auch den Osten erreicht haben.

In Steimles Programm „Heimatstunde“ vermischen sich politisches Kabarett, Kindheitserinnerungen und Alltagsbeobachtungen zunehmend, denn Steimle pflegt die hohe Kunst des gezielten Abschweifens. Ab und an blitzt auch seine Methodik der verschlüsselten Andeutung auf, etwa wenn er davon erzählt, wie er im Sozialismus immer als Kind mit den Ratten spielen musste. Mit wohl überlegten Formulierungen wählt er dieses Thema. Erzählt er diese Story im Westen, so berichtet er, kitzelt er sofort den Mitleidsfaktor des Wessi-Publikums hervor, weil dies die DDR noch immer am liebsten als Armenhaus sieht. Und wenn er die Geschichte weiterspinnt, dass man im Sozialismus die Ratten sogar mit durchgefüttert hat, weiß auch jeder Ossi sofort Bescheid, wie das gemeint ist.

Ab und zu schmeißt Steimle mit sinnigen Aphorismen um sich, etwa wenn er die Umtriebe der Neonazis im Osten mit „Zu viel Rotlicht macht braun!“ oder die SED-Zeit mit „Die DDR war ein Unrechtsstaat mit Gerechtigkeit und die BRD ein Rechtsstaat mit Ungerechtigkeiten.“ kommentiert. Da bekommt man das Gefühl einer gewissen Unentschiedenheit gegenüber dem Wirken der DDR-Zeit nicht los. Dennoch ist Steimle gerade für westdeutsch sozialisierte Besucher seines Programms eine kulturelle Horizonterweiterung.

© 2014 BonMoT-Berlin
Foto: Guido Werner

Die nächsten Termine HIER auf der Homepage von Uwe Steimle.

Kategorien:Kabarett, Kritik
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