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Vornehm verelendet – Kritik Luise Kinseher

LuiseKinseher leidend Ruhe ©AnjaWechsler-quer„Ruhe bewahren“ mit Luise Kinseher
von Marianne Kolarik

KÖLN – In Aufzügen befinden sich häufig Schilder, auf denen „Ruhe bewahren“ zu lesen ist. Ein guter Rat für den Fall, dass das Ding stecken bleibt. Aber was soll man tun, so fragt sich Luise Kinseher in ihrem gleichnamigen Programm, wenn man abstürzt? Oder einen Mann in einem Fahrstuhl kennenlernt, der sich nicht meldet, obwohl man ihm seine Telefonnummer zugesteckt hat.

Die gepflegte Chefin im kleinen Schwarzen wischt verzweifelt auf ihrem Handy herum, schüttelt und dreht es hin und her – vergeblich. Aber sie wäre keine Frau, fände sie nicht eine plausible Erklärung für das Schweigen des Fremden: Er ist Galerist und befindet sich in New York. Also heißt es warten. Was nicht eben schöner macht. („Warten ist wie schlechtes Essen, man wird unansehnlich“). Oder man beruhigt sich mit der Vermutung, es handle sich um einen verheirateten, rechtsradikalen Waffenhändler.

Dass die aus München kommende Kabarettistin ihr Figurenarsenal ausdünnt und nur drei weibliche Wesen auf die Bühne zitiert, erweist sich als geschickter Schachzug: auf diese Weise kommt jede von ihnen zu ihrem Recht. Anders gesagt: Man lernt sie gründlicher kennen, sie erhalten mehr Tiefenschärfe – und werden in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit sichtbar. Die Chefin mit ihrer hohlen Hybris, hinter der eine zutiefst vereinsamte Person steckt. Oder Mary from Bavary, das „geile Haus“, das sich sichtlich angeschickert über moderne sprachliche Idiotien wie Powernapping auslässt und auf dem Besuch eines Stüberl statt einer Lounge besteht.

Und da ist Helga Frese, die aus dem Norden kommt, einen beigen Wettermantel und eine getönte Brille trägt und von ihrem Heinz berichtet, der inzwischen an Alzheimer erkrankt ist. Was dazu führt, dass er mit allem einverstanden ist („Heute ist das so, wie ich das sag“). Während Frau Frese die eine Hand bräsig auf der Brust platziert und die andere auf dem Bauch, erzählt sie von ihrer Nachbarin, einer Frau Kranich, deren Mann sich eine Thailänderin angeschafft habe und seitdem wesentlich ausgeglichener sei.

Die in Bayern als „Mama Bavaria“ weltberühmte Künstlerin – sie liest seit 2011 beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg den Politikern die Leviten – läuft unter der Regie von Beatrix Doderer zu spielerischer Hochform auf. Saukomisch, wie sie als Chefin ihren Bewegungsmangel thematisiert und diesen via App hin und her trippelnd auszugleichen versucht. Die 45Jährige sinniert über den schnellen Lauf der Zeit („früher ist man schneller gealtert, hat aber mehr Zeit gehabt“) und beklagt, dass in ihrer 1,4 Millionen teuren Eigentumswohnung das Handy versagt.

Man kennt dieses Jammern auf hohem Niveau, wobei Luise Kinseher ihre Figuren keineswegs der Lächerlichkeit preisgibt. Vielmehr gelingen ihr anrührende Studien, in denen deren Verlorenheit und Hilflosigkeit zum Vorschein kommt. Frauen, die bei dem Versuch, mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft Berge zu versetzen, zwar grandios scheitern, die aber tapfer weiter wursteln. Und dabei Ruhe bewahren.

© 2014 BonMoT-Berlin
Foto: © Anja Wechsler/ PR HP

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Kategorien:Kabarett, Kritik

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