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Selfie mit Weltgeschehen – Kritik Mathias Tretter

Mathias Tretter - Foto © Julia KobalzMathias Tretter: „Selfie“

von Harald Pfeifer

LEIPZIG – Die Gegenwart ist auf eine seltene Art verfahren. Nie ist so viel CO2 in die Welt gepustet worden wie heute, die Chinesen wollen den gleichen Lebensstandard wie wir, wo man hinsieht, gibt es Kriege, Flüchtlinge ohne Zahl, und man strebt nicht etwa nur nach Macht, es muss Weltmacht sein.

Und all das zählt der Kabarettist, von Tretter gespielt, in einem Ton auf, als wäre alles anders, wenn man ihn nur fragte. Er redet viel von Post, vor allem von Postdemokratie.

Am 9. Oktober hat er sein neues Programm „Selfie“ in Würzburg uraufgeführt, am 11. Oktober war dann Leipzigpremiere im academixer-Keller. Und die endete mit großem Applaus. Ein Programm, das kein Spektakel suchte.

Mathias Tretter gab sich beiläufig, dass man bei seinem gezeichneten Zeitbild in keinem Moment meinen konnte, es handele sich hier um Grundsätzliches. Wie zufällig kam er von einem Thema zum nächsten, mal aus dem eigenen Leben gegriffen, mal nüchtern auf die Welt gesehen.

Der Leipziger Kabarettist aus Würzburg zielt nicht auf Gemeinsinn im Publikum ab. Er verunsichert mit spöttischem Lächeln. Und „Selfie“ steht in seinem Programm auch für die Art, sich kritisch über die Schulter zu blicken. Er reflektiert aber nicht nur, welche Rolle er auf der Bühne, in den Medien oder überhaupt öffentlich spielt. Er sieht ebenso unbeirrt die verfahrene Situation auf dem Globus mit all den Glaubenskriegen, wie auch auf das Gerassel und die Spitzeleien der Ideologen. Man merkt, dass er nicht modern um jeden Preis ist. Denn in Abwandlung ist alles schon einmal da gewesen. Das illustriert er mit seiner wundervollen in SMS-Deutsch gehaltenen Faust-Parodie vor der Pause. Dichterisches Großformat wird mit modischer Einfaltsduselei konfrontiert.

Um bei seiner Weltbetrachtung die Perspektive wechseln zu können, geht er wiederholt ins Rollenspiel und auch in Dialoge über. Seine beiden Freunde Ansgar und Rico tauchen auf. Tretter zeigt, wie man die Dinge anders sehen kann. Übertreibung, Ironie und präzise Urteile folgen aufeinander. Man muss sich da aus allem schon seinen Vers selbst machen. Denn Mathias Tretter ist kein Überzeugungstäter, vielmehr zweifelt er aus Überzeugung. Nach zwei Stunden weiß man, dass er mit diesem überaus raffiniert umgehen kann. Und gesehen hat man am Abend ein Selfie mit Weltgeschehen.

©2014 BonMoT-Berlin
Foto: Julia Kobalz

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Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere

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