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19. Chansonfest Berlin im Corbo – Kritik 2. Tag

Chansonfest-Berlin-2014 2 - Fotos Corbo - Collage Carlo WankaMeike Schrader, Stefan Waldow und die Band ‚Helikon‘

von Gilles Chevalier

BERLIN – Der zweite Abend beim 19. Chansonfest Berlin wurde von Künstlern aus Hamburg gestaltet. In der Kleinkunstbühne Corbo in Berlin-Treptow präsentierten Meike Schrader, Stefan Waldow und die Band ‚Helikon‘ ihre grundverschiedenen Herangehensweisen an das Genre Chanson.

Meike Schrader macht den Anfang. Ein Markenzeichen ihrer Musik ist die Klarheit, sowohl in Text als auch in Melodie. Am Stummelflügel spielt sie „Hamburg, mein Hafen“, eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt.

Keine Seemann-Klischees und kein Schunkellied, sondern ein klares Bekenntnis zum Hafen als Ort ewiger Bewegung, dessen Betrachtung so schön entspannen kann. Meike Schrader — Chansonfest 2014 - Foto Fendel & ZennerUnd ein Bekenntnis zur Stadt, die mit Menschen und Plätzen Schraders Ankerplatz im Leben ist.

Meike Schrader bevorzugt die leisen Töne. In „Ich fühl mich in mir zu Haus“ besingt sie ihre Zufriedenheit, aber nur „solang die Liebe reicht“. In „Halt mich“ beschreibt sie ein problembeladenes Zusammensein. So fest hat man sich verbissen, dass die Textzeile „So viel Kraft verschwenden, nur um sich wehzutun. Warum lassen wir die Sache nicht auf sich beruhen?“ darin auftaucht. Es gibt aber auch „Das Glück“. Hier bewahrt sich ein Paar trotz räumlicher Distanz dieses gute Gefühl. Egal wie weit auseinander – wir gehören zusammen und sind füreinander da. Schön!

Stefan Waldow, der zweite Künstler des Abends, scheint ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Seine Melodien sind schwungvoll und dennoch scheint er jedem Ton seinen Raum geben zu wollen. Er zelebriert beinahe jeden Anschlag, wirkt dabei aber weder pathetisch noch getragen. Waldow erscheint manchmal wie ein Stummfilmpianist, der sich im Jahrhundert geirrt hat.

Stefan Waldow — Chansonfest - Foto Fendel & Zenner„Sonne in Soho“ beschreibt Alltagsbeobachtungen aus London, wo er sich gezwungenermaßen ein paar Tage länger als geplant aufhalten musste. Ein wenig erinnert die Musik an die frühen Beatles und ist auch deshalb sehr eingängig. Die angenehme Atmosphäre der Stadt und das Glück, sich dort unverhofft länger aufhalten zu dürfen, scheinen in jeder Zeile durch.

Ungewöhnlich auch „Der Achtel-Däne in mir“. Waldow erklärt hier all seine kleinen persönlichkeitsbildenden Besonderheiten, die Bösartige als Macken bezeichnen würden, mit der Herkunft seines Urgroßvaters. Der war nämlich Däne und darf für alles Ungewöhnliche an ihm herhalten. Der mit spezifischen Begriffen gespickte Text macht beim Zuhören großen Spaß und bleibt trotzdem geradeheraus und klar.

Musikalisch bedient sich Stafan Waldow gerne beim Jazz. Ab und an fügt er sogar Scat-Gesang ein, zum Beispiel bei „Zwischen den Zeilen“. Bei dieser Liebeserklärung klappt alles tadellos und federleicht. Das große Gefühl gibt Schwung, den Stefan Waldow mit seinem Auftritt weitergibt.

Anne Otto von Helikon — Chansonfest 2014 - Foto Fendel & ZennerDen Abend beschließt Helikon als Trio: Anne Otto, Gesang, Jochen Schmadtke, Gitarre und Gesang sowie Simon Fröhlich am Bass. Die Drei haben ihre Zurückhaltung von früher abgelegt und sind schneller und lebhafter geworden. „Liebe heißt der Revolver, der mich trifft“, heißt es in einer Textzeile. Und schließlich: „Ich nehm‘ Dich mit zu mir, denn hinter dieser Tür sind wir allein, endlich allein.“

Die Texte sind dicht und laden zum Träumen ein. In „Ein Stück zum Glück“ heißt es: „Wir haben alles hier, uns fehlt nur ein kleines Stück zum Glück.“ Eine Einladung an jeden, sich über das eigene fehlende Puzzleteil Gedanken zu machen. In „Amerika“ will der Liebste nach New York, „und ich wollt‘ schon immer mal nach Amerika“.

Die große Kunst von Helikon ist, Lieder wie Seiten in einem Malbuch zu gestalten: Die Konturen sind vorgegeben, mit den Farben muss man selbst hantieren.

Die Sängerin Anne Otto, die noch vor zwei Jahren eine reizvoll-kühle Distanz mit ihrem Gesang ausdrückte, kontrastiert nun mit ihrer hohen und leicht brüchigen Stimme das Bass-Spiel: „Liebe tötet lautlos und nicht schnell. Ich wollt, es wär‘ alles schon vorbei. Mit einem Knopfdruck oder zwei“, heißt es in „Knopfdruck“. Träumerisch und schwebend geht der zweite Abend des 19. Chansonfestes Berlin zu Ende.

 

© 2014 BonMoT-Berlin
Fotos: M. Schrader, S. Waldow und Anne Otto von Helikon – Corbo, L. Zenner/Y. Fendel
Collage – C. Wanka

 
Homepage Chansonfest Berlin
Homepage Corbo

 

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  1. 19. September 2015 um 02:54

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