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Ringen mit der Steuer, Kämpfen mit der Sprache – Kritik

Rolf Miller - Foto © Guido Schröder & Stefan Waghubinger - Foto © Olaf BossiRolf Miller und Stefan Waghubinger beim 24. Köln Comedy Festival

von Marianne Kolarik

KÖLN – Der eine beschäftigt sich mit den Zukunftsträumen aus der Vergangenheit, der andere stolpert durch die deutsche Sprache, verheddert sich heillos beim Versuch, seine verqueren Gedankengänge in Worte zu fassen:

Stefan Waghubinger und Rolf Miller erlauben in ihren Programmen erhellende Einblicke in die männliche Psyche. „Alles andere ist primär“ heißt das Millersche Solo, mit dem er in der Comedia auftritt. Bräsig mit gespreizten Beinen auf einem Stuhl hingefläzt, redet er sich um Kopf und Kragen, ein Typ wie aus dem Bilderbuch für selbstgerechte Besserwisser, einer, der ungefragt zu allem seinen Senf gibt.

„Alles andere ist primär“ – Rolf Miller
Frauen erkennt er an ihrem Fahrstil („Die braucht ’ne psychopathische Behandlung“), die Schwester von Jürgen – oder war es Achim? – bezeichnet er als Biowaffe, Freund Achim benötigt nur fünf Minuten, um eine Sau auszunehmen, der Vater von Heiko ist erst 2001 in den Westen Deutschlands geflohen und von dem Whistleblower Rolf Miller - Foto © Guido SchröderSnowden lässt er sich schon gar nichts sagen. Wohl jeder kennt jemanden, der dem Mann auf der Bühne ähnelt.

In breiter süddeutscher Mundart streut er seine Stammtisch gesättigten Weisheiten unters Volk, lacht meckernd über offenbar gerade gewonnene Erkenntnisse („Der Mensch ist vom Typ her für die Frau geschaffen“) – frei nach Karl Kraus: „Es genügt nicht, sich keine Gedanken zu machen, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken“.

Millers Figur fasziniert nicht zuletzt durch die bis in die feinsten Verästelungen stimmige Präsenz, den mimischen Ausdruck, gepaart einer mit vielsagender Körpersprache und Denkpausen, die in verdrehte Wortkaskaden münden – wobei das Gelächter über den Mann auf der Bühne nicht zuletzt deswegen immer wieder aufbrandet, weil sich hier jemand bloß stellt, ohne es selbst zu bemerken. Ganz anders als Waghubinger, dessen Programm „Außergewöhnliche Belastungen“ heißt und als philosophischer Diskurs über die Zumutungen des Lebens die (Un-)Tiefen des Daseins auslotet.

„Außergewöhnliche Belastungen“ – Stefan Waghubinger
Der Tisch auf der Bühne des Senftöpfchen-Theaters ist mit Papierstapeln bedeckt. Daneben steht ein Wasserkocher, eine Tasse und ein Schuhkarton. Darin hat er die Quittungen für seine Steuererklärung gesammelt. Aber erst mal wird Kaffee gekocht. Und übers Leben und den Tod sinniert. Man wisse so vieles nicht, sagt der aus Österreich kommende und seit über 20 Jahren in Stuttgart beheimatete Kabarettist, auch nicht sein Todesdatum. Anschaulich gemacht an einem roten Gummi: „wenn der reißt, ist es vorbei“. Im Gegensatz zum Wasserkocher habe die Zeit keinen Knopf zum Ausschalten.

Stefan Waghubinger - iFoto © Olaf BossiWaghubinger erinnert sich an seine Kindheit, den Schrottplatz, auf dem er gespielt hat und seinen Traum, dereinst wie Captain Kirk durchs Universum zu treiben. Stattdessen strickte ihm die Mutter ein Biene Maja Kostüm: Enttäuschungen, die man auszuhalten lernt. Das Schlimmste war die Schule inklusive dem braven Mitschüler Bolzinger, der nun beim Finanzamt arbeitet.

Der große Kleinkünstler vergleicht Ameisen und Spitzenmanager („gehen von alleine weg, wenn es nichts mehr zu holen gibt“), erzählt von seiner Frau, die ihn wegen der Staubmilben verlassen hat und von Kühen, die Muuuh machen („damit ist alles gesagt“).

Kluge Gedanken („Veränderungen kann man an sich wahrnehmen, wenn man einen Menschen, der so ist wie man selbst vor drei Jahren war, für ein komplettes Arschloch hält“), witzige Beobachtungen („Jeder Mensch ist schön, bei dem einen sieht man’s, bei dem anderen nicht“), überraschende Fragen („Wieviel Ladefläche hat der große Wagen am nächtlichen Himmel?“) – Waghubinger verzahnt all das – und noch mehr – zu einem raumgreifenden Exkurs. Beim Comedy Festival hat er eigentlich gar nichts verloren, eher würde man ihn auf einer Theaterbühne ansiedeln, irgendwo zwischen Becketts „Endspiel“ und Süskinds „Kontrabass“. Trotzdem: wie schön, dass er da war.

© 2014 BonMoT-Berlin
Fotos: Rolf Miller – Guido Schröder | Stefan Waghubinger – Olaf Bossi

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Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik
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